Josef Gredler

Ist Brot noch heilig?

 

Wenn der Großvater einen neuen Laib Brot nahm, machte er immer zuerst mit dem Messer ein dreifaches Kreuzzeichen darauf. Erst dann schnitt er die Scheiben davon ab, die wir essen konnten. Dieses Bild hat sich tief in mir eingeprägt. Brot musste etwas Heiliges ein, wenn der Großvater so andächtig damit umging. Er hatte wirklichen Hunger noch am eigenen Leib erfahren. Die lebensspendende Kraft des Brotes war ihm vertraut. Brot bedeutete Leben. Brot ist eine Gabe Gottes, sagte mein Großvater, und wir Kindern hätten das nie auch nur im entferntesten angezweifelt. Als ich im Mülleimer in der Volksschule einmal eine Scheibe Brot entdeckte, einfach weggeworfen, erschrak ich richtiggehend ob der Ehrfurchtslosigkeit gegenüber dieser Gottesgabe. Diese Ehrfurcht ist mir geblieben, sodass ich auch ein schon hartes Stück Brot noch aß, denn „das kann man ja nicht wegwerfen“. Einmal hob ich ein weggeworfenes Stück Brot von der Straße auf, um es daheim im Komposthaufen zu vergraben, damit es dort in den Kreislauf des Lebens zurückkehren kann. Brot darf nicht auf dem Müll landen! So halte ich es heute noch.

Wenn ich dann im Johannesevangelium (Joh 6,35 und 48) lese, wie Jesus in der Synagoge von Kafarnaum zu den Menschen sagt „Ich bin das Brot des Lebens“, braucht es keine lange Erklärung, um dieses Bildwort zu verstehen. Ich verbinde das, was Jesus gesagt hat, mit dem, was mein Großvater getan hat, und verstehe ohne lange exegetische Erklärung, dass Jesus der ist, der die Kraft zum Leben gibt, dass Jesus gleichsam das Leben ist (Joh 11,25). Und wenn er sich dann im eucharistischen Brot uns zur Speise gibt, treten wir in eine tiefe mystische communio ein. Jesu lebensverwandelnde Kraft ist keine abstrakte Terminologie, sondern möchte konkrete Wirklichkeit sein. Diese Erfahrung veranlasst Menschen, täglich Eucharistie zu feiern, weil sie jeden Tag von neuem dieser communio bedürfen. Es gibt den Hunger nach diesem Brot, das er und nur er uns geben kann und das er für uns ist. Da ist ein Hunger, der nicht mit Kalorien gestillt werden kann, der nach dem Inwendigsten verlangt, das zugleich das Äußerste und Höchste ist. Und niemand sonst kann diesen Hunger stillen als der, der an anderer Stelle gesagt hat „bleibt in mir, dann bleibe ich in euch“, weil er es ist, der uns am Leben erhält. Der Laib Brot, den mein Großvater vor dem Anschneiden bekreuzigt hat, hilft mir heute noch zu verstehen, was Jesus damals sagen wollte.

Die Zusage, die Jesus da in diesem Wort gibt, ist groß, aber sie fordert uns auch heraus. Damals in Kafarnaum ließen viele von Jesus ab, als hätte er ihnen die Latte zu hoch gelegt. Das Brot, das er wenige Tage vorher auf wunderbare Weise verteilt hatte, damit alle satt wurden, das hätten sie gern wieder und immer wieder gehabt. Sie dachten auch an das Brot, das in äußerster Not rettend „vom Himmel kam“ und ihre Väter am Leben erhielt. Hätte Jesus das Brot, das sich wundersam vermehrte, und das Brot von damals in der Wüste gemeint, das hätten sie verstanden und auch begehrt. Aber dass er selber dieses Brot sei, zur Speise für uns, das war zu viel des Guten. Viele ließen von ihm ab, nachdem er solches von sich gesagt hatte. Seine Worte waren ihnen unverständlich, sogar unerträglich. Herausgefordert werden auch wir heute jedes Mal, wenn wir Eucharistie feiern und in Gestalt des unscheinbaren Brotes seine Gegenwart, sein Bei-uns-Sein erkennen sollen. Gewiss sind unter uns einige, die von diesem Brot essen und Jesu Gegenwart, seine lebensverändernde Kraft erfahren und von diesem Brot nicht mehr lassen können.

Heute können die Menschen bei uns Brot jederzeit und frisch in unzähligen Variationen, Geschmacksrichtungen und Formen fast jederzeit kaufen. Es ist für viele gar kein Lebensmittel mehr, sondern ein Apetizer. Wenn es hart, pardon, nicht mehr ganz frisch ist, lassen sie es liegen oder schlimmer noch… Dass da Menschen sind, die dieses Brot, das am Ende des Tages unverkäuflich im Supermarkt übrigbleibt, dringend bräuchten und gerne hätten, nicht bekommen, ist unbegreiflich und unmenschlich. Dieses nicht mehr frische Brot von heute früh muss am Abend entsorgt werden. Keine hungernde Kreatur, ob Tier oder Mensch darf es bekommen. So verlangt es das Gesetz. Morgen früh kommt wieder frisches Brot in die Regale.  Da fällt mir wieder mein Großvater ein, wie er einen Laib Brot in die Hand nimmt und dreimal mit dem Messer bekreuzigt.

 

© Josef Gredler