Josef Gredler

Ein Weg zum Kreuz, der die Welt verändert hat

 

Die Kreuzigung ist die schlimmste Todesstrafe, die Menschen ersonnen und zigtausendfach vollzogen haben. Worte versagen, wenn sie versuchen, die Grausamkeit des Sterbens am Kreuz zu beschreiben. Zur Abschreckung wurde eine Kreuzigung meist an stark frequentierten Orten vollzogen. Leute sollten das Unvorstellbare sehen, ob sie wollten oder nicht. Leute konnten sich aber auch am Spektakel der Kreuzigung weiden und haben es leider auch getan. Man ging Kreuzigung schauen, wie man heute in den Zirkus oder zu einem anderen Spektakel geht. Kreuzigung war nicht nur eine Hinrichtung, wie man sie sich schmerzvoller nicht ausdenken konnte, sondern sie war auch die völlige Vernichtung der Person, die absolute Zerstörung menschlicher Würde und Identität. Im Regelfall ließ man die solcher Art Hingerichteten einfach am Kreuz hängen, den Vögeln und wilden Tieren zum Fraß, dem verwesenden Leichnam zur unüberbietbaren Schande. Unzählige Menschen wurden so gefoltert, getötet und ausgelöscht. Aber ein Weg zum Kreuz, ein Sterben am Kreuz hat die Welt, ihre Geschichte und ihre Zukunft völlig verändert und umgeschrieben. Ohne diesen Kreuzweg hätte mit Jesu Menschwerdung keine neue Zeitrechnung beginnen können. Wir würden nicht das Jahr 2016 schreiben. Es war wahrscheinlich im Jahre 30, möglicherweise in den Apriltagen, dass der römische Präfekt Pontius Pilatus in Jerusalem im Namen des römischen Gesetzes und auf Betreiben des Hohen Rates bzw. der Hohenpriester  über Jesus von Nazaret das schrecklichste aller Urteile sprach: „ibis in crucem“, zu deutsch „du wirst zum Kreuz gehen“. Diese drei knappen lateinischen Worte werden ob ihrer Unscheinbarkeit einerseits und der alle Vorstellungskraft überbietenden Grausamkeit andererseits, die sie verkünden, zu schaurigstem Zynismus. Und Jesus geht dann diesen Weg zum Kreuz hinaus vor das West- oder Ephraimstor nach Golgotha, einer kleinen schädelförmigen Anhöhe, wird dort ans Kreuz geschlagen und stirbt den Tod, wie ihn die Evangelisten berichten, ohne viel Aufhebens über die unvorstellbaren Qualen zu verlieren, weil alle Leser ja wussten, was der Tod am Kreuz bedeutet. Es war nicht mehr notwendig, die Leiden an diesem Holz ausführlicher zu beschreiben. Alle Gekreuzigten sind vergessen worden, ihre Namen wurden ausgelöscht, dieser eine bleibt unvergessen, seit zweitausend Jahren kennt quasi die ganze Welt seinen Namen: Jesus von Nazaret. Jedes Jahr am Karfreitag gedenken zig Millionen Christen auf der ganzen Welt seines Todes. Wenn Christen in naivfrommer Phantasie glauben, dass Jesus diesen Weg angestrebt hat, dann nehmen sie die menschliche Natur Jesu nicht ernst, dann ignorieren sie seine Todesangst in der einbrechenden Nacht des Vortages draußen in Getsemani. Jesus hat diesen Weg nie gesucht, nicht angestrebt, aber er hat sich diesem Weg nicht durch Flucht, List oder geschickter Verteidigung entzogen. Er ist diesen Weg aus Liebe zu allen Menschen gegangen, die ebenso unvorstellbar scheint wie sein Leiden, und im uneingeschränkten Vertrauen zu Gott, den er seinen Vater nennt. Wenn wir den Worten der Frauen und Jünger, dem Zeugnis der ersten Christen glauben, dass Jesus nicht im Tod geblieben ist, sondern Gott ihn aus dem Grab auferweckt hat, dann glauben wir, dass Jesus mit seinem Sterben am Kreuz den Anfang und das Ende allen Seins neu definiert hat. Der Mensch wurde als Geschöpf mit allem Geschöpflichen in die Perspektive ewiger Vollendung hineingenommen. Das Unvorstellbare, dass diese beiden Holzbalken, die wir Kreuz nennen, für den daran Festgenagelten nicht Schimpf und Schande, nicht Gottverlassenheit und Gottverworfenheit, nicht absolute physische und personale Vernichtung bedeuten, sondern Sieg über die endgültige Macht des Todes und des Bösen – Heil, Erlösung, Vollendung der Schöpfung als noch ausstehendes, alle Vorstellungskraft übersteigendes verheißenes „Happyend“ der Schöpfungsgeschichte, ist der Grund, dass wir Christen Jesu Leiden und Sterben am Karfreitag in österlicher Gewissheit aushalten und feiern dürfen. Aber diese beiden überkreuzten Holzbalken versetzen uns nicht in billige Verzückung, sondern mit der unzerstörbaren Hoffnung, in die sie sich verwandelt haben, werden sie uns zum Auftrag, selber Teil dieser Hoffnung für die Welt zu sein.

 

© Josef Gredler