Josef Gredler

Hier ruht in Frieden?

 

Gehen Sie auch gerne auf den Friedhof? Um das Grab eines lieben Verstorbenen zu besuchen, dort eine Kerze anzuzünden und betend zu verweilen oder das Grab zu pflegen oder „herzurichten“, wie man bei uns sagt? Das Licht dort entzünden wir nicht, weil es dem Verstorbenen hilft. Die brennenden Kerzen auf den Gräbern haben keine magische Wirkung. Auch die Blumen stehen nicht deshalb am Grab, weil der/die Verstorbene ihrer bedarf. Die Hinterbliebenen drücken damit Ihre Liebe und Verbundenheit mit dem aus, der Ihnen in die Ewigkeit vorausgegangen ist, vielleicht auch ihren Glauben und ihre Hoffnung. Wenn wir betend am Grab verweilen, so glauben wir zu Recht, dass unser Gebet dem Verstorbenen zugute kommt. Wie? Das entzieht sich unserer Kenntnis und unserem Verstehen. Es liegt ein tief eingeprägter Glaube darin, ein große Hoffnung, dass unser Gebet für Verstorbene nicht vergebliches Gestammel ist. Ich liebe diesen Frieden, der sich über den Friedhof legt, die tiefe Ruhe, die dort ist. Der Gang auf den Friedhof zum Grab eines, einer lieben Verstorbenen, ist ein sehr trostvoller Weg, voll Hoffnung und Zuversicht. Wenn ich an einem fremden Ort bin, ist es mir liebe Gewohnheit geworden, auch den Friedhof aufzusuchen, durch die Gräberreihen zu gehen, die Grabinschriften zu lesen und die Verstorbenen zu sehen, deren Gesicht an manchen Gräbern noch abgebildet ist.  Vielleicht ist unser Verweilen auf dem Friedhof gerade deshalb so wohltuend, weil wir ihn tatsächlich als einen Ort tiefen Friedens erleben.

An den meisten Gräbern lese ich am Grabstein oder an einer Tafel unter dem Kreuz die Inschrift „Hier ruht in Frieden“. Wenn es tatsächlich so wäre, wäre mir der Friedhof ein Ort der Trostlosigkeit, trostloser als die Unterwelt in der  Vorstellung  der alten Griechen. Hartnäckig zählt aber diese Grabinschrift zu den häufigsten. Wenn wir ein Licht am Grab entzünden, dann meinen wir damit das „ewige Licht“, das dem Verstorbenen leuchten soll, wie wir ja auch beim Gebet für die Verstorbenen  bitten „Herr, schenk ihm/ihr die ewige Ruhe! Und das ewige Licht leuchte ihm/ihr.“ Dieses „ewige Licht“ meint niemand anderen als den, der eine ewige, himmlische Wohnung all denen bereitet hat, die ihn lieben (Joh 14,2 und 1 Kor 2,9). Tröstlich und eine beglückende Verheißung, dass unsere Verstorbenen nicht auf dem Friedhof ihre letzte Ruhestätte finden müssen und dass es schlichtweg nicht stimmt, was wir in vielen Todesanzeigen lesen „Wir begleiten unsere/n… auf den Ortsfriedhof zur letzten Ruhestätte“ Und es stimmt auch nicht, wenn wir dann später an diesem Grab lesen „Hier ruht in Frieden“. Wie gut, dass das nicht so ist. Wir begleiten nicht den Verstorbenen, sondern das, was sterblich an ihm war, zur letzten Ruhestätte auf dem Friedhof. Wir legen den sterblichen Leib zurück in das Grab, in die Erde, von der er „genommen“ worden ist, wie beim Begräbnis gebetet wird „von der Erde bist du genommen, und zur Erde kehrst du zurück“. Die sterbliche Hülle mag sich dann in Erdreich verwesen, man kann auch sagen verwandeln. Und wenn in zwanzig Jahren dieses Grab neuerlich geöffnet wird, um den verstorbenen Leib eines anderen aufzunehmen, dann finden wir nur mehr Gebeine. Aber die Person, der sie einmal gehört haben, ist nicht zerfallen, hat sich nicht aufgelöst, sondern ist in Gottes Ewigkeit eingegangen.

Wo hat diese irreführende und schlichtweg falsche Grabinschrift ihre Ursache?

- Zum einen mag es der Begräbnisritus sein, in dem die Kirche seit jeher sinngemäß formuliert, dass wir aus Staub sind und wieder zu Staub zurückkehren. Nicht  ich, du, wir werden zu Staub, sondern das Sterbliche an uns. Natürlich stellt die Kirche die Verheißung der Auferweckung in die Mitte. Am Aschermittwoch wird den Gläubigen ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet und die Kirche hat lange Zeit und zum Teil heute noch die mahnenden Worte dazu gesprochen „Gedenke, dass du Staub bist und wieder zu Staub zurückkehrst!“ Viel treffender finde ich die Formel „Kehr um und glaub an das Evangelium!"

- Ein zweiter Grund mag darin liegen, dass man die Auferstehung der Toten ausschließlich am Ende der Zeit erwartet hat und dadurch das Grab quasi zum  Ort des Wartens auf die Auferweckung aus dem Tod, aus dem Grab am Ende der Zeit wurde. Ich bin zutiefst überzeugt, ohne jetzt die theologische Diskussion darüber zu führen, dass kein Verstorbener im Grab so lange warten muss. Zumal sich dann die Frage stellen würde, wer oder besser was denn da im Grab wartet. Gläubige Juden haben sich, was heute aus nahe liegenden Gründen ja fast nicht mehr möglich ist, gerne am Fuß des Ölbergs begraben lassen, damit sie dann bei der Auferweckung der Toten die ersten sind, weil sie den kürzesten Weg über das Kidrontal haben.

- Ein dritter Grund mag in der Vorstellung liegen, dass der Mensch ohne diesen Leib, der bestattet wird, gar nicht auferstehen könne und man daher an eine Wiedererweckung des bestatteten Leibes glaubt. Der Glaube an ein ewiges Leben setzt aber nicht die Revitalisierung des Körpers voraus, der inzwischen schon längst zu „Staub“ geworden ist“. Und die Feuerbestattung ist kein Hindernis für Auferstehung bzw. Auferweckung. Falsche Bilder, falsche Vorstellungen von Gott und dem Menschen sind da denen im Wege, die ein Verbrennen der sterblichen „Überreste" für ein Hindernis zur Auferweckung in ein ewiges Leben halten. In einer alten Kreuzwegandacht hieß es zur 14. Station, dieses Missverständnis von einer zwischenzeitlichen Leibesruhe verstärkend: „So wie Jesus ruht im Grabe, wird der Leib, den ich jetzt habe, ruhen und einst aufersteh‘n."

Diese traditionelle, aber auf einem Irrtum beruhende Inschrift „Hier ruht in Frieden“ könnte man ersetzen zum Beispiel durch „Hier ruht, was sterblich war an…“ oder hoffnungsvoller „Zu Gott heimgegangen“. Der Friedhof, das Grab ist nicht das Ende unseres irdischen Pilgerweges. Am Friedhof lassen wir zurück, was sterblich an uns war. Unser Weg aber führt über das Grab hinaus in die ewige Vollendung bei Gott. 

 

© Josef Gredler