Josef Gredler

Advent wider die Zeichen der Zeit

 

Er hat wieder seinen vertrauten Platz eingenommen mitten in unserem Wohnzimmer, dieser Adventkranz mit seinen vier roten Kerzen. Er ist für mich nicht wegzudenken aus diesen vorweihnachtlichen Wochen, die mich einstimmen wollen auf das Fest der Ankunft dieses Jesus von Nazaret, dessen Geburt das Evangelium nach Lukas und das Evangelium nach Matthäus unterschiedlich zwar, aber auf so berührende Weise erzählen. Der Stall von Bethlehem, das Licht, das die Nacht erhellt, die verheißungsvolle Botschaft der Engel und das anfängliche Erschrecken der Hirten, das sich schließlich in große Freude und frommes Anbeten wandelt, der leuchtende Stern, der diese Weisen zum Kind führt, vor dem sie dann ihre Knie beugen – in jener Nacht, die zur Zeitenwende geworden ist.  

So schreiben wir das Jahr 2015 nach Christus, aber den Kerzen auf dem Adventkranz will es diesmal nicht recht gelingen, mit ihrem zaghaften Leuchten die Gedanken des Verstandes und die Bewegtheit des Herzens auszurichten auf jenes Kind, das mit seiner Botschaft von der Gottesherrschaft die Welt verändert hat, wie niemand sonst das je vermocht hat. So werden sie wieder entzündet diese Kerzen, in deren Schein mein Inwendiges sich schwerer einzustimmen vermag auf diese Zeiten wendende Ankunft eines Kindes, das ganz von Liebe zu seinem „Vater“ und zu den Menschen durchdrungen seinen Weg gegangen ist bis zum Tod am Kreuz. Aber Gott hat diesen Jesus, diesen bedingungslos Liebenden, nicht im Tod lassen, sodass nach diesem Jesus heute weltweit über zwei Milliarden Menschen sich Christen nennen.

 Natürlich zählt die Statistik bei diesen Milliarden auch jene Unzähligen mit, deren Christ Sein nur noch auf dem Papier besteht, während ihr Leben nicht mehr von dieser Botschaft erreicht und ergriffen wird. Auf unserem Adventkranz – ich sitze dort ja nicht allein, sondern gemeinsam mit jenen, die mir das Liebste sind, was Gott mir gegeben hat – dürfen die Kerzen jeden Tag ihrer Bestimmung gemäß brennen, aber wir merken alle, sie haben es heuer viel schwerer, dass ihr äußeres Leuchten sich abbilden kann in einem inneren Widerschein. Die zentralen adventlichen Motive wie Stille, Umkehr, Friede, Licht und Liebe werden verdeckt von der Realität der Gewalt, dem Schrecken des Terrors, der Angst von Millionen Flüchtender, von himmelschreiender Ungerechtigkeit in der Verteilung der Güter und Chancen, von unsagbarer Armut, selbstzerstörerischem Raubbau an den Ressourcen dieser Welt, von der Vergewaltigung der Umwelt, von Existenz bedrohendem Klimawandel… Kann man, darf man, soll man angesichts dieser unmenschlichen Realität noch hoffen? Darf man sich in eine Aufbruchsstimmung wagen hin zu jenem Fest, das ganz gegen das aktuelle globale Szenario steht? Darf man, kann man sich überhaupt noch adventlich einstimmen, wenn rund um uns die Zeichen auf Sturm stehen?

 Wenn ich nur den Prognosen der Ratio folge, dann sind diese adventlichen Rituale nur Kreationen frommer Phantasie, frömmelndes Kuscheln in einer Welt, die jedes fromme Hoffen als naive Illusion entlarvt. Die Fakten stehen ganz einfach dagegen. Wenn ich jedoch einräume, dass meine Ratio, mein „gesunder Menschenverstand“, an zeitliche und räumliche Grenzen stößt und mein Glauben und Hoffen ihren Ursprung jenseits dieser Begrenzung haben, dann muss ich heute ebenso oder erst recht die Kerzen an meinem Adventkranz entzünden, weil in ihnen etwas zeichenhaft sichtbar wird, das von keinen dunklen Mächten und keiner finsteren Dynamik zerstört werden kann. Die Verheißungen dieses Kindes, das erwachsen geworden als Wanderprediger eine Welt verkündete, die ganz unter der Herrschaft Gottes stehen sollte, werden stärker sein – heute würde man sagen „nachhaltiger“ – als die Mächte der Finsternis. In diesem Glauben entzünde ich wieder die Kerzen auf unserem Adventkranz, überlasse mich der Stille, die ihn umgibt, und setze mich ganz der Hoffnung aus, die in mir erwacht, wenn ich höre, was von diesem Jesus geschrieben steht, wenn ich die Lieder von seinen Verheißungen singe und mich betend an den wende, den er in vollkommener existentieller Verbundenheit liebevoll Abba nennt. Weil Jesus bis ins Innerste seiner Person uneingeschränkt überzeugt und erfüllt davon war, dass dieser Abba ganz die Liebe ist, wage ich es trotzdem, die Kerzen am Adventkranz zu entzünden, zu hoffen und zu glauben, dass diese Liebe letztlich alle Finsternis überwinden wird.

 

© Josef Gredler