Josef Gredler

Wenn es keinen Gott gäbe…

 

Wenn der Glaube an einen Gott aus meinem Leben nicht wegzudenken ist, unverzichtbar dazugehört, vielleicht immer schon gehört hat, wenn der Glaube an den lebendigen, sich in Jesus geoffenbarten und Mensch gewordenen Gott gar nicht wegzudenken wäre aus meinem Leben, wenn dieser Glaube trotz gelegentlicher Zweifel so eine positive Selbstverständlichkeit meines Lebens ist, dann könnte es eine heilsame Übung sein, sich einmal vorzustellen versuchen, was denn wäre, wenn es keinen Gott gäbe. Diese Frage könnte mich herausholen aus dem gleichsam selbstverständlichen Besitz all dessen, was dieser Glaube mich glauben lässt, und  sie könnte dem Glauben wieder die Dimension der Gnade, des Geschenks zurückgeben. Ja, was wäre mit mir, mit meinem Leben, wenn es keinen Gott gäbe?

Dann habe ich bisher nur gegen eine Wand geredet oder ins Leere hinein. Dann sind all mein Bitten, Klagen, Danken, Loben gar nie bei ihm angekommen, haben sich sozusagen in nichts aufgelöst. Die ganze Zeit, die ich betend verbracht habe, war eine verlorene, vergeudete Zeit, Worte eines Träumers nur. In Wahrheit bin ich dem größten Irrtum meines Lebens aufgesessen. Ich war in meinem Glauben, Beten, Hoffen ein Narr, der sich eine tröstliche Fiktion an die Wand seines Lebens gemalt hat, weil er mit der bitteren Wahrheit nicht leben konnte. Alle Schreie derer, die unterdrückt werden und furchtbare Gewalt leiden, verhallen ungehört in der Atmosphäre. Alles Unrecht dieser Welt wird niemals und von niemandem umgewandelt. Die Schöpfung wird nicht vollendet, sondern verendet irgendwann einfach als sinnloses Produkt des Zufalls. Und was tu ich jetzt mit meinem Leben, von allen „guten Mächten“ verlassen? Kann ich die Vergangenheit einfach zum Irrtum erklären, um ab jetzt mit der bitteren Pille der Wahrheit zu leben, ein neues Leben mit dieser gottlosen Wahrheit zu versuchen? So einfach geht das nicht, denn ich habe ja nicht nur so ein bisschen geglaubt. Dieser Glaube an Gott hat mein Leben wesentlich geprägt, beeinflusst, er hat es verändert, hat ihm Sinn, Richtung und Ziel gegeben. Manchmal ist mir Gott sogar ganz zur Mitte geworden. Habe ich mein Leben nur in völliger Täuschung oder frommer Verblendung in Gott festgemacht und waren diese göttlichen Haltegriffe meines Lebens in Wirklichkeit nur im Sand frommer Illusion befestigt? Da sind viele Entscheidungen, die ich so getroffen habe im Glauben, dass der Gott der Bibel ein lebendiger Gott ist, der Gott meines Lebens, das Alpha und das Omega. Viele Wege habe ich eingeschlagen und bin sie nur deshalb gegangen, weil ich der Meinung war, sie würden mich Gott näher bringen und Gott würde mit mir gehen. Ich habe mich doch immer, täglich in seiner Gegenwart gewusst. Ich war ja per du mit Gott, habe ihn immer so angeredet, wie es Jesus uns gelehrt hat: „Vater unser…“ All meine Sorgen habe ich auf ihn geworfen, dem Wort der Schrift ganz vertrauend. Alle Lasten habe ich bei ihm abgeladen. Richtige Berge haben sich da aufgetürmt. Manchmal habe ich mein ganzes Leben vor ihm ausgebreitet. Ich habe ihn in meine Lebenspläne nicht nur eingeweiht, sondern ganz einbezogen. Wenn ich nicht mehr weiter wusste, in den schweren Stunden, habe ich mein Leben einfach in seine Hände gelegt und darin Kraft und Trost gefunden. Aber nicht nur mein Leben. Ich habe ihm auch das Leben meiner Lieben anvertraut, ihn gebeten, dass er sie segne und segnend mit ihnen sei alle Tage. Im Grunde genommen habe ich mein ganzes Leben auf ihn gebaut. Habe ich tatsächlich nur Luftschlösser gebaut? Wenn es keinen Gott gibt, dann ist mir der Boden unter meinen Füßen weggezogen und darunter tut sich ein riesiger finsterer Abgrund auf. Jeden Tag habe ich begonnen „in Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes“. Es war schön, den Tag so beginnen zu können, es war immer wie ein Sonnenaufgang. Aber diese Sonne geht jetzt nicht mehr auf. Die einzige Sonne, die wirklich ist, ist dieser Feuerball, hundertfünfzig Millionen Kilometer von der Erde entfernt, um den sich die Erde dreht, auf der ich lebe. Aber diese Sonne ist kein Bild mehr für Gott. Überhaupt sind dann alle Bilder, so schön und tröstlich sie waren, einfach absurd, weil sie nur Lug und Trug sind. Damit ist es nun vorbei. Da ist kein Gott, der über den Horizont dieser Welt hinausweist. Transzendenz ist nur noch eine leere Vokabel, bloße Hülse. Mein Leben, das Leben meiner Lieben, die ganze Welt bewegen sich nicht auf eine Vollendung zu in Gottes Ewigkeit. Sie bewegen sich auf ein Nichts zu, um dann in ein endgültiges Nichts zu fallen, das die für immer verschluckt. Hinter dem Horizont dieses Lebens, dieser Welt ist nichts, einfach nichts.

Dann erwache ich wieder aus dieser Vorstellung wie aus einem bösen Traum und bin erleichtert, dass es eben nur ein Traum war. Und alles, was ich da träumen musste, verkehrt sich wieder ins Gegenteil und ich beginne erleichtert, voll Freude, wieder hoffend und glaubend „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

 

© Josef Gredler