Josef Gredler

Ich wünschte mir, über das Wasser zu gehen

 

Sie ist mir so lieb und unverzichtbar geworden jene Begebenheit im Evangelium, da Jesus in der Nacht auf dem See seinen Jüngern begegnet. Sie mühen sich bei Gegenwind, an das andere Ufer zu kommen, wie Jesus es ihnen aufgetragen hat. Aber ihr Boot wird vom Wind hin- und hergeworfen. Sie kommen nur schwer voran gegen den Wind und gegen die Wellen. Da kommt Jesus vom Berg zurück, in dessen Einsamkeit er sich zurückgezogen hat, um zu beten. Aber er bleibt am Ufer nicht stehen, wie man annehmen müsste, sondern geht ganz einfach weiter, über den See, über das Wasser, zu seinen Jüngern, als hätte er festen Boden unter den Füßen. Als die Jünger ihn über den See kommen sehen, erschrecken sie und fürchten sich und beginnen vor Angst zu schreien. Sie können das für sie Unmögliche nicht glauben und halten ihn für ein Gespenst. Da ruft er ihnen entgegen: „Habt Vertrauen! Ich bin es. Fürchtet euch nicht!“ Diese Stimme, die kennen sie ja. Es ist der Herr.

Wir finden dieses Ereignis im Evangelium nach Matthäus (Mt 14,22-33), Markus (Mk 46,45-52) und Johannes (Joh 6,16-21). Aber nur Matthäus berichtet auch diese Episode mit Petrus, die mich nicht mehr loslässt. Petrus scheint er erste zu sein, der Jesus an der Stimme erkennt. Und dann kann ihn nichts mehr im Boot zurückhalten. Er will, er muss zu Jesus. Aber da ist das tiefe Wasser zwischen Jesus und ihm. Und da wagt Petrus eine schier unglaubliche Bitte: „Wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme!“ Und Jesus sagt ganz einfach: „Komm!“ Und Petrus, voll Verlangen, Glauben und Vertrauen –  für ein paar Augenblicke zumindest – wagt diesen Weg über das Wasser, gegen jeden gesunden Menschenverstand. Und das Unmögliche wird ihm möglich, das Wasser trägt ihn, er kann tatsächlich über das Wasser gehen. Er kann es selber kaum glauben. Kann das wirklich sein? So spontan er das Boot verlassen hat, so plötzlich kommen ihm aber dann Zweifel. Und in diesen Augenblicken des Zweifels blickt er, seinen Blick von Jesus lassend, voll Angst auf das tiefe, unruhige Wasser unter ihm, in dem man ja eigentlich versinken müsste, statt darüber gehen zu können. Und diese Zweifel rufen die Gesetze der Schwerkraft wieder herbei und er beginnt zu sinken, wie von ihm befürchtet – zwischen dem Boot hinter ihm und Jesus vor ihm, in der Nacht, auf dem See, bei Wind und Wellen. Und in seiner Todesangst traut er  Jesus noch einmal das Unmögliche zu und schreit: „Herr, rette mich!“ Und Jesus streckt ihm seine Hand entgegen, fasst ihn und sagt: „Warum hast du gezweifelt, du Kleingläubiger?“

 Auch wenn ich den See Gennesaret kenne, mit dem Boot schon über diesen See gefahren bin und mir das alles gut bildhaft vorstellen kann, ist es doch unwahrscheinlich, dass auch mir solches widerfährt. Der See Gennesaret ist zu weit weg und auch auf dem mir nächstgelegenen See fahre ich nicht des Nachts mit einem Boot hinaus. Im Gegensatz zu einigen von seinen Jüngern bin ich kein Fischer, weder mit Netz noch mit Angelrute. Aber das mit dem Wasser, mit dem Gegenwind, mit den Wellen, der Nacht, der Angst unterzugehen das kenne ich. Das ereignet sich auch in meinem Leben, auch bei Tag, auch mit festem Boden unter den Füßen. Ohne mich auf eine billige Metaphorik einzulassen, aber „Gegenwind“ kenne ich wie viele andere auch, habe ihn gespürt und spüre ihn immer wieder. Ich weiß wie viele andere, wie das ist, wenn man sich anstrengt und müht und doch nicht so recht von der Stelle kommt. Ich weiß um die Dunkelheit der „Nacht“ und dass es auch mitten am Tag „Nacht“ werden kann. Ich weiß um das Gefühl, zu „versinken, unterzugehen“ und um die Angst, die einen dabei befällt. Ich weiß um all das wie viele andere auch. Und weil ich das weiß, ist mir diese Perikope, wie sie Matthäus berichtet,  so lieb und teuer und ich habe das Gefühl, sie irgendwie zu kennen. Sie ist mir nicht fremd, bis zu einem gewissen Punkt zumindest. Aber dieses alles übertreffende Vertrauen habe ich bisher noch nicht gewagt. Dass Jesus mich wie Petrus über alle Untiefen des Lebens mit diesem „Komm!“ zu sich ruft, ist immer wieder ein großer Wunsch. Es ist zwar nie das Wasser gewesen, aber auch in Sorgen, Nöten und Ängsten kann man versinken. Aber diese Bitte des Petrus gegen alle Vernunft ist mir noch nicht über die Lippen gekommen, obwohl sie immer wieder in mir brennt. So bleibe ich dann im „Boot“, in meiner Not sitzen. Aber Petrus steigt einfach aus, verlässt das Boot mitten im See und – kann über das Wasser gehen. Schon das Aussteigen, einfach so mitten im „See“, wird mir zur übergroßen Mut- oder Vertrauensprobe. Den sicheren Bootsrand loslassend darauf vertrauen, dass das „Wasser“ im Blick auf ihn zum tragenden Grund unter mir wird? Hat Jesus möglicherweise schon öfters mich über Abgründe und Tiefen zu sich gerufen und ich habe es nicht gewagt? Und wenn ich doch einmal begonnen habe, es zu wagen, haben mich Zweifel gehindert, es durchzustehen? Diese Begebenheit mit Jesus und Petrus nachts auf dem See, von der uns Matthäus berichtet,  lässt mich nicht los. Sie beschreibt einerseits mein Verlangen und fordert mich andererseits bis zum Letzten heraus. Sie überfordert mich. Werde ich es jemals wagen, das auf dem „See“ oder im Leben schwimmende „Boot“ zu verlassen, nur weil er gesagt hat „Komm!“? Bestehe ich jemals eine solche Glaubens- und Vertrauensprobe? Und wenn sich dann meine ganze Vernunft im drohenden Versinken zu bestätigen scheint, wage ich dann nochmals alles auf ihn zu setzen in der verzweifelten Bitte „Herr, rette mich!“? Glaube ich dann, wenn es so weit ist, dass ich seine ausgestreckte Hand spüre, die mich ergreift?

 

© Josef Gredler