Josef Gredler

Die meisten Aufregungen sind es nicht wert

 

Wenn man sich über etwas aufregt oder ärgert, gekränkt oder verletzt ist, dann drückt das wie eine Last auf das Gemüt und bringt einen mitunter ganz aus dem inneren Gleichgewicht. Die ganze Stimmungslage sinkt ins Minus. Der Gedanke an das, was diesen Ärger oder diese Kränkung ausgelöst hat, lässt einen nicht mehr los. Man möchte die Gedanken wegschieben, aber es geht nicht. Man wehrt sich dagegen, aber es hilft nicht. Ärger, Verletzung, Kränkung sind da, lassen sich nicht mehr vertreiben und beginnen ihre unheilvolle Wirkung. Inwendig ist der blaue Himmel durch dunkle Wolken verdeckt, die Sonne kommt nicht mehr durch. Mitunter kommt es zu einer richtigen Sonnenfinsternis. Es wird Nacht.

Ursache und Wirkung stehen bei einem solchen Ärger oft in einem ganz krassen Missverhältnis.  Lappalien bekommen eine Bedeutung, die sie überhaupt nicht verdienen, die in keiner Weise den wirklichen Umständen entspricht. Wenn man imstande wäre, den Grund der Aufregung objektiv zu bewerten, würde man selber merken, dass die meisten Aufregungen es gar nicht wert sind. Diese in Wirklichkeit unberechtigten, fast grundlosen Aufregungen entwickeln aber ihre zerstörerischen, zersetzenden Kräfte im Betroffenen selber und auch in seinen Beziehungen. Sie vergiften das Gemüt wie ein Infekt das Blut. In schwerwiegenderen Fällen  entfalten sie wie Krebsgeschwüre ihre zersetzende Wirkung und beginnen zu wuchern, in einem selbst und in den Beziehungen zu denen, über die man sich ärgert oder von denen man verletzt worden ist. Aber auch zu anderen, die mit dem ganzen Ärger, der ganzen Kränkung nichts zu tun haben, ist das Verhältnis gestört.

Was kann man dagegen tun? Was kann man tun, dass man diese Nichtigkeiten als solche erkennt und sich von ihnen nicht völlig aus der Balance bringen lässt? Natürlich kann im Leben Schwerwiegendes passieren, das in große Sorge, Not und Verzweiflung stürzen lässt. Ärger, Kränkung, Sorge und Verdruss können ihren berechtigten Grund haben. Wenn eine langjährige Beziehung zerbricht, wenn man von einem geliebten Menschen betrogen wird, wenn der Arzt eine schlimme Diagnose stellt, wenn der Arbeitsplatz verloren geht, wenn ein geliebter Mensch verstirbt, wenn jemand Opfer von Gewalt und Verbrechen, von Unfällen und Naturkatastrophen wird… Es kann einen hart treffen und man wird richtig aus der Bahn geworfen. Aber oft machen die Menschen das Leben sich und anderen unnötig schwer mit Nichtigkeiten. Kann man da etwas dagegen tun? Wenn ja, was?

Vielleicht kann man einmal innehalten, in sich gehen und ernsthaft überlegen, was im Leben wirklich wichtig ist, worauf es im Leben tatsächlich ankommt? Vielleicht kann man sich auch ernsthaft vergegenwärtigen, was alles wirklich Schwerwiegende passieren könnte, damit man die Nichtigkeit einer Nichtigkeit,  auch erkennt. Vielleicht braucht man Hilfe dazu, geistliche Hilfe, therapeutische Hilfe, freundschaftliche Hilfe, familiäre Hilfe. Wem es lange gut geht, der ist in Gefahr, das als selbstverständlich anzunehmen, weil er sich an diesen Zustand schon gewöhnt hat. Und dann beginnt man mangels wirklich gravierender Vorkommnisse, sich über Kleinigkeiten zu erregen. Man könnte sich bewusst, verstärkt und immer wieder in die große Frage stellen, was einem denn wirklich unverzichtbar wichtig ist. Auf dem Hintergrund dessen, was wirklich passieren könnte, werden die Konturen der großen Fragen des Lebens deutlicher. Es wäre eine heilsame Übung, einmal auf einem Blatt Papier zu schreiben, was wirklich wichtig in meinem Leben ist, worauf es im Leben wirklich ankommt. Diesen Zettel könnte man sogar bei sich tragen, immer wieder ergänzen, auch korrigieren und vor allem dann hervorholen, wenn einem das nächste Mal ein zweit-, dritt- oder viertrangiger Anlass zum großen Stolperstein für Ärger, Kränkung oder Sorge zu werden droht. Wer für Nebensächliches zu viel emotionale Energie verbraucht, dem fehlt sie für das Hauptsächliche.  

