Josef Gredler

Weihnachten und Aleppo

 

Wir wünschen einander frohe Weihnachten – persönlich, telefonisch, per E-Mail, SMS oder Whatsapp oder verschicken Weihnachtsgrüße mit der Post oder hängen sie mit einem kleinen Billett an ein Geschenk. Für solche geschriebenen Weihnachtswünsche suchen wir jedes Jahr wieder neu die passenden Worte, um die Wünsche von heuer nicht in das „Papier“ vom letzten Jahr zu verpacken. Wir möchten die Wünsche nicht zu banal formulieren, sie sollen dem Geheimnis dieser Nacht möglichst nahekommen, zumindest ein wenig weihnachtlich stimmen. Wenn der Empfänger unserer Wünsche der Menschwerdung Gottes nicht so zugetan ist, dann fallen unsere Worte etwas profaner aus. Wenn wir den Empfänger jedoch tiefer verwurzelt in der Botschaft der Weihnacht wissen, dann lassen wir unsere Worte auch tiefer in das Geheimnis eindringen. Selber möchten wir uns auch in eine weihnachtliche Strömung stellen und von ihr nicht bloß gestreift werden. Wir möchten weihnachtlich berührt werden. Manchmal fällt uns das leichter, manchmal schwerer. Wobei da die globale „Großwetterlage“ eine große Rolle spielt. Das Elend so vieler Menschen, von dem wir täglich erfahren, lässt uns zögern, von einem weihnachtlichen Frieden zu reden oder zu schreiben. Der kein nur oberflächlicher Friede sein soll, sondern aus der Tiefe des weihnachtlichen Geheimnisses aufsteigend. So fällt es heuer noch schwerer als in den Jahren zuvor, für die Freude und den Frieden der Weihnacht die richtigen Worte zu finden.

Der Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin wenige Tage vor dem Fest mahnt uns, nicht leichtfertig und billig weihnachtlichen Frieden herbeizureden. Unsere schönen Worte könnten in der Kälte der Gewalt leicht zu Eisklumpen frieren, die vom Himmel fallen. Die Bewohner von Aleppo möchten mit Ochs und Esel tauschen, die im Stall der Weihnachtskrippe stehen. Zu den Hirten draußen auf den Feldern von Betlehem kamen damals Engel vom Himmel, um ihnen die Freude dieser Nacht kundzutun. Gerne würden wir diese Engel den Menschen in Aleppo schicken, damit sie ihnen den Frieden verkünden und bringen. Aber in Aleppo kommen keine Engel vom Himmel, von dort fallen nur Tod und Zerstörung bringende Bomben auf die Stadt. Wenn man sich vom unvorstellbaren Schrecken dieser Metropole auch nur ein wenig berühren lässt, dann fällt es nicht leicht, wenn auch in sicherer Entfernung, „Stille Nacht“ anzustimmen. Die schönen und wärmenden weihnachtlichen Worte wollen diesmal nicht so recht einfallen. Die Lieder kommen innerlich nicht richtig zum Klingen. An Weihnachten sollten sich doch Himmel und Erde berühren. In Aleppo scheint sich die Erde mit der Hölle verbündet zu haben und zur Bühne des Schreckens und des Bösen geworden zu sein.

Der Blick in den Stall in der Krippe ist für mich diesmal ein anderer. Mir scheint, als ob das Christkind mich heuer aus dem Stall hinausführen möchte in den Garten Getsemani, in dem es dreißig Jahre später derselben Angst ausgesetzt ist wie die Menschen in Aleppo. Von Getsemani führt mich das Christkind dann zum Kreuz, das am Karfreitag dort errichtet werden wird, damit es für uns daran sterbe. Krippe und Kreuz sind sich heuer näher als an Weihnachten der vergangenen Jahre. Eine bedrückende Nähe. Die Engel fehlen. Aber was sollten sie zu denen sagen, die nur noch eines wollen: lebend aus dieser Stadt des Todes hinauszukommen. Fürchtet euch nicht? Hinter der Krippe sehe ich das Bild einer zerbombten Mauer und im Winkel kauert ein Kind und wagt nicht aufzuschauen. Dieser Blick ist nur auszuhalten, weil ich vom Ostermorgen weiß und glauben darf, am Ende wird doch alles gut, verwandelt und vollendet, auch für die Menschen in Aleppo. Aber jetzt? Ich möchte ein Heer von Engeln nach Aleppo schicken.

Wir haben Weihnachten zu sehr idyllisch verklärt und auf jenes zu Herzen gehende Bild vom lieblichen Kind in der Krippe fixiert. Wir möchten beim Anfang der erlösenden Menschwerdung Gottes stehen bleiben und Jesus als Kind im Stall festhalten, um uns an der Beschaulichkeit dieses Bildes zu erfreuen, zumindest für ein paar Tage und alle Jahre wieder. Aber dieses Kind lässt sich nicht von uns festhalten, sonst wäre es vergeblich geboren. So herzergreifend dieser friedliche Anblick auch ist, Jesus kann nicht dort bleiben, wo er uns so zu Herzen geht. Über der berührenden Szene liegt schon die todbringende Finsternis des Herodes. Seine Soldaten werden bald mordend durch Betlehem ziehen, um den „neugeborenen König der Juden“ zu töten. Noch in Windeln gewickelt muss Jesus mit seinen Eltern fliehen, Betlehem entkommen. Das Christkind wird zum Flüchtling. Weihnachten ist nur der Anfang der erlösenden Menschwerdung Gottes und führt   Jesus nicht direkt zum Heil der Welt, sondern nur über Umwege: Flucht in ein anders Land, Ablehnung von den eigenen Leuten, Gefahr der Steinigung, Todesangst in Getsemani, Verrat durch einen Freund, Verlassen von seinen Zwölf, Tod auf Golgata, Grab. Das Holz der Krippe ist der Beginn, das Holz des Kreuzes aber nicht das Ende. Die Liebe Gottes, den er Vater nennt, führt ihn durch den Tod in die Auferstehung am Ostermorgen. Auch uns, auch den Menschen in Aleppo ist dieses endgültige österliche Licht verheißen. Deshalb dürfen wir frohe Weihnachten feiern, auch gegen die Schwerkraft menschlichen Ermessens.

 

© Josef Gredler