Josef Gredler

Im Schweigen zu sich kommen

 

Das Schweigen, von dessen spiritueller Kraft schon die Wüstenväter gewusst, in das Einsiedler sich zurückgezogen haben, das Mystikern unverzichtbar für ihre geistliche Vertiefung war, das man in Klöstern gepflegt hat, das für das Gelingen geistlicher Exerzitien so wesentlich ist, dessen Wert unzählige Erneuerung und Umkehr Suchende erfahren haben, hat in der heutigen Welt westlicher Zivilisation seinen Wert verloren. Wie ein alter Geldschein, den kein Geschäft mehr annimmt, keine Bank mehr umtauscht. Man bekommt nichts mehr dafür. Das berechnende Schweigen um des eigenen Vorteils wegen oder sich zum eigenen Nutzen aus einer Sache herauszuhalten, ist davon ausgenommen. Es handelt sich dabei ja nicht um ein Schweigen im eigentlichen und ursprünglichen Sinn, sondern um ein eigennütziges Verschweigen, den Mund halten um eines Vorteils willen. Aber schweigen wie die Wüstenväter, wie Mystiker, wie Mönche und andere fromme Seelen liegt nicht im Trend.

Stattdessen sind Diskutieren, Argumentieren, Referieren, Analysieren, Konferieren, Instruieren… die neuen Erfolg versprechenden Tugenden. Das Schweigen – nicht seine berechnende Version – hat heute fast exotische, manchmal sogar verdächtige Züge angenommen. Wer schweigt, stimmt zu oder gesteht seine Schuld ein oder offenbart seine Inkompetenz, sagt oder glaubt man. Und wer will das schon? Deshalb flüchtet, ja stürzt man sich geradezu in Worte, wenn es eng wird. Schweigen ist ein Relikt vergangener Zeiten, hat die Patina von gestern angenommen. Der heutige Mensch, wenn ihm Beredsamkeit geschenkt ist, bedient sich gerne und im Übermaß des Wortes – geschliffen, gewandt, gewählt, gekonnt, beeindruckend, berechnend… Mit Schweigen kann man heute nichts mehr gewinnen. Und in gewisser Weise stimmt das auch. Man kann mit Schweigen nichts von dem erreichen, was der Zeitgeist heute erstrebenswert scheinen lässt. Man will kein Einsiedler werden, kein frommer Mystiker sein, kein beschaulicher Mönch. Ihnen blieben – der heutigen Welt entfremdet – auf der Karriereleiter die untersten Sprossen vorbehalten. Man will mit beiden Beinen in der Welt stehen und der Erfolgsspur folgen. Schweigen führt zu keiner Beförderung, bewirkt keine Einkommenssteigerung, führt zu keiner Gewinnmaximierung. Schweigen ist kein modernes Erfolgsrezept und daher out. Schweigen ist eher das Merkmal der „Looser“, der Verlierer. Auf der heutigen Wertskala scheint das Schweigen gar nicht mehr auf. Mit Schweigen gewinnt man keinen Euro. Und der ist die Maßeinheit, mit der man heute den Wert bestimmt. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – das war einmal.

 Dass man mit Schweigen nichts gewinnen kann, stimmt bei näherer Betrachtung dann doch nicht ganz. Wer zu mehr Ruhe kommen möchte, wer mehr zu sich selbst finden, wer mehr das Wesentliche des Lebens aufspüren möchte, wer mehr die leisen Stimmen des Inwendigen hören möchte, der kann auf das Schweigen nicht verzichten. Wer gottgläubig ist, sein Leben ist Gottes Händen weiß oder Gott erst sucht, der muss still werden und schweigen können, wenn er auf Gottes Anruf hören, sein leises Klopfen an die eigene Seelentür nicht überhören möchte. Wer sein Leben in Gott festgemacht hat, der sollte sich im Schweigen üben, denn im Schweigen kommt man ihm näher. Schweigen ist keine komplizierte Technik, man muss dafür keinen Kurs belegen, sich nirgendwo inskribieren. Schweigen kann man kann als Autodidakt erlernen. Aber es bedarf der täglichen Übung. Obwohl natürlich „Anleitungen“ zum richtigen Schweigen durchaus hilfreich sein können. Wer zu spüren beginnt, dass ihm das regelmäßige Schweigen gut tun würde, der sollte einfach beginnen, sich täglich darin zu üben:

