Josef Gredler

Von den klugen und törichten Jungfrauen

 

Es gibt in unserem Leben Situationen, da kommt es darauf an, dass wir ganz da sind, vorbereitet sind, darauf eingestellt sind. Das sind vor allem Ereignisse, denen etwas Einmaliges, Endgültiges anhaftet, die sich nicht wiederholen. „Jetzt oder nie“ ist die Devise für solche Situationen, Stunden oder vielleicht nur Augenblicke. Möglicherweise steht alles auf dem Spiel, ist diese Stunde von höchster existentieller Bedeutung. Wer nicht am Bahnsteig steht, wenn der Zug einfährt, kann nicht einsteigen und mitfahren. Der Zug fährt dann ohne uns ab. Ein solches Ereignis, eine solche Stunde meint Jesus, wenn er das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen erzählt (Mt 25, 1-13).

Der Rahmen dieses Gleichnisses ist eine Hochzeit im rabbinischen Judentum zur Zeit Jesu und ist uns heute fremd. Das Bild von den zehn Jungfrauen, die dem Bräutigam entgegengehen, von denen fünf klug und fünf töricht sind, hat in unserer Lebenswelt heute keine Entsprechung mehr. Aber wenn wir unser Lebensumfeld einmal außer Acht lassen und uns in Zeit und Umfeld Jesu hineindenken, können wir die Hürde dieser bildhaften Verschlüsselung überwinden und die Botschaft dahinter begreifen und die stilisierten Elemente wie „Bräutigam, Jungfrauen, töricht, klug, Lampe, Öl, Hochzeitssaal“ erahnen. Es geht um den Einlass ins Himmelreich, in das Reich Gottes. Dafür hat Jesus seine Familie in Nazaret verlassen, seine ganze Mission begonnen, dafür ist er in diese Welt gekommen und dafür ist er auf Golgatha in Jerusalem am Kreuz gestorben. Keine Frage, wenn Jesus vom Himmelreich redet, dann meint er das Letzte und alles Entscheidende unserer Existenz, wenn sie zur Ewigkeit gerinnt. Die Zuhörer verstanden die elementaren Bilder unmittelbarer, als wir es heute können.

Zehn Jungfrauen schicken sich an, dem Bräutigam entgegenzugehen und ihn, wie es Brauch bei  einer Hochzeit war, zu empfangen. Eigentlich hätte alles wie geplant ablaufen können. Aber der ganze helllichte Tage vergeht und der Bräutigam kommt einfach nicht. Eine ungewöhnliche Situation, mit der niemand gerechnet hat. Alle warten, aber der Bräutigam kommt und kommt nicht. Die Nacht bricht herein und der Bräutigam ist noch immer nicht da. Die zehn Jungfrauen haben den ganzen Tag vergeblich gewartet, werden müde und schlafen ein. Mitten in der Nacht plötzlich großer Lärm. Der Bräutigam kommt! Ungewöhnlich, aber darum geht es nicht.  Jesus stilisiert die ganze Handlung. Um dem Bräutigam in der Dunkelheit entgegenzugehen, brauchen die Jungfrauen jetzt ihre mitgebrachten Lampen. Fünf können ihre Lampen entzünden, weil sie klugerweise auch Öl mitgenommen haben. Aber die fünf anderen stellen entsetzt fest, dass sie kein Öl bei sich haben. Daran haben sie gar nicht gedacht. Ihre Lampen bleiben dunkel, nutzlos. Sie können nicht mit den anderen dem Bräutigam entgegengehen. Jesus nennt sie töricht. Als Ausweg aus dieser fatalen Situation bitten sie die fünf klugen Jungfrauen, dass sie ihnen etwas von ihrem Öl abgeben. Aber das geht nicht, denn dafür reicht ihr Öl auch wieder nicht. Bleibt nur noch, in Eile sich Öl zu besorgen, das von den Händlern vielerorts angeboten wird. Offensichtlich auch in den Nachtstunden. Als sie endlich wieder zurück sind, ist es leider schon zu spät. Die ganze Hochzeitsgesellschaft ist schon im Saal und dessen Türen sind schon verschlossen. Sie kommen nicht mehr hinein.

Wenn wir die stilisierten Elemente dieser Gleichniserzählung wie einen Vorhang beiseiteschieben, werden ganz elementare, für alle Ewigkeit gültigen Zusammenhänge sichtbar. Wenn wir kein Öl, keinen Brennstoff für unsere Lampe haben, bleiben unser Lampen, wenn es darauf ankommt, dunkel, kalt und unbrauchbar. Da ist dann kein Schein, in dem man den Bräutigam erkennen könnte. Es muss etwas brennen in unseren Lampen, in uns selbst – für den Bräutigam, für das Reich Gottes. Kalte, dunkle Lampen taugen dazu nicht. Aber das Öl, damit die Lampen, damit wir selber inwendig brennen können, kann man sich im Bedarfsfall nicht einfach von den anderen nehmen. Wir müssen selbst in Sehnsucht und Erwartung seines Kommens vorgesorgt haben, das Öl müssen wir selber bei uns, in uns haben. Und man kann nicht in letzter Minute alles von anderen ausborgen, von woanders besorgen, worum man sich bis dahin nicht gekümmert hat, was man Zeit seines Lebens nicht vernachlässigt und versäumt hat. Das Öl der anderen kann in uns gar nicht leuchten und brennen. Man kann sich für das Himmelreich auch nicht in letzter Minute auf Bestellung erwärmen, wenn bis dahin kein Feuer, keine Sehnsucht in uns war. Das Himmelreich oder Reich Gottes ist nicht einfach so zu haben, es will und möchte gesucht, erwartet, herbeigesehnt werden. Wenn man in dieser Sehnsucht lebt, spielt es auch gar keine Rolle, wann der „Bräutigam“ kommt.

Seid also wachsam, ermahnt Jesus seine Zuhörer. Wachsamkeit ist eine nicht mehr sehr vertraute Vokabel, unserem Sprachgebrauch fast abhandengekommen. Sie meint nicht sklavisches, misstrauisches Aufpassen, dass man ja nichts übersieht und überhört. Wach sein heißt ganz da sein. Wachsam sein bedeutet aufmerksam sein, voll Erwartung sein, Ausschau halten, vorbereitet, hellhörig, bereit sein. In der Wachsamkeit steckt auch Sehnsucht. Die fünf törichten Jungfrauen hatten nicht nur kein Öl für ihre Lampen, da war kein Feuer, kein Leuchten, kein Sehnen in ihrem Inwendigen.

 

© Josef Gredler