Josef Gredler

Auch unbarmherzige Glaubenswächter berufen sich auf die Bibel

 

Zufällig bin ich – am Nachbartisch sitzend – Zeuge eines Gespräches zwischen einem jungen Mann so um die Dreißig und einem gut zwanzig Jahre älteren Herrn geworden. Es geht um die Kirche. Zeuge eines solchen Gespräches wird man in einem Cafe eher selten. Dass es dann aber um das Thema Geschiedene-Wiederverheiratete, Homosexuelle und Lesben geht, verwundert weniger. Dieses Gespräch entwickelt sich bald zu einer auch emotional geführten Auseinandersetzung. Natürlich habe ich dazu meine Meinung, aber selbstverständlich mische ich mich in dieses Gespräch nicht ein, zumal ich beide gar nicht kenne. Aus ihrer Argumentation schließe ich, dass sie keine „theologischen Insider“ sind, was aber die Leidenschaftlichkeit, mit der sie ihre Diskussion führen, nicht mindert. Der Jüngere von beiden ist ein richtiger Hardliner, der sich ganz mit einer Kirche identifiziert, die klipp und klar sagt und vollzieht, was Sache ist. Der andere geht zu dieser Kirche ein wenig auf Distanz, obwohl er sich ganz entschieden als Christ versteht. Für den einen ist die Verweigerung der Kommunion für Geschiedene-und-Wiederverheiratete gar keine Diskussion. Mit nahezu mathematischer Logik leitet er aus der Unauflöslichkeit der kirchlichen Eheschließung ab, dass eine neue Partnerschaft oder Ehe, ob glücklich oder nicht glücklich, einen Zustand „schwerer Sünde“ darstellt. Und im Zustand schwerer Sünde bzw. Todsünde ist ein Kommunionempfang nicht möglich. Und ein Priester, der trotzdem wissentlich die Kommunion spendet, versündigt sich ebenfalls schwer. Aus A, der Unauflöslichkeit der Ehe, folgt B, die Wiederverheiratung Geschiedener als schwere Sünde, und aus B folgt C, dass für solche kein Kommunionempfang möglich ist. Daher ist für ihn völlig klar, dass die beiden Geschiedenenwiederverheirateten, auch wenn ihre neue „sündige“ Ehe glücklich ist und aus dieser sogar Kinder geboren worden sind, auch wenn die beiden mit der Kirche leben wollen und die Situation aus der geschiedenen Ehe verantwortungsvoll geregelt ist, nicht die Kommunion empfangen dürfen. Das ist so und fertig. Wozu sind denn Regeln und Gebote da? Der andere kann dieser Logik nicht folgen. Der gnadenlose Kommunionverweigerer beruft sich auf das Lehramt der Kirche und rechtfertigt seinen Standpunkt auch mit einigen Bibelzitaten, die ich mir nicht mehr anhören kann, weil ich gehen muss. Ich weiß also nichts über den weiteren Verlauf dieses Gespräches und versuche mir vorzustellen, auf welche Bibelworte er sich berufen hat.

Bemerkenswert, dass der ultrakonservative Hardliner die Heilige Schrift auf seiner Seite glaubt. Welche Bibelworte mag er wohl ausgewählt haben, um seine „harte Linie“ zu verteidigen? Den von ihm ausgewählten Jesusworten könnte man wieder ganz andere entgegenhalten. Wer sich Gott als strengen Richter wünscht, findet natürlich eine Reihe von Bibelzitaten, mit denen er diese Strenge quasi zu beweisen glaubt. Nach Mt 13,42 werden alle, die Gottes Gesetz übertreten haben, in den „Feuerofen geworfen“. Nach Mt 22,13 wird der Mann, der kein hochzeitliches (= reines) Gewand anhat, an Händen und Füßen gebunden und in die „äußerste Finsternis“ hinausgeworfen. Nach Joh 15,6 wird der, der nicht in Jesus bleibt, einfach weggeworfen wie eine abgeschnittene Rebe. Nach Mt 25,41 spricht Jesus das harte Gerichtsurteil „hinweg von mir ihr Verfluchten in das ewige Feuer“. Nach Lk 12,9 wird Jesus alle, die ihn vor den Menschen verleugnen, auch vor den Engeln Gottes verleugnen. Nach Lk 17,2 wäre es für einen, der zum Bösen verführt, besser, man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen. Nach Mk 11,14 verflucht Jesus einen Feigenbaum, weil er keine Früchte trägt. Nach Mk 11,15-17 treibt Jesus die Händler und Käufer zornentbrannt aus dem Tempel, er wirft ihnen sogar ihre Tische und Verkaufsstände um, weil sie den Tempel, ein Gebetshaus, zu einer „Räuberhöhle“ machen. Und so könnte man noch viele Bibelzitate anführen, die bestätigen, dass Jesus ganz streng und ohne Erbarmen Unrecht bestraft, dass er keinen Pardon kennt, wenn jemand sündigt. Er fordert unmissverständlich „law and order“. Man könnte Mt 25,41ff sogar so interpretieren, dass Jesus in seinem Urteil härter und strenger ist, als jedes menschliche Gericht es je sein kann. Denn kein menschliches Gericht kann einen Schuldigen auf alle Ewigkeit verdammen. Lebenslänglich ist nicht ewig. Selbst die Todesstrafe wäre nicht mit den ewigen Qualen der Hölle zu vergleichen. Hardliner finden in der Bibel reichlich Argumente, „Munition“, um ihre harten Standpunkte zu verteidigen. Mit einzelnen Zitaten, aus dem ganzen Zusammenhang bzw. Kontext herausgerissen und damit ihrer richtigen Deutungsmöglichkeit beraubt, finden sie in solchen Worten ihre harte Linie bestätigt.

