Josef Gredler

„Für wen halten die Leute den Menschensohn?“

 

Vorbemerkung: Nach längerem Hin und Her, ob dieser Beitrag unter „Besondere Themen“ oder unter „Geistliche Gedanken“ einzuordnen ist, habe ich mich für Letzteres entschieden, weil es sich schlussendlich um eine zutiefst geistlich-spirituelle Frage handelt. Die mitunter plakativ verkürzten Darlegungen sind beabsichtigt, um wesentliche gedankliche Linien besser sichtbar zu machen.

Im Kapitel 16 des Evangeliums nach Matthäus wird folgende Begebenheit berichtet: Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Im Klartext will Jesus wissen: „Für wen halten mich die Leute?“ Diese ganz direkte Frage ist die alles entscheidende Frage unseres Glaubens und aller christlichen Theologie geblieben. Die Jünger zählen auf, was sie so an Volksmeinung aufgeschnappt haben, die offensichtlich von großer Unsicherheit geprägt ist. Die Leute wissen ganz einfach nicht bzw. sind sich nicht sicher, wer dieser Jesus wirklich ist, für wen sie ihn schlussendlich halten sollen. Aber Jesus gibt sich mit der Zusammenfassung der Volksmeinung nicht zufrieden, er will es genauer wissen, er will von ihnen wissen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Und wieder einmal ergreift Simon Petrus als erster das Wort und sagt: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes. Die darauf folgende Antwort Jesu kann, auf den Punkt gebracht, nur so verstanden werden: Jesus bestätigt, dass er der „Sohn des lebendigen Gottes“ ist. Er bestätigt seine göttliche „Natur“.

 Schon in den ersten Jahrhunderten der Kirche hat sich um diese Frage Jesu immer wieder ein tiefgreifender und polarisierender Disput entzündet. Wer ist dieser Jesus von Nazaret wirklich? Ist er Gott? Ist er Mensch? Ist er beides? Und wenn er beides ist, wie „verhalten“ sich das Göttliche und das Menschliche zueinander? Konzilien haben dann jeweils entschieden und aufkommende oder schon fortgeschrittene und weit verbreitete „Irrlehren“ verurteilt. Wer heute mit seinen Zweifeln in dieser Frage in der theologischen Abteilung einer Buchhandlung oder im Internet Bücher sucht, die auf diese Frage eine Antwort versuchen, wird feststellen, dass es dazu eine fast unüberschaubare Fülle von Büchern gibt, die diese Frage aufgreifen. Wenn die Frage der Zweifelnden und Suchenden sich auch noch mit dem Wunsch verbindet, wieder „glauben zu können“, weil ihr Glaube an Jesus, den „Sohn des lebendigen Gottes“ Risse bekommen hat oder gar „durch die Dominanz der Ratio“ in die Brüche gegangen ist, dann werden diese viele Bücher finden, die diese Risse noch vergrößern. Sie werden zum einen Bücher finden, die die Evangelien so wörtlich auslegen, dass eine gesunde Vernunft nicht mehr mitkann, und auf diese Weise das Gegenteil bewirken. Und zum anderen werden sie sich in Büchern finden, die diesen Jesus so im Sinne „nichts Genaues weiß man nicht“ abhandeln. Und so stehen wir jetzt mitten drinnen im Dilemma: Schließt die historisch-kritische Auslegung der Evangelien den Glauben an einen Gott-Jesus aus?

 Wenn man Jahrhunderte lang kirchlicherseits an der wörtlichen Wahrheit der Evangelien unter Strafandrohung, Exkommunikation oder gar Verbrennung ganz unverrückbar festgehalten hat und diese Evangelien bis ins Detail für chronologisch berichtete geschichtliche Fakten gehalten hat, dann beginnt mit der Aufklärung eine sogenannte historisch-kritische Schriftauslegung. Ihre radikalsten Vertreter haben alles in den Evangelien für historisch unwahr gehalten, was mit der bloßen Vernunft nicht zu begreifen und mit den Naturgesetzen nicht vereinbar war. Wahr konnte nur sein, was man mit seiner Vernunft begreifen konnte, was rational fassbar war. Rationale Begreifbarkeit wurde zur Bedingung, dass etwas wahr sein konnte. Die Welt und alles Sein ist immanent und es gibt nichts außerhalb der rational erfassbaren, erfahrbaren Welt. Die Transzendenz ist eine Fiktion. Die transzendente „Welt Gottes“ wird der Mythologie zugeordnet. Für das Mysterium Gottes, für ein Geheimnis Jesu ist kein Platz mehr. Mysterium und Ratio schließen einander aus. Die Gottesfrage ist damit quasi obsolet geworden, geschweige die Frage nach einer „göttlichen Natur“, einer göttlichen Herkunft Jesu. Der Theologe, Philosoph und Orientalist Hermann Samuel Reimarus wurde im 18. Jahrhundert zum Begründer der ausschließlich rationalen, vom Geist der Aufklärung ganz durchdrungenen Bibelauslegung, die nur zu einem Ergebnis führen konnte: Dieser Jesus war nur ein Mensch, weil die aufgeklärte Vernunft keine andere Antwort zulassen kann. Daher kann nach Reimarus eine Auferstehung Jesus, die jedweder Vernunft widerspricht, nur ein von seinen Jüngern organisierter Betrug gewesen sein. Als Reaktion auf die reimarsche Entfernung eines personalen Gottes und eines von Gott kommenden Jesus von Nazaret aus der Welt aufgeklärten Denkens entwickelte sich die „Leben-Jesu-Forschung“, die fortan ernsthaft der Frage nachging, was an den Evangelien bzw. der gesamten Heiligen Schrift historisch wahr sein kann. Viele ihrer Vertreter konnten sich dem nachhaltigen Einfluss von Reimarus nicht entziehen. Es gab zwar nie ein offizielles Ergebnis, aber das Neue Testament ist historisch-kritisch „entrümpelt“ worden und von der bis dahin geglaubten biblischen Wahrheit blieb nicht mehr viel übrig. Das ist zugegeben eine sehr geraffte Darstellung, aber im Großen und Ganzen war es so.

