Josef Gredler

Missverständnis um den strafenden Gott

 

Mit den Drohungen mit der Strafe Gottes hat die Kirche als Institution, haben viele Vertreter in ihrer Verkündigung viel Schaden angerichtet. Dass sie es nicht besser wussten, mag zu ihrer Entlastung dienen. Andererseits kann man sie aus ihrer Verantwortung, mit der sie ein so verzerrtes Gottesbild gezeichnet haben, das mit der Botschaft Jesu nicht in Einklang zu bringen ist, nicht einfach entlassen. Menschen, die Angst haben, sind folgsam. Auch deshalb war die Angst vor der Strafe Gottes durch Jahrhunderte ein probates und durchaus erfolgreiches Mittel, Gläubige gefügig, hörig zu machen für die Befolgung der göttlichen Gebote und ihrer konkreten Auslegung durch die Kirche. Die Lehre der Kirche in Fragen des Glaubens und der Moral hat man durch die Angst vor der Strafe Gottes, die einen ereilt, wenn man dieser kirchlichen Lehre nicht folgt, im Leben der Menschen nachhaltiger festmachen können. Der Zeitgeist unserer aufgeklärten und ultrapluralistischen Wohlstandsgesellschaften bringt es mit sich, dass dieses Hantieren mit der Angst heute kaum mehr funktioniert. Innerkirchlich ist es dieses Missverständnis aber nur teilweise überwunden. Und das andere Extrem, dass „der liebe Gott ja sowieso alles verzeiht“, führt den Glauben in die Banalität, weil die menschliche Verantwortung in Unverbindlichkeit und Bedeutlungslosigkeit verdunstet.  

 Der bekannte Neutestamentler Gerhard Lohfink schreibt dazu in seinem im Verlag Herder 2011 erschienenen Buch „Jesus von Nazaret – Was er wollte, wer er war“ Folgendes: „Es muss doch wohl einmal eine Stunde kommen, in der die Lügen und Manipulationen, die Gemeinheiten und verborgenen Gewalttaten der Geschichte aufgedeckt werden – das endlose,  verworrene, verfilzte Ineinander menschlicher Schuld und menschlicher Unschuld. Eine Welt, die nicht in diesem Sinn gerichtet wird, wäre ohne Hoffnung, ohne Ziel und ohne Würde. Eine Weltgeschichte, in der die Mörder über ihre unschuldigen Opfer triumphieren, in der die Rücksichtlosen recht behalten und die Betrogenen ewig betrogen bleiben, wäre von einer letzten Absurdität. Die menschlichen Gerichte sind gegenüber dem unermesslichen Potential an Unrecht in ihrer Welt hilflos, ja sie sind in dieses Unrecht selbst mitverwickelt. Schuld klären kann letztlich nur Gott. Gericht heißt aber nicht, dass Gott am Ende Genugtuung verlangt, dass er bestraft, dass er büßen lässt, sondern zunächst und vor allem, dass er die Geschichte klärt – oder besser formuliert: dass sich angesichts der absoluten Wahrheit, die er von seinem Wesen her ist, die Geschichte selbst klärt.“

 Nirgendwo scheint mir dieses Missverständnis, dieses Missverhältnis zwischen Liebe und Strafe, zwischen Liebe und Gericht so treffend entflechtet und aufgelöst. Verzeihende Liebe und Gericht sind in der Verkündigung letztlich als Gegensätze geworden, die man mit dem holprigen Hinweis „Gott ist die Liebe, aber er ist auch gerecht“ billig zu klären bzw. zu verbinden versucht hat. In Wirklichkeit ist damit dieser Gegensatz bzw. Widerspruch erst recht einzementiert und das Gottesbild Jesu völlig verzerrt worden. Wozu braucht man sonst das Wörtchen „aber“? Man verwendet dieses entgegenstellende Bindwort, wenn man einen Gegensatz ausdrücken will, wenn zwei Sachverhalte in einem inneren Widerspruch zueinander stehen. Zwischen einem Gott, der ganz Liebe ist, und einem Gott, der andererseits Menschen sogar mit der ewigen Hölle bestraft, besteht unzweifelhaft ein Gegensatz, der von denen gestiftet worden ist, die mit Eifer und aus voller Überzeugung, vielleicht auch mit einem gewissen Herrscherkalkül mit dem strafenden Gott gedroht haben oder dies noch immer tun. Wozu sonst müssten sie sich dieses Wörtchens „aber“ bedienen? Es soll deutlich machen, dass die Strafe absolut zu setzen ist wie Gott selber und dass die Liebe dementsprechend zu relativieren ist, um sie von jenem Missverständnis zu befreien, die dem strafenden Gott die „Hände bindet“. Die Liebe bzw. das, was von ihr in einer so verhängnisvollen Diktion noch bleibt, muss sich dem „aber“ unterordnen. Bei aller Liebe, an der Strafe darf nicht gerüttelt werden, sie muss unausweichlich hereinbrechen über jene, die schuldig geworden sind. So ist auch heute vielen die Strafe ihres Glaubens liebstes Kind. Und die Liebe Gottes muss auf jenes Maß verkürzt werden, dass die göttliche Bestrafung der Sünder die unverrückbare Nabe ihres Glaubens bleibt. Wirklich absolut ist also nicht die Liebe, sondern die Strafe, der man nur durch Reue und büßendes Bekenntnis (Beichte) entkommen kann. „Wo käme man da hin, wenn es nicht eine strafende Gerechtigkeit gäbe?“ Die Strafe, wenn es sein muss die ewige Höllenstrafe, sind der Rahmen, der die einzelnen Puzzleteile der verkündeten Lehre von Gott umrahmt und zusammenhält.

