Josef Gredler

103 Oh Happy Day

 

Dieser Gospelsong hat seinerzeit die internationalen Hitparaden gestürmt. Und zählt heute noch zum unverzichtbaren Repertoire „großer“ und „kleiner“ Chöre und Interpreten. Wie kaum ein anderer Gospel drückt er die große Sehnsucht aus, dass letztlich doch alles gut wird. In Gottesdiensten, vor allem als Schlusslied, setzt er ein Finale voll leidenschaftlicher eschatologischer Hoffnung, dass diese Welt und das Leben jeder einzelnen menschlichen Kreatur schlussendlich nicht im Nichts für immer versinken, in absurder Ungerechtigkeit erlöschen werden, sondern gewandelt werden zu neuem erlöstem ewigem Sein. Der karge Text mit den sich ständig wiederholenden Sequenzen und die sich fast bis zur Ekstase steigernde Musik verschmelzen darin zu einer leidenschaftlichen Einheit. Für Christen sollte fast nicht möglich sein, sich nicht mitreißen zu lassen und nicht auch selber einzustimmen in dieses Furioso der Hoffnung.

Oh Happy Day! Das ist es doch, was wir uns alle so sehr wünschen – dass er einmal kommt, dieser Tag, der aller Not, allem Leid, aller Ungerechtigkeit, allem Schrecken und aller Sinnlosigkeit nicht nur ein Ende bereitet, sondern all das Menschenbedrohliche und Menschenzerstörende dem Versinken in Endgültigkeit entreißt. Das Leben des Menschen, die ganze Schöpfung münden in diesen „happy day“, der zur Ewigkeit gerinnt. Dieser „Tag“ entreißt die Schöpfung ein für alle Mal den Kräften des Verderbens. Am Ende steht nicht die Nacht, sondern der Tag, nicht der Untergang, sondern die Auferstehung. Diese Erwartung des „happy day“ verändert die Vorzeichen der Melodie des Lebens. Durch alle Bedrohung, durch alles Unbegreifliche und alle Erfahrung des Bösen hindurch scheint die erlösende Verwandlung aller Kreatur. Oh Happy Day, dieser Gospel, dieses „good spell“, diese Gute Nachricht beruft sich nur auf einen Grund – Jesus (von Nazaret). „When he washed my sins away, oh happy day…“. Weil Er alle Sünden von mir, von dir abwäscht, sind wir berufen zu einer alles menschliche Verstehen übersteigenden Hoffnung. Die Dynamik der Schöpfung ist unumkehrbar und endgültig auf Heil eingestellt. Daran kann auch alles Unheil nichts ändern, es bleibt vordergründig und wird von einer ganz anderen Endgültigkeit besiegt werden.

Gospels haben sich aus den afroamerikanischen Negro-Spirituals entwickelt. Diese waren die Lieder der Hoffnung jener, deren Vorfahren man in den Weiten des Schwarzen Kontinents wie Tiere eingefangen und auf den neuentdeckten Kontinent verschifft hat, um sie dort wie Tiere auf den weiten Feldern arbeiten zu lassen – als Sklaven, denen nichts mehr geblieben ist als die Hoffnung, dass einmal der Tag kommt, der all dem ein Ende setzt. Dieser Glaube an den „happy day“, den Jesus zum „happy end“ der Menschheitsgeschichte macht, verheißt auch uns die endgültige Überwindung aller kleinen und großen Versklavungen unseres Lebens. Auch wenn wir nicht wie Sklaven auf den Baumwollplantagen Nordamerikas stehen, wie es viele Verfilmungen zeigen, sondern auf den Feldern unserer Probleme und Nöte, wir dürfen einstimmen in „Oh Happy Day“ und „live rejoicing everyday“, jeden Tag vor Freude singen, in alle Ewigkeit. Eigentlich wider alle Vernunft, wenn man beim Menschen den Schlusspunkt setzt.

Oh Happy Day ist kein anonymes Wetterleuchten am Horizont der Geschichte, sondern die Verheißung des Unfassbaren durch den, den wir als Menschgewordenen, für uns Gestorbenen und Auferstandenen und zur Vollendung Wiederkommenden bekennen.

 

© Josef Gredler