 Sich nicht mehr von Worten treiben lassen, schafft neue Freiräume für die Seele. Wortschwall wird zur Selbstentleerung. Schweigen ist kein Verschließen, sondern ein Sich Öffnen für das, was so leicht überhört werden könnte. Mann wird hellhörig, aufmerksam für Neues. Schweigen macht bewusst, dass man sich nicht selbst genügen darf. Die verwandelnde Kraft des Schweigens erfahren, seine heilende Wirkung spüren. Gegen die Strömung der Wortflut immer wieder das Ufer des Schweigens erreichen. Dem, was sich nicht sagen lässt, dem Unaussprechbaren, Gehör verschaffen. Erfahren, wie gut es tut, einmal nichts sagen zu müssen. Wortlos bleiben. Stillschweigen. Sich schweigend verbinden mit dem Unsagbaren. Schweigend eins werden mit dem, was hinter Worten verborgen bleibt. Schluss mit dem verbalen Voyeurismus. Reden und Schweigen ins Gleichgewicht bringen. Schweigen, wenn eine Begegnung droht, von Worten zerrissen zu werden. Im Schweigen die Wogen der Worte zur Ruhe kommen lassen, bis die Oberfläche ganz glatt ist, sodass man bis auf den Grund sehen kann. Durch Schweigen dem Leben mehr Tiefe zu geben. Erfüllendes Schweigen, aufatmend, befreiend.

 Es geht nicht um Reden oder Schweigen, sondern um das rechte Maß beider zueinander. Reden und Schweigen sind keine Gegensätze, wenn sie umeinander wissen, einander vertraut sind. Wenn das Gleichgewicht zum Nachteil des Schweigens gestört ist, da sollten wir ernsthaft beginnen, uns täglich im Schweigen zu üben. Das geht nicht von heute auf morgen, dass die verwandelnde Kraft des Schweigens uns eigen wird. Zuerst mag es hilfreich sein, dafür Zeiten und Orte zu wählen, in denen man ungestört ist, Orte und Zeiten des Schweigens zu wählen. Die Stille lädt ein zum Schweigen, macht es uns leichter. Schweigen lernen ist kein Kraftakt, es gelingt dem Übenden immer mehr wie von selber. Aber Schweigen ist mehr als das Verstummen der Stimmbänder. Auch die vielen Gedanken, die durch unseren Kopf jagen, müssen sich verlangsamen, bis sie zum Stillstand kommen. Dann können wir sie loslassen, nicht vertreiben. Ebenso ist es mit  der Bilderflut, die wie ein Film ohne Ende vor unserem inneren Auge vorbeizieht und uns nicht zur Ruhe kommen lässt. Das Schließen der Augen, auch der inneren, kann hilfreich sein. Zum Schweigen gesellt sich gern die Stille, die Ruhe. Sie suchen einander.

 Wenn wir dann im Schweigen schon eine gewisse Übung haben, können wir es mitnehmen in den Alltag, in den Beruf, in die Freizeit und immer dort anwenden, wo Worte das Zu- und Hinhören verdrängen: Mehr hören und weniger reden. Nicht alles kommentieren. Nicht alles mit Worten taxieren. Zurückhaltender in den Worten sein. Immer zuerst in sich gehen, die Worte können warten. Das überlegte, bedächtige Wort ist mehr wert als das vorschnelle. Nicht immer recht haben und alles besser wissen wollen. Sich nicht ständig und sofort verteidigen müssen, ohne zu überlegen, ob nicht Einsicht in eigene Fehler der bessere Weg wäre. Nicht immer das letzte Wort haben. Sich nicht immer Gehör verschaffen wollen, sondern mehr Gehör schenken. Mit Schweigen seine Bereitschaft zum Zuhören signalisieren. Anderen den verbalen Vortritt lassen. Nicht unterbrechen. Schweigend zuhören. Das Wort nie als Waffe benutzen. Mit Worten nicht besiegen wollen. Manchmal ist weniger reden mehr. Schweigend begegnen. Das gute Schweigen zur rechten Zeit als gute Gewohnheit. Schweigend dem anderen Raum lassen. Unzählige Gelegenheiten jeden Tag.  Worte nicht in Eitelkeiten verwandeln. Mit Worten nicht um Anerkennung buhlen, aber schweigend anerkennen und respektieren. Nicht zur Selbstdarstellung reden.

 Aber – niemals aus Stolz oder Hochmut schweigen, nicht aus Geringschätzung oder Verachtung, nicht  aus Feigheit oder Gleichgültigkeit. Schweigen nie als Ausrede missbrauchen. Man darf sich im Schweigen nicht verstecken. Schweigen ist nicht schon a priori eine Tugend. Es kommt auf die Absicht an, auf das Ziel. Falsch verstandenes Schweigen verwandelt sich in dunkle Schatten. Missbräuchliches Schweigen wird zur Sünde.

 

© Josef Gredler