Josef Gredler

Ohne Liebe welkt der Mensch dahin wie Gras, auf das kein Regen mehr fällt

 

Dorothea Sandherr-Klemp beschreibt im Stundenbuch Magnifikat, Ausgabe Oktober 2017, S. 305 mit poetischen Worten, was es mit der Liebe auf sich hat: „Wer nicht liebt, lässt den anderen verdorren. Wer sich nicht geliebt weiß, vertrocknet selbst.“ Es ist unsere Bestimmung, unsere Berufung, unser Schicksal zu lieben und geliebt zu werden. Da ist jemand, der oder die kann ohne meine Liebe nicht leben. Zugleich bin aber auch ich selbst jemand, der zwar nicht organisch, aber seelisch stirbt, wenn ich nicht von der Liebe eines anderen umfangen bin.

Der an äußerer Gestalt so kleinen Karmelitin, aber inwendig so großen Mystikerin Theresa von Lisieux wird der Satz zugeschrieben: „Ich habe niemals bereut, mich für die Liebe entschieden zu haben.“ Sie meinte damit ihr Leben, das sie ganz in Hingabe an Gott und die Menschen gelebt hat.  „Mein Gott, ich liebe dich“ sollen ihre letzten Worte gewesen sein, ehe sie 1897 im zarten Alter von vierundzwanzig Jahren verstarb. Sie konnte das nur sagen, weil sie sich so bedingungslos und unendlich von Gott geliebt wusste. Dem Bild vom „gerechten Gott“ mit seinen strengen Zügen hat sie die Züge eines „barmherzigen Vaters“ gegeben. Von ihm wusste sie sich so alles übersteigend geliebt, dass ihr ganzes Leben eine Hingabe werden konnte an Gott und die Menschen. Sie hat eine Wende in der christlichen Spiritualität herbeigeführt. Nicht mit strenger Askese wollte sie sich die Liebe Gottes „verdienen“, sich ihrer zumindest würdig erweisen. Sie hat einfach geliebt, von ganzem Herzen und leidenschaftlich.

Tausendfünfhundert Jahre vor ihr hat der große Heilige, Theologe und Kirchenlehrer Augustinus einen unglaublich kühnen Satz formuliert: „Ama et fac, quod vis!“ Der Satz lässt keine andere Übersetzungsvariante zu als „Liebe und tu, was du willst!“ Damit stellt Augustinus die Liebe ganz ins Zentrum christlichen Lebens, macht sie zur Quelle allen christlichen Handelns. Alles, was aus ihr strömt, ist gut. Die Zweifel der „Strenggläubigen“ haben ihren Grund im Missverständnis bzw. Unverständnis dessen, was Liebe ist. Augustinus meinte nicht einen Freibrief für liederliches Handeln, sondern war zutiefst überzeugt, dass aus der Liebe nur gutes Handeln möglich ist. Man könnte diesen Satz auch umdrehen und sagen: Tu alles, was du tust, aus Liebe! Wenn du gibst, tu es aus Liebe! Wenn du empfängst, tu es in Liebe! Wenn du schweigst, schweig aus Liebe! Wenn du Kritik übst, tu es aus Liebe! Wenn du ermahnst, ermahne aus Liebe! Man könnte diese Beispiele endlos fortsetzen. Wenn man sie versteht, wie Augustinus sie gemeint hat, erfährt man die lebensverändernde Kraft des Liebens und Geliebt-werdens.

Vierhundert Jahre vor Augustinus wollte ein Gesetzeslehrer Jesus auf die Probe stellen mit der verfänglichen Frage „Welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?“ Jesus antwortete zuerst mit Deuteronomium 6,4 „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Und dann mit Levitikus 19, 18: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Das war an sich nichts Neues, so stand es ja im Gesetz des Mose und der gesetzeskundige Fragesteller wusste das schon vorher. Aber Jesus hat dann – das stand nicht im Gesetz – diese beiden Gebote einander im Rang gleichgestellt: „ebenso wichtig ist das zweite“. Man darf also die eine Liebe nicht über die andere stellen. Und dann fügte Jesus etwas hinzu, was bisher noch niemand gewagt und gesagt hatte: „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten“, also die fünf Bücher des Mose und die Schriften der Propheten, gleichsam die gesamte Heilige Schrift des Judentums. Jesus machte die Liebe zum Aufhänger für alle Gebote. Alle Gebote müssen von der Liebe bestimmt und durchdrungen sein. Dieses Verständnis von Gesetz und Gebote führte immer wieder zu Konflikt und Konfrontation mit den Pharisäern, Schriftgelehrten und Sadduzäern. Dieses Verständnis von Gesetz und Gebot führte Jesus schlussendlich in den Tod am Kreuz. Bei Johannes sagt Jesus dazu: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Joh 15,12-13) Man kann trefflich sagen, alles dreht sich um die Liebe. Leider hat Jesu Verständnis von Gebot und Gesetz sich auch in der Kirche immer wieder nur in herausragenden bekannten und unbekannten Gestalten des Glaubens durchgesetzt oder konnte blitzlichtartig in manchen Bewegungen und Strömungen aufleuchten. Papst Franziskus folgt diesem Verständnis Jesu von Gesetz und Liebe und erntet dafür den Vorwurf hochrangiger Geistlicher im Vatikan, die sich zum Widerstand formieren, um Dogma und Gesetz vom Papst nicht schmälern zu lassen. Der Konflikt in den Evangelien wiederholt sich auch in der Kirche von heute. Eine Gruppe von hochrangigen Gesetzeshütern… hat die Rolle der Gesetzeslehrer und Pharisäer übernommen.

Die Liebe ist das alles Entscheidende, Ursprung und Ziel, das Alpha und das Omega. Der ganze Mensch, sein ganzer Glaube, die gesamte Fülle von Geboten und Vorschriften soll von Liebe durchdrungen sein. Der in der Kirche lange ausgegrenzt und unverstanden gebliebene französische Jesuit, Paläontologe, Anthropologe und Philosoph Teilhard De Chardin verbindet die Evolutionstheorie mit der christlichen Schöpfungsgeschichte und Heilsgeschichte und sieht Christus, den historischen Jesus von Nazaret, im Punkte Omega der Schöpfungsentwicklung bzw. Christogenese. Teilhard De Chardin, ein großer Liebender, sieht in der Liebe die schöpferische, kosmische Kraft, die in einem evolutiven Prozess der Amorisation die Schöpfung in diesen Punkt Omega, zu ihrem Ziel und ihrer Vollendung führt, in der der auferstandene Jesus von Nazaret, der Christus, alles an sich zieht.  

 

© Josef Gredler