Josef Gredler

Unser Leben sei ein Fest

 

 Und Feste sind im Leben nicht bloß die „Tupfen auf dem I“, sie sind Grundbedürfnis (fast) jedes Menschen.  Das Leben artikuliert sich ganz wesentlich in Fest und Feier. Feste erheben uns über die Gewöhnlichkeit des Lebens, streifen das Alltägliche von uns ab. Sie nehmen für ein paar Stunden auch Schweres und Bedrückendes von unseren Schultern. Für ein paar Stunden werden wir leicht wie eine Feder. Feste markieren meist freudige Anlässe und Ereignisse unseres Lebens, durchbrechen wie Sonnenstrahlen die dunklen Wolken, die über dem Leben hängen. Im Fest dürfen wir gleichsam den „Lauf der Dinge“ vorübergehend ein wenig anhalten, um auszusteigen, statt mit dem Zug einfach durchzubrausen, einem Ziel entgegen, das wir gar nicht kennen, vergessen oder verdrängt haben. In Fest und Feier verdichtet sich auch unser Verlangen nach Sinn und unsere Sehnsucht nach dem, was froh und glücklich macht. Feste wenden unseren Blick nicht ab vom Leben, aber sie richten den Blick irgendwie über dieses Leben, über seine Begrenzung hinaus. Wir lieben Feste und brauchen Feste, sie sind für uns  lebensnotwendig. Wer Feste nicht mehr liebt, sondern grundsätzlich meidet oder ablehnt, braucht Hilfe.

Im Gotteslob, dem Katholischen Gebet- und Gesangbuch für die österreichischen Diözesen, finden wir unter der Nummer 859 ein Lied mit einer vertrauten Melodie, die leicht ins Ohr geht und in seiner schwungvollen Heiterkeit uns mit der kühnen Behauptung überrascht, dass unser Leben ein Fest sei. Viele werden dem nicht so ohne weiteres zustimmen. Zu lang würde die Liste werden mit all dem, was dagegen spricht. Aber das Lied nennt dann auch den Grund, warum oder wie das Leben – auch das unsere – ein Fest sein kann. Bei vielen Liedern ist uns die Melodie oft näher als der Text, die vertraute Melodie geht noch tiefer als das Wort, sodass wir den Text oft ein wenig oberflächlich überlesen oder gar nicht mehr richtig hinhören. In einem solchen Fall ist es hilfreich, einmal die Melodie wegzulassen, den Text einfach nur zu lesen, vielleicht sogar laut sich selber vorzulesen, die Worte ganz bewusst in den Mund zu nehmen, auszusprechen, zu hören und ihre Bedeutung und ihren Sinn auszuloten:

 

Unser Leben sei ein Fest,

Jesu Geist in unserer Mitte,

Jesu Werk in unseren Händen,

Jesu Geist in unseren Werken.

Unser Leben sein Fest

so wie heute an jedem Tag.

 

Die erste Zeile, fünf Worte nur,  ist fast eine Provokation, sie stellt das Leben in eine wirklich vermessene Perspektive. Im ersten Moment könnte man fast geneigt sein, sich zu ärgern und diese Zeile als naiv, lebens- und weltfremd abzutun. So kann nur reden, wer das Leben nicht kennt, wer den dicken Vorhang zwischen sich und der Realität des Lebens zugezogen hat. Wir kennen doch das Leben ganz anders, wir wissen und hören, sehen, lesen täglich von seinen finsteren Abgründen. Da ist uns nicht nach Feiern zumute und man kann doch nicht wider alle Vernunft behaupten, das Leben sei ein Fest. Unsere Lebenserfahrung spricht leider klar dagegen. Aber dieses Lied will das ja nicht bloß und billig behaupten, sondern weiß, dass unser Leben in dieser Welt nicht von selber   schön und gut ist, sodass wir in einer permanenten Feierlaune schweben könnten. Um diese Widersprüchlichkeit aufzulösen,  beginnt es dann, die vielen „Wenn“ aufzuzählen, die unser Leben – trotz allem, was dagegen spricht – in ein Fest verwandeln: Wenn der Geist Jesu zur Mitte, zur Nabe unseres Lebens wird, wenn das, was Jesus getan hat, wir mit unseren Händen auch tun und der Geist Jesu sichtbar wird in dem, was wir tun… dann ist, dann wird dieses Leben heute zum Fest, und nicht nur heute. Diese Zeilen versprechen wirklich schier Unglaubliches und es mag vielen schwer fallen, sie für möglich zu halten in einer Zeit wie der heutigen, wo eine Schreckensnachricht die andere jagt,  und das „Gesicht“ dieser Welt täglich zur bösen Fratze wird. Aber das Lied lässt sich davon nicht beirren. In der zweiten Strophe heißt es dann:

