Josef Gredler

Höre dem Schweigen zu!

 

Die Broschüre „San Romedio – eine Wallfahrtsstätte auf dem Felsen“, von den Franziskanermönchen dort mit Texten von Bruder Pierluigi Svaldi erstellt, beginnt mit folgenden Worten:

San Romedio, ein abgelegener Ort,

dessen Schweigen spricht.

Der stetig rauschende Wildbach

erzählt immer von den gleichen Dingen,

die immer gültig bleiben

und aus der Quelle des Lebens schöpfen.

 

Ein Ort, der durch sein Schweigen zu den Menschen spricht, die ihn aufsuchen, braucht natürlich Abstand vom Lärm viel befahrener Verkehrswege, damit man das Schweigen überhaupt hört. So erhebt sich San Romedio, zurückgezogen von der vielbefahrenen Hauptverkehrsader, die durch das Nonstal führt, am Ende einer mehr als zwei Kilometer langen und teilweise über hundert Meter tiefen Schlucht auf einem jäh aufragenden schmalen Felsen, zu dessen Füßen sich zwei Bäche vereinen, um gemeinsam sich den Weg schluchtauswärts zu bahnen. Wenn nur der Felsen da wäre, man könnte sich nicht vorstellen, dass da oben eine Wallfahrtskirche, sogar ein ganzer Baukomplex einer Wallfahrtstätte stehen könnte. Ein erhebender Ort, dessen Schweigen seit tausend Jahren nicht ein Verstummen oder Versinken in Sprachlosigkeit ist, sondern „von den immer gleichen Dingen“ erzählt, die ihre Gültigkeit „aus der Quelle des Lebens“ schöpfend bewahrt haben. Das gleichmäßige, unablässige Rauschen des Baches begleitet aus der Tiefe das sprechende Schweigen dieses Ortes.

 

San Romedio, auf dem Felsen errichtet,

der Christus, der auf der Suche nach dem Menschen ist,

verloren zwischen den Sanddünen der Welt.

Das Memento mori,

eine Erinnerung an die Zeitweiligkeit des Menschen,

eines Pilgers zwischen Illusion und Wirklichkeit.

 

Der Felsen ist nicht bloß eine aus der Schlucht aufragende Gesteinsformation, die sich den Kräften der Natur verdankt, sondern will Abbildung eines inneren Felsens sein, der Menschen zum festen und sicheren Grund wird, weil er zum Zeichen für Christus wird, der sich auf die Suche nach Menschen begibt, die sich immer wieder zwischen den „Sanddünen der Welt“ wie ein Schaf zu verlieren drohen. Hier soll der Mensch sich seiner Zeitlichkeit bewusstwerden und erahnend begreifen, dass er zwischen „Illusion und Wirklichkeit“ pilgernd unterwegs ist durch die Niederungen und Abgründe seiner Welt hinauf zu einem aufragenden Felsen in der Höhe.

 

San Romedio, eine Wallfahrtsstätte,

umarmt von wuchtigen Felsen,

die ihr gegen die weltlichen Drangsale Schutz bieten.

Die Mühe, steile Steintreppen zu erklimmen,

erinnert uns daran, dass der Zugang zu den Dingen,

die zählen, niemals ein unmittelbarer ist.

 

San Romedio, seit Jahrhunderten Ziel unzähliger Pilger, steht nicht nur verheißungsvoll auf schmalem. festem Felsengrund, den zerstörerische Mächte und Gewalten nicht hinwegspülen können. Dieser Pilgerort wird zudem von Felsen ringsum schützend umarmt, damit weltliche Drangsale ihm und den Menschen, die hierhergekommen sind, nicht schaden können. Hier angekommen, darf man jedoch nicht stehen bleiben draußen vor dem Tor, sondern soll eintreten durch den Torbogen in den bergenden Innenhof und dann die fast hundert steilen Stufen aus Stein hinaufsteigen. Dieser Aufstieg mag mühsam sein und bedarf der Anstrengung wie der Zugang zu allen „Dingen, die zählen“. Man bekommt sie nicht im billigen und direkten Zugriff. Wie man dazu über die Treppen den Felsen hinaufsteigen muss, so sollen wir über Jesu Worte wie über einzelne Stufen den Gipfel unserer Bestimmung, das Ziel unserer irdischen Pilgerschaft erreichen.

 

Pilger, steige langsam herauf!

Lerne aus jedem Schritt!

Was zählt ist einzutreten,

nicht auf dem Gipfel anzukommen.

 

Auf diesem schweigenden Aufstieg sind nicht Eile und Hast geboten, langsam und bedächtig soll er sein, von betrachtenden Gedanken begleitet, niemand misst die Zeit. Damit wir jeden Schritt spüren und verinnerlichen und so den nächsten tun. Letztlich kommt es nicht darauf an, ganz oben anzukommen, sondern nach oben unterwegs zu bleiben. Die Richtung nach oben, der Blick nach oben sind wichtig.

 

Besucher, gehe weiter! Eine alte und doch

immer wieder neue Welt wartet auf dich.

Habe Mut und höre dem Schweigen zu!

 

Wir sollen nicht aufhören, sondern auf dem Weg bleiben, der nach oben führt. Auf diesem Anstieg wird die Welt immer wieder neu, auch die Welt da draußen, wo wir herkommen und wohin wir nach dieser Wallfahrt wieder zurückkehren. Diese alte Welt da draußen wartet auf uns und ist doch neu geworden, weil wir es sind, wenn wir von hier wieder zu ihr zurückkehren. Wir haben hier gelernt, dem Schweigen zuzuhören, und seine verwandelnde Kraft erfahren. Wer glaubt heute schon, dass man das Schweigen hören, ihm sogar zuhören kann? Deshalb braucht es Mut, auf dieses Schweigen fortan mehr hinzuhören, auf das eigene Schweigen und das der anderen, auf das Schweigen, das mich umgibt, auch auf das Schweigen, in dem Gott verborgen ist.

 

Man erreicht San Romedio am besten über den Mendelpass und fährt dann Richtung Süden bis Sanzeno. Dort kann man das Auto entweder beim Parkplatz vor dem Rätischen Museum abstellen und dann nach einer Stunde zu Fuß teils hoch über der Schlucht auf einem in den Felsen gehauen Pfad San Romedio erreichen. Man kann aber auch von Sanzeno aus mit einem Shuttlebus zwei Kilometer schluchteinwärts bis zum Parkplatz vor der Wallfahrtsstätte fahren oder diesen schattigen Weg von Sanzeno aus zu Fuß in einer Dreiviertelstunde zurücklegen.

Man kann jedoch den Weg auch von Romeno oder Don weiter im Norden beginnen und erreicht dann auf zwei verschiedenen Wanderwegen San Romedio. Ein Weg mündet von Norden vor der Wallfahrtstätte in die Schlucht, die Sanzeno mit San Romedio verbindet. Der andere Wanderweg verläuft etwas weiter im Osten, sodass man San Romedio von hinten = Osten erreicht. Der Weg nach San Romedio ist auch Teil des langen Jakobsweges. Die Wanderkarte Nr. 95 von Kompass über das Nonstal ist sicher eine wertvolle Orientierungshilfe.

 

© Josef Gredler