Josef Gredler

Ostern im Herbst

 

Am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond feiern wir Christen Ostern, das Fest des vom Tod auferweckten Jesus Christus, der uns erlösend sein Leben am Kreuz hingegeben hat. Dieser Ostersonntag bildet sein Geheimnis an jedem einzelnen Sonntag österlich ab. Wir feiern jeden Sonntag, am „ersten Tag der Woche“, die Auferweckung Jesu und dürfen dabei auch unsere Auferweckung aus dem Tod unseres irdischen Lebens erwarten. Wie eine österliche Strömung weht diese Hoffnung durch das ganze Jahr der Kirche. Am Fest Allerheiligen färbt sich der Herbst nochmals ganz österlich, auch wenn die Tage immer kürzer werden und die Nächte länger und der November die Natur absterben lässt hinein in die Winterruhe. Der heutige erste Novembertag hat so gar nichts von dem, was sonst einen typischen Novembertag ausmacht. Keine Nebelschleier, keine Wolke, kein kühler Wind. Der Himmel wölbt sich wolkenlos blau über den Friedhof und die Sonne erhellt und erwärmt verheißungsvoll diesen Ort. Wir stehen betend an den Gräbern unserer Verstorbenen und hoffen, dass sie Heilige geworden sind, auch wenn sie nicht im Kanon der Heiligen zu finden, aber ganz in das vollendete Heil des lebendigen Gottes eingegangen sind. Gläubig wissen wir, dass sie hier nicht ihre letzte Ruhe gefunden haben, wie auf einigen Grabsteinen nach altem Brauch etwas irreführend zu lesen ist. Hier in der Erde ruht nur das, was sterblich von unseren Lieben zurückbleibt, bis es sich mit der Erde verbindet und neu in den Kreislauf alles Irdischen eingeht. Ihre letzte Ruhe ist nicht hier in der Erde, die wir mit Steinen und Blumen bedecken. Ihre letzte und ewige Ruhe finden sie in der großen Erfüllung all ihrer Hoffnungen und Sehnsüchte in der vollendenden Ewigkeit Gottes. Wir haben unsere Wohnungen verlassen und sind hierher auf den Friedhof gekommen. Eine göttliche Wohnung hat Gott denen bereitet, die ihn lieben. Heute hilft uns sogar die Sonne, darauf zu vertrauen. Der Friedhof ist heute nicht ein Ort der Toten, sondern der Lebenden, von denen die einen noch vor den Gräbern stehen, während die anderen die Tür des Todes schon durchschritten haben und nun gleichsam hinter diesen Gräbern auf uns warten. Nicht dass wir uns beeilen müssten, ihnen zu folgen, aber wir sollen sie nicht aus den Augen verlieren, weil dort, wo sie sind, auch unser Ziel ist, an dem wir eines Tages ankommen werden. Aber vorher sollen wir dieses Leben hier lieben, teilen, verschenken, erfüllen… Die Kerzen auf den Gräbern haben es schwer heute, ihr Leuchten sichtbar zu machen, zu verschwenderisch verschüttet die Sonne ihre Strahlen.  Am Abend erst werden die Lichter in den Laternen zum sichtbaren Zeichen des Ewigen Lichtes leuchten können. Jetzt lässt uns die Sonne den Abglanz des Göttlichen erahnen, wenn sie uns österlich mit ihren Strahlen umfängt. Jeden einzelnen, aber doch alle zusammen. Was hier und jetzt auf dem Friedhof geschieht, ist nicht die private Angelegenheit jedes einzelnen. Es ist ein gemeinsames trauerndes Erinnern, vielen nur zu frommem Brauch, vielen auch zu gemeinsamem Beten, Hoffen und Glauben. Im stillen Nachdenken spiegelt sich Letzteren das Vergängliche im Unvergänglichen, das Zeitliche im Ewigen. Und wenn wir eines Tages auch nicht mehr hier vor den Gräbern stehen, werden wir nicht in unsere Privatsphäre hinein auferstehen, sondern in die Gemeinschaft aller Heiligen und in die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott. Die Blätter, die gestern so zahlreich von den Bäumen gefallen sind, bedecken buntgefärbt den Weg. Wenn wir nach Hause gehen, sollte mehr Hoffnung, mehr Freude, mehr Friede in uns sein.

 

© Josef Gredler