 Bemerkenswert ist, dass das andere Extrem, die Lehre von einem dermaßen liebenden Gott, dass  es gar keine Strafe geben kann, letztlich gerade diese Liebe, die Mitte des Glaubens, in Frage stellt. Mehr  noch, eine solche Liebe führt sich letztlich selbst ad Absurdum, weil sie alles Böse, das Menschen zugefügt oder erlitten haben, für alle Zeit so sein lässt. Lug und Trug, Hass und Verfolgung, Gewalt und Mord haben das letzte Wort, sie werden nicht korrigiert, sondern bleiben als Faktum einfach stehen, Geschichte und Ewigkeit überdauernd. Es werden keine Tränen getrocknet, keine Wunden geheilt, kein Tod wird in Leben verwandelt. Ein dermaßen liebender Gott mutiert zum Clown, der dem Bösen nichts entgegensetzen kann. Ein solcher Gott kann die Welt, die Schöpfung gar nicht vollenden. Was wäre denn das für eine Vollendung, in der die Betrüger, Peiniger und Mörder über ihre Opfer triumphieren? Das Böse darf nicht das letzte Wort haben, darf neben der Liebe seine Existenz nicht „unbehelligt“ fortsetzen können. Hier ist eine endgültige, für die Ewigkeit gültige Klärung notwendig. Vollendung der Schöpfung durch einen liebenden Gott ist eine Vollendung der Liebe, eine Überwindung, wenn möglich eine Wandlung des Bösen, jedenfalls aber seine Entmachtung. Am Ende siegt die Liebe über das Böse.

 Wir implizieren unser menschliches Verständnis von Strafe in unsere Vorstellung vom göttlichen Gericht. Unsere menschliche Vorstellung von Strafe und Gericht verstellt uns den Blick für die vollendende Liebe Gottes. In unserer Vorstellung schwingt immer so etwas wie Genugtuung mit. Wenn ein Mörder lebenslänglich hinter Gitter muss, empfinden das viele Menschen als Genugtuung. „Jetzt hat er endlich seine gerechte Strafe bekommen.“ Der Mörder soll, muss büßen. Er muss sühnen für seine böse Tat. Sonst ist – nach menschlichem Empfinden – die Gerechtigkeit nicht wieder hergestellt. Menschliches Straf- und Gerechtigkeitsdenken führen immer in dieselbe Sackgasse: Die Liebe triumphiert über das Böse, indem den Bösen die Rechnung präsentiert wird und sie die Strafe bekommen, die sie „verdient“ haben. Dann ist Gerechtigkeit hergestellt, dann ist Genugtuung geleistet. Das meinen jene, die da sagen „Gott ist die Liebe, aber er ist auch gerecht“. Gott ist die Liebe und er meint diese Liebe so ernst und so absolut, dass er den Schrei der Unterdrückten und Gequälten, der Gefolterten und Gemordeten, nicht einfach in der Ewigkeit verklingen lässt. Gott schafft endgültige Klarheit im Gericht. Die Liebe siegt über das Böse, weil Gott selbst die Liebe ist. Die Bestrafung des Bösen ist nicht das Ziel in diesem Gericht, sondern seine Entmachtung, seine Überwindung, seine Verwandlung, damit die Liebe zum Maß für alle Ewigkeit werden kann. Wenn der Mensch in seiner Freiheit sich dieser endgültigen Klärung widersetzt, die Liebe nicht annehmen, das Böse nicht loslassen will, bereitet er sich selbst eine höllische Ewigkeit.

 

© Josef Gredler