 

Unser Leben sein ein Fest,

Jesu Hand auf unserem Leben,

Jesu Licht auf unseren Wegen,

Jesu Wort als Quell unsrer Freude.

Unser Leben sei ein Fest

so wie heute an jedem Tag.

 

Diese Welt ist aber kein Schlaraffenland und unser Leben auf dieser Welt wird natürlich nicht von selber, „mir nichts - dir nichts“ zum Fest. Aber wenn Jesus seine Hand auf unser Leben legt, seine Hände in unserem Leben „im Spiel“ hat, wenn Jesus uns hält und wir seine Hand nehmen, wenn er unsere Lebenswege ausleuchtet, auch die dunklen Abschnitte und Winkel, damit wir den Weg finden, das Ziel nicht aus den Augen verlieren, uns nicht im Dunkel verirren oder auf Abwegen verlaufen, wenn das, was Jesus gesagt und verheißen hat, uns zur Quelle wird, aus der Freude in unser Leben strömt… dann wird das Leben zum Fest, nicht nur für ein paar Stunden oder nur heute. Und in der dritten Strophe wird das Lied in seiner „Anleitung“ bzw. Wegweisung dann ganz konkret:

 

 Unser Leben sei ein Fest,

Jesu Kraft als Grund unserer Hoffnung,

Jesu Brot als Mahl der Gemeinschaft,

Jesu Wein als Trank neuen Lebens.

Unser Leben sei ein Fest

so wie heute an jedem Tag.

 

Das Lied nimmt dem Leben nicht seine Ernsthaftigkeit, ignoriert nicht die Bedrohung durch die Macht des Bösen und der Finsternis, ist aber überzeugt, dass das Leben dennoch ein Fest sei, weil bzw. wenn die Kraft, die Wirkkraft dieses Jesus von Nazaret darin Zeit und Raum bekommt, sich zu entfalten und das Leben zu durchdringen.  Die verwandelnde Kraft Jesu ist letztlich und einzig der Grund unzerstörbarer Hoffnung. Um diese Hoffnung zu erfahren, müssen wir uns nicht in einen billigen, schwärmerischen und trügerischen „transzendenten Hokuspokus“ flüchten, sondern – und jetzt wird das Lied ganz konkret: Wenn das Brot Jesu, in dem er sich uns schenkt, unser gemeinsames Mahl wird, von dem wir zu leben versuchen, wenn Jesu Wein in diesem Mahl unseren Durst stillt und unser Leben tränkt, dann ist dieses Leben – im Blick auf das Endgültige – tatsächlich ein Fest. Ein Mysterium ist es, das unser Leben in seiner ganzen Hinfälligkeit in ein Fest verwandelt, von seinem Ursprung her und in seiner Zielbestimmung. Das Lied sagt damit nicht etwas Neues, wohl aber in einer etwas anderen Sprache das, was Menschen immer schon erlebt und erfahren haben, wenn sie sich ganz auf diesen Jesus von Nazaret einlassen.

 

© Josef Gredler