Josef Gredler

Heilende Begegnungen mit Jesus von Nazaret

 

Der Täufer Johannes sitzt im Gefängnis. Herodes hat ihn gefangen nehmen lassen. Da hört Johannes von den heilenden Wundertaten Jesu. Wer solche Taten vollbringen kann, der muss doch der sein, auf den alle warten. Natürlich erinnert er sich, wie dieser Jesus am Jordan zu ihm gekommen ist, um sich taufen zu lassen. Johannes will es definitiv wissen und schickt deshalb seine Jünger zu Jesus. Sie müssen ihn ganz direkt fragen: „Bist du es, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Mit anderen Worten: „Bist du der erwartete Messias?“ Jesus lässt Johannes ausrichten – auf sein Wunderzeichen verweisend: „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf!“ Die Evangelien berichten zigfach von Jesu Wunderheilungen. Dieser heilende Jesus, wir nennen ihn auch den Heiland, soll als der erwartete Messias zu erkennen sein. Seine wundersamen, zeichenhaften Heilungen sollten die Wahrheit seiner Botschaft vom beginnenden Reich Gottes bezeugen. Jesus zieht nicht als Wunderheiler durch das Land, sondern um die Menschen für das Reich Gottes zu sammeln. So können auch wir uns aufmachen, um betrachtend diesem heilenden Jesus zu begegnen. Eine besonders bewegende Heilung ist die des Blinden bei Jericho. Ich versenke mich jetzt in das „Schicksal“ dieses Bettlers:

Seit meiner Kindheit bin ich blind. Die Blindheit hat mich zum Bettler gemacht. Da ist kein Sozialsystem, das mich in meiner Not auffangen würde. Ich bin ausschließlich auf die Hilfe der Menschen angewiesen. Dass alle glauben, meine Blindheit sei eine Strafe Gottes für Verfehlungen, die ich oder meine Eltern begangen haben, stempelt mich öffentlich zum Sünder. Blind, Bettler, Sünder! Es ist ein schweres Los, das ich zu tragen habe. Ein erbarmungswürdiges Dasein! Jeden Tag komme ich hierher und setze mich an den Straßenrand am Eingang der Stadt. Wenn ich jemanden vorbeikommen höre, dann rufe ich laut um eine erbarmende Gabe. Heute morgen haben die Leute erzählt, dass dieser Jesus aus Nazaret unterwegs nach Jericho sei. Ich habe schon von ihm gehört. Er soll oben in Galiläa viele Menschen geheilt haben, auch Blinde. Manche nennen ihn Sohn Davids, weil sein Vater Josef ja ein Nazoräer aus dem Haus und Geschlecht Davids war. Das ist die Chance meines Lebens. Die muss ich ergreifen. Da höre ich schon Leute kommen und rufen, dass jetzt dieser Jesus kommt. Ich muss laut schreien, dass er mich hört: „Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus, Sohn Davids…“ die Leute sagen, ich muss still sein, aber ich kann nicht. Diese Gelegenheit kommt nie wieder. „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus…!“ Auf einmal sagen die Leute zu mir, dass ich aufstehen soll, Jesus möchte, dass ich zu ihm komme. Ich springe auf, streife den Mantel ab und laufe dorthin, von wo die Stimmen kommen. Auf einmal fragt mich jemand, es muss Jesus ein: „Was willst du von mir?“ Ich möchte wieder sehen können. Ich bin mir sicher, dieser Jesus kann mich wieder sehend machen. Da sagt er: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Und da, was ist das, auf einmal… ich kann wieder sehen! Wie damals, als ich noch ein Kind war. Ich sehe diesen Jesus, sein Gesicht, noch immer ist sein Blick auf mich gerichtet. Schnell ihm nach! „Er will hinauf nach Jerusalem“, sagen die Jünger, die ihn begleiten.

Da ist eine Frau mit einem gekrümmten Rücken. Sie kann nicht mehr aufrecht gehen, nicht einmal gerade stehen: …seit achtzehn Jahren muss ich auf den Boden starren. Ich kann keinem Menschen in die Augen schauen. Ja, ich habe sie gezählt diese Jahre. Seit achtzehn Jahren habe ich den Himmel nicht mehr gesehen. Ich lebe mein eigenes einsames Leben, immer mit dem Blick auf den Boden, nur den Boden sehe ich. Wie sehr sehne ich mich danach, wieder gerade stehen zu können, aufschauen zu können, am Leben der Menschen teilhaben zu können. Niemand sieht, wenn ich weine. Dieser Jesus aus Nazaret könnte mich vielleicht heilen, wie er andere auch geheilt hat. Ein Gelähmter hat sogar wieder gehen können. Aber heute ist Sabbat und am Sabbat darf man nicht heilen. So sagen die Gesetzeslehrer und auch der Synagogenvorsteher hat das gesagt. Und morgen ist dieser Jesus sicher schon wieder weitergezogen. Da ruft mich plötzlich jemand beim Namen. Ich kann nicht einmal sehen, wer es ist. Und auf einmal sagt er zu mir: „Du bist von deinem Leiden erlöst.“ Wer kann so etwas sagen? Und ich spüre seine Hände, wie sie mein Haar berühren. Es muss dieser Jesus sein. Und auf einmal spüre ich, dass ich mich aufrichten kann. Ich kann sogar geradestehen. Ich sehe die Menschen wieder, ihre Gesichter. Ich kann sogar aufschauen zum Himmel. Mein Gott, ist die Welt schön! Ich bin geheilt, von meinem Leiden erlöst! Was für ein Tag! Mein Leben beginnt neu!

So versenke ich mich auch in den Aussätzigen (Mk 1,40-45), in den Gelähmten (Lk 5, 17-26), in den Besessenen (Mk 1,21-28) in den Taubstummen (Mk 7,31-37) und erfahre aus diesem Blickwinkel die heilende Kraft Jesu.

Diese biblischen Betrachtungen kann ich zu einer geistlichen Woche heilender Jesusbegegnungen werden lassen, indem ich jeden Tag

  1. zuerst ganz langsam und betrachtend die Perikope lese und dabei auch auf Einzelheiten im Text achte,
  2. dann mit dem/der Heilungsbedürftigen gleichsam den Platz und die Rolle tausche und die ganze Perikope aus seinem/ihrem Blickwinkel nacherlebe (Imagination),
  3. dabei besonders das Zwiegespräch mit Jesus ausgestalte, was ich alles sage, was Jesus alles sagt,
  4. dann wieder zurückkehren/aufwache ins Hier und Jetzt und meine Anliegen für diesen Tag, diese Woche zur Heilung meiner aktuellen „Blindheit“, „Taubheit“, „Lähmung“, „Besessenheit“… formuliere.

 

© Josef Gredler