Josef Gredler

Man kann nicht leben ohne Freude

 

 Die Frage, was der Mensch zum Leben braucht, haben wir uns schon in der Schulzeit gestellt bzw. sie wurde uns gestellt und vielleicht erinnern wir uns auch noch an einige Antworten. Eine der ersten Antworten mag wohl gewesen sein, dass der Mensch nicht ohne Wasser leben kann. Natürlich, ohne Wasser gäbe es gar kein Leben. Und in den Dürregebieten dieser Erde bekommt diese Antwort eine ganz dramatische Bedeutung. Wir kennen vielleicht die Bilder, wo der Erdboden bis in die Tiefe so ausgetrocknet ist, dass er Risse bekommen hat, die wie ein Spinnennetz seine Oberfläche überziehen. Damit zusammenhängt die nächste richtige Antwort: Der Mensch braucht Brot zum Leben, wobei Brot als zusammenfassendes Synonym für Nahrung steht. Wir kennen auch die Bilder von den Gestalten, die aussehen, als hätte man ihr Knochengerüst mit Stoff überzogen. Die tief eingefallen Augen sind schon die Vorboten des Todes. Wenn es Kinder sind, dann erschüttern diese Bilder noch mehr. Fast eine Milliarde Menschen leidet Hunger. Jedes Jahr verhungern weltweit fast zehn Millionen, weil sie das Pech hatten, nicht nahe genug an den Futterdrögen dieser Welt geboren worden zu sein. In der Regel ist die fehlende Nahrung eine direkte Folge fehlenden Wassers, das zuerst einmal von oben kommen muss, damit Felder und Äcker damit getränkt und dann bestellt werden können und damit Bäche und Flüsse wie Lebensadern die Ländereien durchziehen. Das Wasser kann auch aus der Tiefe kommen, um Brunnen zu füllen, die Leben ermöglichen. Ohne Wasser kein Leben! Eine Binsenweisheit, die sich leider millionenfach leidvoll bewahrheitet. Neben diesen elementaren Voraussetzungen braucht der Mensch zum Leben aber auch Menschen um sich herum. Der Mensch kann nicht leben allein – auf die Dauer zumindest nicht –, er braucht Mitmenschen, mit denen er verbunden ist bzw. sich verbindet, mit denen er Gemeinschaften bildet. Ohne Gemeinschaft  kann der Mensch nicht leben, auch wenn sich der Tod in diesem Fall nicht so unmittelbar einstellt. Meist ist menschliche Vereinsamung, soziale Isolation als Todesursache gar nicht erkennbar.