Und nun komme ich wieder zurück auf die Zweifelnden, die in Büchern, die sich mit Jesus von Nazaret beschäftigen, „Heilung“ von ihren Zweifeln suchen. Sie möchten ja gerne glauben, weil sie um die befreiende, erlösende Kraft eines Glaubens an den von Gott kommenden göttlichen Jesus wissen, diese zumindest erahnen. Wenn sie ein Buch finden und lesen, dessen Autor jeden historisch-kritischen Denkansatz als Gottlosigkeit ablehnt, dann werden viele von diesem Buch enttäuscht werden, denn ein solches Bibelverständnis halten sie für „zum Greifen“ falsch. Ein solches Buch, obwohl es das Gegenteil beabsichtig – die Ungläubigen wieder zum Glauben zurückführen will – verstärkt ob seiner „greifbaren“ Unglaubwürdigkeit die bestehenden Zweifel noch. Wenn sie nach einem Buch greifen, das sich mit Jesus von Nazaret historisch-kritisch auseinandersetzt und den Einfluss von Reimarus nicht ablegen kann, was dem Autor selber oft gar nicht so bewusst ist, finden sie erst recht keinen Weg aus ihren Zweifeln, weil der Autor um die Frage, ob dieser Jesus auch wirklich göttlicher Herkunft ist, herumdrückt und sie ausschließlich in den Bereich persönlicher Glaubenserfahrung verweist. Diese zweifelnden und zugleich suchenden Leser spüren, dass der Autor sich nicht durchringen kann zu einem klaren Bekenntnis, weil er dieses mit seiner Methode nicht glaubt belegen zu können. Ein solches Buch und ein solcher Autor sind kein Einzelfall. Es scheint zum guten Ton einer ganzen Reihe von Autoren und Büchern zur Leben-Jesu-Forschung oder zur neutestamentlichen Exegese zu gehören, dass man sich in der Frage nach der göttlichen Herkunft Jesus bedeckt hält, Menschwerdung und Auferstehung Jesu unverbindlich offen lässt, zumindest nicht eindeutig daran festhält. Wenn man als Leben-Jesu-Forscher etwas auf sich hält, ein Neutestamentler von Rang sein will, dann muss man den Evangelien ihre historische Kompetenz weitgehend absprechen und sie als reines Predigtwerk einstufen. Und in der Tat tun dies auch viele.