 Einzelne aus dem Zusammenhang gerissene Zitate ergeben kein wahres „Bild“, wer und wie Jesus wirklich war. Man muss auf den Grundakkord hören, den er angeschlagen hat, um einzelne Töne, sprich Aussagen richtig zu verstehen, richtig deuten zu können. Ehe man sich auf einzelne Aussagen Jesu stürzt, muss man den ganzen Bogen seiner Botschaft gleichsam überblicken. Wenn man das tut, wird man feststellen, dass diesem Jesus die Armen, Schwachen, Ausgegrenzten, die Sünder, das Verlorene ein besonderes Anliegen waren. Dieses Anliegen ist in seinem ganzen Verkünden und Wirken durchgehend präsent. Erst auf diesem „Hintergrund“ lassen sich dann einzelne Aussagen richtig interpretieren, wie zum Beispiel Mk 2,17, wenn Jesus den Pharisäern antwortet „ich bin gekommen, die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“, als diese sich darüber empören, dass er mit Zöllnern und Sündern isst. In Mt 21,31 antwortet Jesus den Hohenpriestern und Ältesten, deren Selbstzufriedenheit zum Himmel schreit, „Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr“. In Lk 18,13 nimmt Jesus den demütigen Zöllner in Schutz, der im Tempel im Gegensatz zum Pharisäer ganz hinten stehen bleibt, um sich als armen Sünder zu bekennen. In Joh 8,2-11 rettet Jesus die Ehebrecherin vor der steinernen Gerechtigkeit der scheinbar gesetzestreuen, im Herzen völlig verhärteten Pharisäer und Schriftgelehrten, ohne dass er deshalb den Ehebruch bagatellisiert. In den Evangelien kritisiert Jesus wiederholt die formalistische, legalistische und letztlich unbarmherzige, unmenschliche Auslegung des Sabbatgebotes. Er lässt sich nicht davon abhalten, am Sabbat Menschen zu heilen, sie von ihrer Krankheit, ihrem Leiden, ihrer Behinderung, ihrer Schuld zu befreien, ohne dass Jesus das Gesetz missachten oder aufheben will, aber er will das Gesetz in Liebe und für den Menschen, zu seinem Heil auslegen und anwenden. Das Gesetz muss im richtigen Blickwinkel gesehen werden. Jesus lässt in Lk 7,36 ff zu, dass eine stadtbekannte Sünderin im Haus des Pharisäers Simon seine Füße salbt, küsst und mit ihrem Haar trocknet, auch wenn sich die frommen Vertreter des Gesetzes daran stoßen. Im Gleichnis vom barmherzigen Vater in Lk 15,11-32 wird der Sohn, der das ganze Erbteil seines Vaters verprasst und verludert hat, von diesem bei seiner Rückkehr voll Freude umarmt, geküsst und wieder als Sohn aufgenommen. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf in Lk 15,4-7 macht auf berührende Weise deutlich, wie sehr Jesus gerade die sucht, die sich verirrt und verlaufen haben. In Joh 15,13 verweist Jesus auf seine Liebe, die in der Bereitschaft, sein Leben für seine Freunde hinzugeben, nicht größer sein kann. Und so ließen sich noch viele Bibelzitate von der Sorge Jesu um die, die am Rande der Gesellschaft stehen müssen oder gar ausgeschlossen sind, und von seiner verzeihenden, befreienden, heilenden Liebe anführen. Aber all diese Bibelzitate wären nicht viel wert,  nicht stichhaltig, würden sie sich nicht im Kontext seiner ganzen Botschaft bestätigen, in seinem ganzen Lebens bis zum Kreuz und Ostermorgen bewahrheiten.

 Wer wirklich auf der Suche nach dem wahren Jesus ist, nach dem Jesus, wie er wirklich war, der muss seine ganze Botschaft aufnehmen, sein ganzes Wirken überschauen, um seine Person und Sendung zu erkennen. Und wer wirklich das ganze Evangelium berücksichtigt, kommt nicht umhin, die Liebe Jesu zu den Ausgegrenzten und Schwachen, den quasi Verlorenen und Sündern als ganz wesentlich zu erkennen. Die unbarmherzigen Gesetzeswächter können zwar einzelne Bibelstellen aus dem Kontext herausreißen, um ihren unbarmherzigen Legalismus zu verteidigen, aber sie sie haben den ganzen Jesus, seine ganze Sendung niemals auf ihrer Seite. Sie suchen sich das aus der Schrift heraus, was ihrem herzlosen, gnadenlosen Insistieren auf Recht und Gesetz entspricht. Diesen „ganzen Jesus“ haben hoffentlich die kirchlichen Vertreter bei der Familiensynode in Rom vor Augen, wenn sie unter anderem nach Lösungen suchen, wie sich die Kirche gegenüber Geschiedenen und Wiederverheirateten verhalten soll, ob die Kirche diesen die Kommunion spendet oder sie weiterhin davon ausschließt, ob die Kirche die Tür zu ihnen aufmacht oder schließt, ob die Kirche sie weiterhin ausgrenzt oder aufnimmt.

 

© Josef Gredler