Josef Gredler

Erhebende Orte

 

Wir kommen an einen Ort und spüren, dass uns dieser inwendig berührt, ergreift… Kann sein, dass es die Aussicht ist, ein Blick, der sich auftut und uns schauen lässt. Kann sein, dass es einfach die Stimmung ist, in die wir hier eintauchen. Vielleicht genießen wir es, uns von den Sonnenstrahlen erwärmen zu lassen, oder wir genießen den kühlenden Schatten. Vielleicht ist es der leichte Wind, der uns sachte streift, das Schweigen, das uns umgibt, die Dunkelheit, die schützend Geborgenheit schenkt, der Boden unter den Füßen, der uns so leicht und angenehm dahingehen lässt. Vielleicht sind es die zarten Geräusche, die man so leicht sonst überhören könnte, vielleicht eine Stimme, die zu hören so guttut, vielleicht ein Gesicht, in das wir gerne schauen, vielleicht… Wir spüren die verwandelnde Kraft, die von diesem Ort ausgeht, und wir kommen wieder hierher, um diese Verwandlung zu erfahren, als würde sie unserer Seele Flügel verleihen, mit denen wir uns erheben können über alles Belastende und Niederdrückende. Und wir kommen wieder hierher in der Hoffnung, diese verwandelnde Kraft von neuem zu spüren, wieder die Schwingen unserer Seele ausbreiten zu dürfen und zum Flug anzusetzen. Solche „örtlichen“ Erfahrungen gibt es in den flachen profanen Ebenen unseres Lebens ebenso wie in den spirituellen Höhen. Es gibt diese erhebenden, verwandelnden Orte und es ist gut, wenn wir solche Orte haben, und wir tun gut daran, diese immer wieder aufzusuchen und unser Inwendiges einfach dieser Verwandlung zu überlassen, die auch etwas Geheimnisvolles an sich hat, weil wir oft gar nicht wissen, was es eigentlich ist, das uns so in diese Verwandlung nimmt. Glaubend, hoffend ahnen wir, wer es ist. Wenn wir diesen Ort nach einer Weile wieder verlassen müssen, dann sind wir nicht mehr derselbe Mensch, der gekommen ist. Man nannte oder nennt solche Orte auch Kraftorte, und wer religiös denkt und fühlt, der spürt, dass solchen Orten auch etwas Heiliges innewohnt. Manchmal sind solche Orte aber weit, zu weit entfernt, als dass wir sie regelmäßig immer wieder aufsuchen könnten. Dann hilft es, die Augen zu schließen und sich diesen Ort vorzustellen, mit den Gedanken dort zu sein. Und wenn man dann nach längerer Zeit wieder leibhaftig dort sein kann, dann darf die Seele wieder „aufladen“ und sich neue Kraft holen für ihre nächsten „Ausflüge“ hierher.

Ein solcher Ort ist mir Sant’Antimo, diese alte romanische Abteikirche, die da über allem Vergänglichen verheißungsvoll in der weiten Talebene der Starcia steht. Immer wieder, manchmal täglich, trete ich durch das bereits geöffnete Tor ein, muss zuerst noch drei Stufen abwärts steigen und bleibe, vom Eindruck des Inwendigen dieser Kirche zutiefst ergriffen, einfach stehen. Nur staunen, atmen, schauen, fühlen, sogar hören –  hinein in die Stille. Noch nie hat mich eine Kirche ihre Bestimmung auf solche Weise spüren lassen. Romanische Kargheit prägt das Innere dieser Kirche, die allem Banalen und bloß Diesseitigen entrückt scheint. Noch immer ganz hinten am Eingang stehend, überbrücken meine Augen das lange Mittelschiff und werden vom Altarraum angezogen, der ganz im Licht der Morgensonne steht, die auf das hoch aufragende, achthundert Jahre alte Kreuz aus Holz hinweist, das nicht die geometrische, aber die wahre Mitte dieser Kirche ist. Um Neun kommen dann fünf Mönche und stimmen zur Terz den gregorianischen Choral an. Es ist, als würden sich die Alabastersteine in Gesang verwandeln. Die ganze Kirche ist vom Licht erhellt, das durch zweiundvierzig Fensteröffnungen in sie eindringt, wo es gleichsam verwandelt, angereichert mit dem Hauch des Ewigen wird, um sich wieder zu verströmen, hin zu den Menschen, hinaus in die Welt. Diese Kirche steht nicht zufällig hier an diesem Ort. Die alten Baumeister wussten um die geheimnisvollen Kräfte, die von manchen Orten ausgehen. Unzählige Menschen vor mir waren, so wie ich jetzt, überzeugt, diese Kräfte zu spüren. auch

Gott sei Dank habe ich auch ganz in meiner Nähe einen mich erhebenden Ort. Am Fuße der Nordkette, hoch über Mühlau steht der neue Karmel St. Josef – St. Teresa, ein schlichter, weiß getünchter moderner Bau. Hat mit Sant’Antimo nichts gemeinsam, oder doch, seine Tür, die Tür der Kirche, ist von 6 Uhr 50 bis 18 Uhr geöffnet für alle, die eintreten wollen, um betend zu verweilen und auch ein wenig in die Verwandlung einzutreten. Eine heilige und heilende Stille dort, der Tabernakel ganz in der Mitte. Die geistlichen Schwestern, die nach den Regeln der heiligen Teresa von Avila und des heiligen Johannes von Kreuz beschaulich leben, halten ihre Kirchentür für die Menschen „draußen“ offen. Wie gut tut es, am Morgen dort einzutreten, in der Stille seinen Platz zu suchen und später die Laudes mit den Schwestern des Karmels mitzubeten, die sich noch hinter einem hohen, breiten Vorhang verborgen halten, dann aber zur Heiligen Messe diesen beiseiteschieben, um so gemeinsam mit denen, die von draußen gekommen sind, das Geheimnis des Glaubens zu feiern. Es sind nicht viele, die da gekommen sind, ein paar nur. Viele wissen ja gar nicht um diesen Ort.  Er ist mir ein Geschenk, ich bin so dankbar dafür, dass er auch mir offensteht.

 

© Josef Gredler