Josef Gredler

Barmherzigkeit und Wahrheit

 

Wahrheit und Barmherzigkeit sind in der christlichen Religion zwei viel gebrauchte und ganz zentrale Begriffe, die untrennbar zusammengehören, weil die Barmherzigkeit ein nicht ablösbarer Teil der Wahrheit ist. Dennoch haben sich „Wahrheit“ und Barmherzigkeit in der Geschichte des Christentums von einander entfernt und sind immer wieder sogar Gegensätze geworden und sie sind es fallweise auch heute noch oder immer wieder. Wer von Jesus und seiner Botschaft in den Evangelien im Sinne Jesu berührt und ergriffen worden ist, für den gehören Barmherzigkeit und Wahrheit zusammen, für den sind sie ein unteilbar Ganzes, das Sendung dieses Jesus von Nazaret bis ins Inwendigste seiner gottmenschlichen Person bestimmt, bis zum Letzten seines geschichtlichen Lebens. Die Wahrheit Jesu ist voll Barmherzigkeit und die Barmherzigkeit Jesu ist voll Wahrheit. In seiner Proklamation der Gottesherrschaft sind Barmherzigkeit und Wahrheit ungeteilt und unteilbar. Und weil Jesu nicht bloß als Prophet oder charismatischer Prediger, sondern mit göttlichem Anspruch die Gottesherrschaft verkünden konnte, dürfen Christen glauben, dass Gott selber in seinem Wesen Wahrheit und Barmherzigkeit ist. Zwischen beiden gibt es keinen Gegensatz, sie sind in Gott eins.

 Den ersten christlichen Gemeinden war das noch ganz vertraut und selbstverständlich, aber auf dem langen Weg durch die Geschichte der Kirche ist die Barmherzigkeit zusehends verblasst und immer mehr vergessen worden. Wahrheit und Barmherzigkeit haben sich immer mehr von einander gelöst. Einzelne große Gestalten des Glaubens haben in ihrem Leben diesen Gegensatz immer wieder überwunden und Barmherzigkeit und Wahrheit als zusammengehörig erfahren, gelebt und bezeugt, aber letztlich hat die institutionalisierte, amtliche Kirche in der Ausübung ihres Lehramtes diesen Gegensatz nie mehr ganz überwunden. Große Dunkelheit ist immer wieder über Christen und Nichtchristen hereingebrochen, weil die Leitung der Kirche in ihrem blinden, kompromisslosen Schützen, Festhalten und Bewahren der „Wahrheit“ diese zum Altar gemacht hat, auf dem die Barmherzigkeit geopfert worden ist. So und nur so sind die Scheiterhaufen zu erklären, auf denen man der Wahrheit Abtrünnige verbrannt hat. So und nur so sind Kriege zu erklären, die man um der Wahrheit willen geführt hat, sogar im Auftrag der Nachfolger Petri. So und nur so sind die Strafen zu erklären, die man für Verstöße gegen die Wahrheit verhängt hat. Gleichzeitig ist aber die Barmherzigkeit nie erloschen, weil sie von einzelnen großen und kleinen Gestalten des Glaubens genährt und am Leben erhalten worden ist wie eine Flamme, die manchmal nur noch in verborgenen Winkeln brannte, weil in der Mitte kein Platz für sie war.

