Josef Gredler

Jesus verlässt Nazaret

 

Vorbemerkung:

Wenn ich in den Evangelien lese, bedenke und betrachte, was dort geschrieben steht, mich darin vertiefe, dann denke ich mich im wahrsten Sinn des Wortes in das Geschehen hinein, bin in Gedanken zweitausend Jahre überbrückend selber vor Ort, um zu sehen und zu hören. Nicht so real, um in das Geschehen einzugreifen, aber ich stelle mir dennoch alles ganz wirklich und Jesus und die beteiligten Personen leibhaftig vor, als wäre ich selber am Rande des Geschehens anwesend. Dabei bin ich nicht immer nur stiller Beobachter, immer wieder en formen sich dabei Fragen auf meinen Lippen, die ich mir entweder selber oder Jesus stellen muss. Man könnte das vergleichen mit dem, was Ignatius von Loyola in seinen Exerzitien Imagination nennt. So durchwandere ich gleichsam die Evangelien immer wieder nach dem fragend, was ich nicht verstehe, nicht begreife, was mich aufwühlt oder in Unruhe versetzt oder was ich aus irgendwelchen anderen Gründen gerne wissen möchte. Weil aber meine Anwesenheit in den jeweiligen Perikopen eben nur imaginär ist, erhalte ich auch nicht reale Antworten, wie seine Jünger oder seine Gegner sie erhalten haben.

 So befinde ich mich in meinen Gedanken gerade in Nazaret, einem bis dahin völlig unbedeutenden Ort in Galiläa mit nicht einmal zweihundert Einwohnern, also in einem richtigen „Nest“. Niemand würde heute von diesem Nazaret wissen, wenn dort nicht Jesus, der Sohn eines Bauhandwerkers Josef und seiner Frau Maria  leben würde, der als „Jesus von Nazaret“ in die Geschichte eingehen, die Geschichte der Menschheit völlig umschreiben und selber eine unfassbare Lebensgeschichte erfahren wird. Dieser Jesus war als Kind wie alle anderen, er lachte, spielte und erkundete seine Umwelt. Als aus dem Kind dann ein junger Mann wurde, merkten die Leute in Nazaret, dass in Josefs und Marias Sohn eine merkwürdige Wandlung vor sich ging. Maria hatte diese Wandlung schon viel früher gespürt, sie dachte oft und lange darüber nach und konnte das alles nicht wirklich verstehen. Manchmal erschrak sie. Manchmal war sie ganz erstaunt. Sie wird als besorgte Mutter mit ihrem Sohn auch darüber gesprochen haben. Immer wieder überkam sie eine seltsame Ahnung, dass ihr Sohn Jesus keinen gewöhnlichen Weg nehmen würde. Auch die Leute im Dorf redeten schon über ihn und meinten, dass Jesus doch ein wenig anders oder sonderbar sei. Zu den Heiligen Schriften fühlte er sich besonders hingezogen. Er las viel darin, wie er es in der Synagoge gelernt hatte, stellte viele Fragen, wusste viel mehr darüber und dachte viel darüber nach, viel mehr als seine Altersgenossen.

 Eines Tages erreichte die Kunde von einem gewissen Johannes, der da unten am Jordan taufen sollte, auch Nazaret. Mit strenger, lauter Stimme, mitunter fast zorniger Leidenschaft – so erzählt man sich in Nazaret – droht er ein kommendes Strafgericht all jenen an, die nicht loslassen von ihrem lasterhaften Leben und nicht umkehren und Buße tun. In der Taufe, die er am Unterlauf des Jordans an einer Furt nahe der Stadt Jericho spendete, können die Menschen ihre Sünden bekennen, ihre Umkehr vollziehen und so dem Strafgericht entkommen. Und sie kommen in Scharen, aus Jerusalem, aus der Jordangegend, aus ganz Judäa. Eines Tages, Jesus hat sich zuvor wohl lange damit beschäftigt, macht sich auch Jesus von Nazaret auf den Weg hinunter zum Jordan, um sich dort von Johannes taufen zu lassen. Kein Spaziergang, sondern eine Wegstrecke von mehr als hundert Kilometern, eine Dreitagesreise, zu Fuß allerdings. Er hatte seine Absicht seiner Familie sicher nicht verheimlicht. Durchaus möglich, dass dies zu heftigen Diskussionen in der Familie führte. Josef, der ja um vieles älter war als seine Frau Maria, mag wohl schon verstorben sein. Jedenfalls berichten die Evangelien nichts mehr von ihm seit jenen Tagen, da er mit seinen Eltern als Zwölfjähriger nach Jerusalem pilgerte und einfach im Tempel zurückblieb, wo sie ihn nach langer Suche endlich fanden. Und nun will er hinunterziehen an den Unterlauf des Jordans nahe Jericho, um sich von Johannes taufen zu lassen. Um damit sind die „stillen Jahre in Nazaret“, wie man seine Zeit in Nazaret vor seinem öffentlichen Auftreten nennt und von der wir kaum etwas wissen, wohl vorbei. Würde er jemals wieder zurückkommen oder ist es ein Weggehen für immer? Und wenn er zurückkommt, wird er noch der sein, der fortgegangen ist? Man spürt förmlich die Lebenswende, die sich in Jesus ankündigt in einer Zeit, in der die Menschen sehnsüchtig eine Wende erwarten und herbeisehnen. Wenn Jesus vom Jordan sich in die Schluchten der nahen Wüste zurückzieht und dann wieder zurückkehrt, wird nichts mehr so sein wie vorher. Und was dieses Vorher betrifft, da muss ich Jesus einige Fragen stellen, die mich sehr beschäftigen:

