Josef Gredler

Und er hatte den Wunsch, ihn einmal zu sehen

 

So steht es in der Einheitsübersetzung bei Lk 9,7. Mit „er“ ist der Tetrarch Herodes gemeint, mit „ihn“ Jesus von Nazaret. Herodes hat gehört, was durch diesen Wanderprediger aus Nazaret alles geschieht, wenn man den Leuten glauben kann. Ganz wundersame, unglaubliche Dinge werden von diesem Jesus berichtet, die meisten sind unweit von seinem, Herodes‘ Regierungssitz in Tiberias geschehen. Manche glauben, dieser Jesus sei der von Toten auferstandene Johannes, den Herodes ja enthaupten hat lassen. Andere wieder meinen, in Jesus sei Elija erschienen, den man erwarten durfte, ehe der tatsächliche Messias kommen sollte. Wieder andere glauben, irgendeiner der alten Propheten sei auferstanden. Herodes ist weit davon entfernt, Jesus auch nur ansatzweise in einem messianischen Erwartungshorizont zu sehen. Aber das ganze Gerede macht ihn stutzig, neugierig, sehr neugierig sogar. Was ist das für ein Mensch, von dem man solches berichtet? Wer ist dieser Jesus?  Er möchte ihn unbedingt einmal sehen. Ein ganz verständlicher Wunsch. Herodes steht in keiner wie immer auch gedachten Reich-Gottes-Erwartung und ist kein gläubiger Jude. Aber dieser Jesus, der sich da am See Gennesaret herumtreibt, quasi vor seiner Haustür, muss schon ein ungewöhnlicher Mensch sein. Und Herodes wird von einer Neugierde getrieben, die sich auch mit einer Portion Aberglaube vermischt hat. Vielleicht hat ihn eine Unruhe befallen, so nach dem Motto „wer weiß?“.

Aus einem ganz anderen Grund will der Thomas, einer der Zwölf, Jesus sehen. Als der gekreuzigte und begrabene Jesus am ersten Tag der Woche trotz verschlossener Türen plötzlich in der Mitte seiner Jünger steht, war er, Thomas, nicht dabei. Deshalb berichten sie ihm dann voll Freude: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Aber Thomas ist das zu wenig. Er kann und will das nicht glauben, nur weil die das sagen. Wenn er nicht mit eigenen Augen den auferstandenen Herrn sieht, glaubt er nicht. Dass der am Kreuz gestorbene Jesus lebt, ist er nur bereit zu glauben, wenn er auch mit eigenen Augen sieht, dass es so ist. Und damit er sicher sein, dass ihn seine Augen nicht täuschen, möchte er Jesus anfassen, angreifen, seine Wunden sehen und begreifen. Eine Woche später, als Jesus nochmals durch verschlossene Türen in die Mitte seiner Jünger tritt, ist auch Thomas dabei. Und Jesus tut Thomas den Gefallen und der kann den Auferstandenen tatsächlich sehen und berühren – und dann tief bewegt ausrufen „mein Herr und mein Gott!“. (Joh 20, 19-28)

Aber diesen Wunsch, Jesus einmal zu sehen, den haben wir doch auch. Wir sind in diesem Wunsch nicht von der bloßen Neugier des Herodes getrieben, sondern von den Zweifeln, die uns manchmal befallen, weil wir diesen Jesus ja nie wirklich zu Gesicht bekommen. Alles, was wir glauben, beruht auf einer aufgeschriebenen, verkündeten, gehörten und gelesenen Botschaft.  Auch wenn unsere persönlichen Glaubenserfahrungen mit der verkündeten Botschaft von Jesus übereinstimmen, werden sie doch immer wieder von Zweifeln eingeholt und bedroht. Aber wir brauchen uns dieser Zweifel nicht zu schämen, wir befinden uns damit in bester Gesellschaft. Große Gestalten des Glaubens, große Mystikerinnen und Mystiker haben die Nacht des Zweifels leidvoll erfahren und durchlebt. Ihn wirklich zu sehen könnte diese Nacht für immer vertreiben.  

Es scheint, als sei der Zweifel ein unverzichtbarer Teil unseres Glaubens und Vertrauens, unseres Hoffens und Erwartens, auch wenn wir nicht sehen. Selig sind wir nach Jesu Worten, wenn wir nicht sehen und doch glauben. Selig sind wir auch, wenn uns die Zweifel einholen oder gar erschüttern und ihre Dunkelheit sich über uns breitet. Wenn wir solche Nächte durchleben, auch am helllichten Tag, sind wir eins mit Thomas und möchten sehen und begreifen und acht Tage später mit ihm ausrufen „mein Herr und mein Gott“.

 

© Josef Gredler