 Dennoch muss auf jene Autoren und Bücher zur Leben-Jesu-Forschung und zum neuen Testament hingewiesen werden, die durch umfassende und tiefgehende wissenschaftliche Recherchen zum Ergebnis gekommen sind, dass die Evangelien in ihrem historischen Bezug völlig unterschätzt werden, dass ihre Autoren nicht bloß Prediger waren, sondern tatsächlich Geschichte schreiben wollten und es auch getan haben, wenngleich die Vorzeichen nicht immer jene waren, die heute einer Geschichtsschreibung zugrunde gelegt werden. Hinsichtlich der Zeit der Niederschrift der vier Evangelien hat man sich auf eine zu Unrecht behauptete Spätdatierung  geeinigt und damit den Evangelien die Möglichkeit, historisch Wahres zu berichten sehr eingeschränkt bzw. weitgehend genommen. Je größer der zeitliche Abstand zwischen der geschichtlichen Person Jesu und der Abfassung der Evangelien ist, desto geringer die Möglichkeit, dass sie historisch tatsächlich Geschehens berichten können. Tatsache ist jedoch, dass die Datierung der Evangelien nicht nur viel früher, als bisher vielfach behauptet, anzusetzen ist und dass die synoptischen Evangelisten nicht einfach einer gemeinsamen Vorlage gefolgt sind bzw. vom älteren Evangelium mehr oder weniger nur abgeschrieben und eigenmächtige Veränderungen bzw. Ergänzungen hinzugefügt haben. Die Augenzeugenqualität der Evangelien wird heute allgemein sehr relativiert bzw. in Abrede gestellt. Und was in den Evangelien der Vernunft nicht fassbar scheint, wird als nachösterlicher Einschub abgetan. Vor allem das Evangelium des Johannes wird in ein völlig falsches Licht gerückt, nicht nur hinsichtlich seiner zu Unrecht erfolgten Spätdatierung, sondern auch bezüglich seiner historischen Absicht und Verlässlichkeit. Dass der Apostel Johannes auch der Verfasser des Johannes-Evangeliums ist, dafür gibt es theologisch-exegetisch, aber auch historisch-kritisch eine ganze Reihe von Argumenten, die man nicht einfach ausblenden darf. Und wenn er das ist, dann ist sein Evangelium die Niederschrift eines Augenzeugen. Wenn sich sein Evangelium von denen des Markus, des Lukas und Matthäus sehr unterscheidet, dann deshalb, weil er diese Evangelien als bekannt voraussetzt und nicht einfach wiederholt, was dort schon steht. Johannes will vor allem ergänzen, was den synoptischen Evangelien fehlt. Als einziger Evangelist, der auch persönlich Augenzeuge war, hat er dazu ja die allerbesten Voraussetzungen. Manchmal veranlasst ihn sein besseres Wissen, vor allem hinsichtlich Ort, Zeit und Ablauf des Geschehens sogar zu einer Korrektur. Dass sich diese Argumente bisher im theologischen Diskurs nicht durchgesetzt haben, hängt damit zusammen, dass sich die historisch-kritische Leben-Jesu-Forschung ihrer Tradition so verpflichtet fühlt, dass sie ein Umdenken nicht wagt. Und viele neutestamentliche Exegeten schließen sich ihr an.

 Die Antwort auf die Frage Jesu, für wen du, sie, er, ich ihn halten, hängt natürlich ganz wesentlich von den eigenen Erfahrungen ab, die man im Laufe des Lebens mit „ihm“ gemacht hat. Die persönliche Glaubensgeschichte und der durch Erfahrungen geprägte Lebenskontext bestimmen primär das Verhältnis, die Beziehung zu diesem Jesus von Nazaret und geben die Antwort auf seine eingangs gestellte Frage. Aber wenn diese persönliche Beziehung in eine Krise geraten ist, in eine Glaubens- und Vertrauenskrise, dann übernimmt vorerst der Kopf allein das Steuer und sucht nach Argumenten der theologischen bzw. spirituellen Vernunft, die nach einem Buch greifen lässt oder das Gespräch mit „kompetenten“ Personen sucht. Kann die Theologie mit ihren Büchern glauben helfen? Das ist eine ganz berechtigte Frage an die vielen Bücher, die sich in der theologischen Abteilung einer Buchhandlung bzw. auf dem Buchmarkt befinden. Viele Autoren werden zu ihrer Verteidigung vermutlich dagegen halten, dass das nicht ihre Absicht und auch nicht ihre Aufgabe ist.

 Abschließend möchte ich einen Theologen und Orientalisten herausheben, der auf diese eingangs von Jesus gestellte Frage mit ungemein akribischer wissenschaftlicher Forschungsarbeit eingeht und die Quellen zum Leben Jesu, vor allem die Evangelien, neu bewertet. Dabei werden viele Ergebnisse des historisch-kritischen Skeptizismus glaubhaft widerlegt, ohne sich auch nur im entferntesten dem Lager der naivgläubigen Jesus-Autoren oder den sehr  konservativ orientierten flammenden Verteidigern einer nahezu wortwörtlichen Historizität der Evangelien anzuschließen, das dort nur Legenden oder Mythen ortet, wo tatsächlich historische Berichte vorliegen. Von Karl Jaros, dem Alttestamentler und Professor am Institut für Orientalistik der Universität Wien ist 2011 im Böhlau Verlag das Buch „Jesus von Nazareth – ein Leben“ erschienen. Seine minutiöse langjährige Forschungsarbeit und auch die umfassende Berücksichtigung archäologischer Ergebnisse der vergangen Jahrzehnte führen auch dazu, dass einige Kapitel vom Leser Geduld fordern. Aber Karl Jaros zeigt auf, dass eine historisch-kritische Leben-Jesu-Forschung nicht zwangsläufig Person und Wahrheit Jesu in Fragezeichen auflösen muss.

 

© Josef Gredler