 Weil uns die Evangelien deine Kindheit entweder völlig verschweigen oder wie Lukas und Matthäus den Anfang deines Lebens nur in bewegenden Geschichten oder tiefgründigen Bildern darstellen können, sag du mir bitte, wie war das damals! Bestimmt hat dir deine Mutter, wie jede liebende Mutter es tut, dir erzählt, wie das war damals, als du geboren wurdest, auf oder besser in die Welt kamst? Unzählige Bücher beschäftigen sich vergeblich mit dieser Frage. Und mögen diese noch so viele Seiten haben, man wird nicht schlau daraus, weil diejenigen, die dieser Bücher schreiben, und mögen sie noch so gelehrt sein, es einfach nicht wissen. Du bist mit deinen Eltern, vielleicht oder wahrscheinlich auch Geschwistern in Nazaret aufgewachsen. Du bist wie dein Vater wahrscheinlich Bauhandwerker geworden, hast das von ihm gelernt, wie es damals so üblich war. Seit wann weißt du, dass dein Leben auf so außergewöhnliche Weise untrennbar mit Gott verbunden ist? Wie hast du das erfahren? Wann hattest du geahnt oder gar Gewissheit, wie alles endet? Und warum gehst du jetzt hinunter an den Jordan, um dich von Johannes taufen zu lassen? Die scharfen, strengen, oft zornigen Worte von ihm mit der Androhung eines strengen Gerichtes, dem niemand entrinnen wird, der seinem lasterhaften Leben in Sünde nicht abschwört und sich dazu von ihm jetzt in den Fluten des Jordan taufen lässt, diese Worte treffen ja nicht auf dich zu. Und du musst das spüren, du kannst diese Worte nicht auf dich beziehen. Willst du dich wirklich mit den Sündern so weit solidarisieren, dass du dich mit ihnen in eine Reihe stellst, darauf wartend, dass das Wasser der Buße und Umkehr einen Neuanfang bewirkt? Und was hast du dann vor? Die Evangelien berichten davon, dass du dich in die Wüste zurückgezogen hast. Ist dir dort in der Wüste deine göttliche Sendung endgültig und in vollem Umfang bewusst geworden? Wie viel von dem, was auf dich zukommt, wie wir es in den Evangelien lesen, hast du schon gewusst? Manche Theologen meinen, du seiest eine Zeit lang selber ein Jünger des Johannes geworden, habest dich dann aber von ihm getrennt. Das würde mir wieder einleuchten, denn du schlägst ja später selber ganz andere Töne an als dein Verwandter Johannes. Ihr beide führt nicht die gleiche Sprache. Du redest viel mehr von einem unendlich liebenden Gott, den du liebevoll Abba nennst, und weniger vom Gericht und wenn dann anders.

 Und Jesus verlässt Nazaret, sein Zuhause, seine Familie und macht sich auf den Weg, den zu gehen er sich entschlossen hat. Die stillen Jahre von Nazaret sind tatsächlich vorbei. Er kennt das Buch des Propheten Jesaja und besonders die Stelle, in der es heißt: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg. Ebnet ihm die Straßen!

 

© Josef Gredler