Josef Gredler

Vergeben macht frei

 

In diesen drei Worten verbirgt sich eine tiefgründige Wahrheit. Vergeben ist zuerst einmal befreiend für den, dem vergeben wird. Vergeben ist befreiend aber auch für den, der vergibt. Wir sind doch manchmal wie gefesselt durch das, was jemand anderer uns angetan hat, zu tun versäumt hat, über uns oder zu uns gesagt hat. Der andere steht dann sozusagen in unserer Schuld. Je mehr er aber auch in unserer Liebe steht, desto mehr leiden wir darunter. Wie der andere mit seiner Schuld zurechtkommt, wissen wir nicht. Aber sein Versagen und Unrecht liegen wie eine schwere Last auf unseren Gedanken, unserer Stimmung, unserer ganzen Verfassung. Wir sind wie gefesselt. Dabei hätten wir ja an unseren eigenen Fehltritten schon genug Last zu tragen. Wieso müssen wir noch an der Schuld anderer leiden? Andere wiederum leiden, wir wissen es meist nur nicht, an unserer Schuld. Jeder von uns trägt Fesseln, die uns gar nicht durch eigenes schuldhaftes Tun angelegt sind. Aber wir sind dennoch gefesselt.

Zu jeder Fessel gibt es auch einen Schlüssel, um sie zu lösen und abzunehmen. In der Regel ist nicht derjenige im Besitz dieses Schlüssels, der gefesselt ist. Die Handschellen kann nicht der öffnen und abnehmen, der sie trägt. Das gilt auch für die Fußfessel, um zwei im wahrsten Sinn des Wortes „fesselnde“ Beispiele aus dem Strafvollzug zu bemühen. Allerdings trägt nach weltlichem, kultiviertem Strafrecht – Regime der Finsternis zählen nicht dazu –  derjenige die Fessel, der sich etwas zu Schulden kommen hat lassen. Aber wir tragen oft Fesseln, die wir gar nicht selber verschuldet haben, die durch schuldhaftes Handeln anderer uns angelegt hat. Wir würden ja gerne zu dem Schlüssel greifen, um die Fessel zu lösen und uns von ihr zu befreien, aber der Schlüssel liegt ja bei dem, der uns durch sein schuldhaftes Verhalten diese Fessel angelegt hat. So glauben wir zumindest, einer scheinbar einsichtigen Logik folgend.

Aber diese Logik irrt. Wir können vergeben und unsere Fesseln fallen von selber ab und wir sind frei. Ist es nicht oft so, dass wir schon vergeben möchten, verzeihen würden, wenn der andere zumindest einsichtig ist? Wenn er uns noch dazu um Vergebung bittet, fällt es uns noch leichter. Aber leider erkennt der andere seine Schuld oft gar nicht. Wie soll er da zur Einsicht kommen? Und wie soll er ohne diese Einsicht uns um Vergebung bitten? So bleiben viele Menschen „unschuldig“ gefesselt, weil ein anderer durch fehlende Einsicht und Reue sie am Vergeben sozusagen hindert. Diese Anführungszeichen sind mit Absicht gesetzt, denn ganz so unschuldig sind wir ja nicht, wenn wir Einsicht und Reue zur Bedingung für unser Vergeben machen. Hier rütteln wir an einem ganz tiefen Missverständnis, ja Unverständnis, was vergeben und umkehren betrifft. Wir haben Vergebung mit Umkehr gleichgesetzt. Es ist richtig, dass ohne Einsicht und Reue keine Umkehr möglich ist. Das gilt aber nicht für das Vergeben und Verzeihen. Ich kann einem Mitmenschen seine Schwäche, sein Versagen, seine Schuld, sein Unrecht gegen mich ganz einseitig vergeben, auch wenn er keine Einsicht zeigt, auch wenn er mich gar nicht um Vergebung bittet. Ich kann dem anderen vergeben, obwohl er sich nicht ändert, und lasse ihn, wie er ist.

Im Matthäusevangelium (Mt 18,21-22) fragt Petrus Jesus „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal?“ Petrus ist mit seiner Vermutung gar nicht so kleinlich, denn „versündigen“ meint ein ganz schwerwiegendes Vergehen. Aber Jesus legt die Latte nicht nur höher, sondern so hoch, dass man glauben möchte, das schafft niemand: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ Mit anderen Worten, wir sollen immer und unbegrenzt vergeben. Dabei macht Jesus das Maß vergebender Liebe nicht abhängig von Reue und Vergebungsbitte, zumindest sind diese Bedingungen hier nicht einschränkend erwähnt. Als Jesus von seinen Henkern ans Kreuz genagelt wird, betet er: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34) Hier bittet Jesus ausdrücklich um Vergebung für jene, denen Schuldeinsicht und Reue völlig fehlen. Keiner von denen hat ihn um Vergebung gebeten. Als die Mitglieder des Synedriums Stephanus steinigen, betet dieser für sie: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apg 7,60) Stephanus bittet um Vergebung für die, die ohne jede Einsicht und Reue ihr böses Tun fortsetzen. Niemand von ihnen hat Stephanus um Vergebung gebeten. Der barmherzige Vater läuft dem Sohn, der seine Liebe zurückgewiesen und sein Erbe in einem liederlichen Leben vergeudet hat, entgegen und umarmt ihn, ehe dieser überhaupt um Vergebung bitten kann. (Lk 15,20) Wenn wir im Vaterunser beten „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“, dann ist unsere Vergeben nicht auf die reuigen Schuldiger eingeschränkt, zumindest geht das aus der Vaterunserbitte nicht hervor. Nun stammt dieses Gebet von Jesus selber. So hat er seine Jünger beten gelehrt.

 Vergeben geschieht durch den, dessen Liebe verletzt worden ist, dem Unrecht und Leid zugefügt wurde. Der Vater muss die Abkehr seines Sohnes erleiden, Jesus wird ans Kreuz geschlagen, Stephanus wird gesteinigt. Umkehr hingegen geschieht durch den, der die Liebe verletzt, Unrecht und Leid zugefügt, Schuld auf sich geladen hat. Und diese Umkehr kann sich nur aus Schuldeinsicht und Reue ereignen. Der Vater hat seinem „verlorenen“ Sohn wohl schon vergeben, als dieser noch in der Fremde weilte. Der „verlorene“ Sohn hätte aber die vergebende Liebe seines Vaters nie erfahren können, wenn er seine ins Unheil führende Abkehr nicht als solche erkannt hätte und dann in Reue umgekehrt wäre. Ohne Einsicht und Reue wäre der Sohn in Not und Unheil geblieben, nicht wissend, dass ihm sein Vater schon vergeben hat.

 Zu solcher Vergebung sind auch wir eingeladen und berufen. Auch wir sollen nicht Bedingungen an die Vergebung knüpfen. Dabei haben wir es in der Regel viel einfacher. Meist sind es ja nicht Kapitalvergehen, die zur Vergebung anstehen und die der Kategorie „sich gegen jemand versündigen“ angehören. Oft sind es nur lässliche Nadelstiche, die uns zugefügt worden sind. Wenn wir Vergebung schenken, ohne Bedingung, sondern einfach in und aus Liebe, dann machen wir die erstaunliche Erfahrung, dass dabei Fesseln von uns abfallen und wir uns frei fühlen. Der Vergebende befreit sich auch selber. Vergebende Menschen sind freie Menschen. Vergeben macht frei.

 

© Josef Gredler