In der Predigt bei einer sonntäglichen Abendmesse in der Innsbrucker Hofkirche hörte ich unlängst einen Nachfolger des Heiligen Franz von Assisi, sagen: „Man kann nicht leben ohne Freude.“ Mir war dieser Satz nicht sofort schlüssig, aber er hat mich nicht mehr losgelassen. Wie ein Scheinwerfer leuchtete er hinein in mein Leben und in seinem Lichtkegel betrachtete ich mein Leben, um mich an Augenblicke oder Stunden außergewöhnlicher Freude zu erinnern. Dieses Wort aus dem Mund des Predigers hörte sich sehr menschlich an und weise, aber hält es der Wirklichkeit auch tatsächlich stand? Ist Freude wirklich lebensnotwendig? Schon diese Fragestellung verbirgt die Antwort. Freude wendet die Not oder die Nöte des Lebens und ist daher „lebensnotwendig“. Das müssen nicht immer gleich die ganz großen Nöte sein, die das Leben bedrohen. Da gibt es auch die vielen kleinen, fast täglichen Nöte, die als Gegengewicht sozusagen die vielen kleinen Freuden benötigen. Man freut sich, einen lieben Menschen zu treffen. Man freut sich über ein kleines Geschenk. Man freut sich über einen herrlichen Ausblick, über einen schönen Tag. Man freut sich über eine Stunde, die man ganz in Muße verbringen kann. Man freut sich über ein gutes Essen, über eine anregende Unterhaltung, über ein gutes Wort... Es gibt unzählige kleine Freuden, die ganz unscheinbar sind, aber doch so wesentlich. Sie sind wie Lichtpunkte oder Farbtupfen, die sich über die grauen Flächen der Alltäglichkeit verteilen. Sie sind aber nur möglich, wenn in der Tiefe unserer Seele schon eine grundsätzliche Freude da ist wie ein Grundwasserspiegel, der sich von kleinen Anlässen Wasser entnehmen lässt, das an der Oberfläche unseres Alltags sich in Freude verwandelt. Wenn dieser Grundwassersee in unserer Tiefe ausgetrocknet ist, sind wir zu diesen kleinen Freuden nicht mehr fähig. Sinn gebende, froh machende, Erfüllung verheißende Wahrheit bilden bzw. füllen diesen Grundwassersee. Er entsteht nicht von selber oder aus sich selber, er kommt wie der Leben spendende Regen gleichsam „von oben“. Echte, tiefe Freude hat deshalb immer auch eine transzendente Dimension, verweist mich über die Begrenzung meines Lebens und meiner Welt hinaus. Viele große bekannte Mystiker, aber auch unzählige unbekannte, kleine glaubende Menschen haben diese Freude aus der Tiefe als von Gott her erfahren. Über der großen, stillen Freude aus der Tiefe, die das Leben trägt, können täglich kleine Freuden aufleuchten, die Augenblicke oder Stunden erhellen.

 In der Freude kommt der Mensch immer wieder zu sich selber, zu seiner eigentlichen Bestimmung. In ihr kann er erfahren, dass nicht er selber Grund der Freude ist und dass er die Freude, mag sie noch so klein sein, nicht einfach machen kann. Sie stellt sich nicht auf Knopfdruck ein. In der Freude leuchtet immer wieder die Hoffnung auf, dass dieses Leben trotz allem gut ist, gut wird, dass alle Sorgen, Ängste und Widerwärtigkeiten, die uns jede Freude nehmen  wollen, ein Ablaufdatum haben, nicht endgültig sind. Die Freude lässt den Menschen immer wieder ahnen, dass sie sich nicht in einem kurzen Aufleuchten erschöpft, um dann wieder in den Dunkelheiten des Lebens und der Welt zu versinken, sondern dass alles angelegt ist auf eine Freude, die einmal alles Sein durchdringt, verwandelt und vollendet. In der Freude gibt es so etwas wie eine Dynamik zum Ewigen. In solchen Augenblicken würde wir gerne wie Goethes Faust sagen „Verweile doch! Du bist so schön!“ Wir würden die Zeit am liebsten anhalten, diesen Augenblick nicht mehr loslassen. Wenn er trotzdem wieder im Alltäglichen sich auflöst, dann ist er nicht völlig verschwunden, sondern gleichsam durchgesickert zu diesem Grundwasserspiegel. Die kleinen Freuden sind auch wie Scheinwerfer, die das Grau oder Dunkel durchbrechen und erhellen und uns ahnen lassen, dass am Ende doch alles gut wird. Frohe Menschen haben es immer leichter, auch gute Menschen zu sein. Wer immer wieder Freude spürt und erfährt, den drängt es, anderen Freude zu bereiten, anderen Freude zu schenken. Die Freude des anderen wiederum strahlt zurück auf mein Leben, spiegelt sich gleichsam in meinem Gesicht, in meinem Leben. Sie wird zum Widerschein. Freude bekommt von sich aus die Dynamik des Empfangens und Gebens. Wer keine Freude mehr kennt, wer in Freudlosigkeit versinkt, der stirbt zwar nicht gleich daran, aber sein Leben wird ein Dahinsiechen, zuerst nur seelisch, aber dann greift es auch den Körper und seine Organe an. Es stimmt, der Mensch kann nicht leben ohne Freude.

 

© Josef Gredler