 Natürlich waren da auch immer wieder Päpste und Bischöfe, die barmherzig entschieden und gehandelt haben, aber in der zweitausendjährigen Geschichte ist die Barmherzigkeit immer wieder unter die Räder der „Wahrheit“ gekommen. Papst Johannes XXIII hat in seinem Pontifikat beides wieder zusammengesehen, ausgestrahlt und zusammenzuführen versucht. Papst Franziskus ist entschlossen, der Wahrheit wieder die Barmherzigkeit zurückzugeben, die ihr von unbarmherzigen und fehlgeleiteten Wächtern der Wahrheit genommen worden ist. Die Barmherzigkeit ist in der Geschichte der lehramtlichen Kirche oft an den äußersten Rand und darüber hinaus gedrängt worden, weil alles der „Wahrheit“, der „ganzen und reinen Wahrheit“, so glaubte man, unterzuordnen sei. In Papst Franziskus scheint die amtliche Kirche den Auftrag zu barmherziger Wahrheit und wahrer Barmherzigkeit wieder zu entdecken.  Aber auch er bekommt dabei den Gegenwind unbarmherziger „Hüter der Wahrheit“ zu spüren. Franziskus will entschlossen die Kirche wieder ganz ernsthaft an das Evangelium heranführen. Vielleicht ist sein Pontifikat Aufbruch zu spiritueller Erneuerung, der Wahrheit wieder ein barmherzigen Gesicht und die Barmherzigkeit wieder als unverzichtbar für die Wahrheit zu entdecken. Unbarmherziges Bewahren und Behüten der Wahrheit führt in eine fundamentalistische Dynamik, für die Barmherzigkeit ein Störfaktor und Weichspüler unverrückbarer „Wahrheiten“ ist.

 Doch wäre es zu einfach und zu billig, bezüglich Barmherzigkeit und Wahrheit mit dem Finger nur auf die Amtskirche in ihrer Geschichte zu zeigen. Wir dürfen uns selbst nicht aus der kritischen Betrachtung nehmen, wie sehr wir Barmherzigkeit und Wahrheit in unserem täglichen Leben eins sein lassen. Auf Fehlentwicklungen und Verirrungen der Kirche zu zeigen, ist legitim und auch notwendig, aber immer mit der Herausforderung verbunden, auch sich selber mit seinem Leben auf den Prüfstand der Wahrheit und Barmherzigkeit zu stellen. Die Wahrheit Jesu darf nicht zu sterilem Besitz verkommen, den man gegen Menschen unbarmherzig anwendet. Mit dieser Wahrheit ist immer auch der Auftrag Jesu verbunden: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lk 6,36) Dass wir in der Barmherzigkeit Gottes leben, wird uns zur Aufgabe, andere durch uns Barmherzigkeit erfahren zu lassen. Wir wissen und spüren, wie schwer das oft ist. Aber dieser Auftrag, barmherzig zu sein wie „euer Vater“, ist der Grundakkord der Botschaft Jesu. Er proklamiert eine Gottesherrschaft, ein Reich Gottes, das nur aus dieser Barmherzigkeit wahr werden kann. Aus ihr kommt die Bereitschaft zum Vergeben. So heißt es dann bei Lukas auch weiter: „Vergebt, so wird euch vergeben!“ (Lk 6,37) Wir wissen aus Erfahrung, wie schwer dieses  Vergeben oft sein kann. Wie viel Unheil im Großen wie im Kleinen kommt aus dem Nicht-Vergeben. Aber das Reich Gottes oder besser die Gottesherrschaft wird ohne dieses Vergeben verhindert. Reich Gottes meint kein fundamentalistisches, aber auch kein kuscheliges Gesellschaftsmodell. Es verlangt Menschen, die barmherzig sind, vergeben können und…! „Richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet!“ heißt es bei Lukas weiter. Wie viel wird doch durch unbarmherziges Richten zerstört? Und schließlich: „Gebt, so wird euch gegeben!“ Nehmen ohne Geben macht die Welt unmenschlich und wir erfahren diese Unmenschlichkeit täglich. Im Vergeben, im Nicht-Richten, im Geben wird die von Jesus proklamierte Barmherzigkeit konkret.

 Ganz schön viel, was uns da abverlangt wird, aber es ist verbunden mit der Zusage, dass wir selber in unserer Schwachheit und Zerbrochenheit immer wieder von Gottes  Barmherzigkeit aufgefangen werden. Wahrheit und Barmherzigkeit sind uns durch Jesu Verheißung ungeteilt geschenkt, aber durch Jesu Auftrag auch zur ungeteilten Lebensaufgabe geworden.

 

© Josef Gredler