Es gibt leider nicht den Knopf, den man einfach drückt und dann fällt es einem wie Schuppen von Augen. Aber man kann die Augen, vor allem das innere Auge aufmachen und schauen, wo das Wichtige und Unverzichtbare ist. In der Unterscheidung von wirklich Wichtigem, weniger Wichtigem bis Nebensächlichem kann man sich üben. Je mehr man sich darin übt, desto klarer  und verlässlicher wird der Blick dafür. Dankbarkeit ist ein ganz heilsames Mittel gegen unnötiges sich Aufregen. Auch hier könnte eine Liste helfen, die man am Ende des Tages in Ruhe in Ruhe erstellt, indem man auf den Tag  zurückschaut und überlegt, wofür man heute dankbar sein sollte. Was ist heute gut gewesen, gut gegangen? Worüber bin ich froh? Wofür darf ich dankbar sein? Die Perspektive der Dankbarkeit schärft den Blick für das Wesentliche ungemein. Man übt sich im positiven Schauen, Denken, wenn man den Fokus bewusst auf das Gute und Schöne lenkt, das man heute erlebt hat. Man ist vielleicht selber erstaunt, wie lang diese Liste wird, was da alles geschehen und nicht geschehen ist, an das man eigentlich gar nicht gedacht, aber das man ganz selbstverständlich hingenommen hat. Wenn man sich dann erstmals selber wundert, dass man sich über dies und jenes in große Aufregung versetzt hat, dann ist man schon auf einem guten Weg der Besserung. Dankbare Menschen denken positiver, spüren mehr Lebensfreude, sind gelassener. Die Gelassenheit ist genau das Gegenteil davon, dass man sich zu schnell und ohne ausreichenden Grund über das oder den aufregt oder kränkt.

 Es wäre aber ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, die Lösung dieses Problems sei bloß eine Frage des richtigen Gewusst Wie bzw. der eigenen Tüchtigkeit, Klugheit und Anstrengung. Letztlich kann sich niemand selber aus dem Sumpf ziehen. Münchhausen mag solches von sich behauptet haben. Aber er war eben ein Lügenbaron. So etwas wäre schon rein physikalisch gar nicht möglich. Man braucht irgendwo einen Halt, einen Fixpunkt, wo man „den Hebel“ ansetzen kann, um Kräfte wirken zu lassen. Wenn man sich irgendwo festhalten, festmachen kann, dann kann man dagegenhalten und jemanden oder sich selber aus der Patsche ziehen.

Diese hier dargestellte Not vieler Menschen und ihre mögliche Heilung haben letztlich eine zutiefst spirituelle Dimension. Sie verweisen den Menschen über sich hinaus an den, der einmal gesagt hat: Kommet alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich will euch Ruhe verschaffen (Mt. 11,28). Die großen und kleinen Nöte des Lebens müssen eben nicht kraft eigener Anstrengung und Tüchtigkeit bewältigt werden. Das wäre letztlich eine ganz gottlose Sicht der Dinge. Große Mystiker haben immer schon gewusst, dass sie sich ganz von Gott gehalten wissen dürfen und auch Jesus verweist in den Evangelien auf sich, auf den Vater und den Geist. Jeder, der an ihn glaubt und sich an ihn wendet, darf sich in seiner Zusage wissen, alle Not des Lebens vor ihn bringen zu dürfen. Damit wird Gott nicht zur billigen und bequemen Problemablage. Aber man muss dieses Leben nicht allein meistern. Die Evangelien sind voll von dieser Verheißung, die keine billige Vertröstung, sondern ernster gemeint ist, als Menschen sie nehmen können. Der 1. Petrusbrief meint ganz im Ernst: Werft all eure Sorgen auf ihn… (Petr. 5,7). Aber das sind nicht billige oder bequeme Zusagen, sondern eine Einladung, sich ganz auf Jesus, auf Gott einzulassen, sich ganz in ihm fest zu machen, immer mehr von ihm zu leben versuchen. Wer nur etwas von ihm haben will, aber nicht ihn selber, der hat diese Zusagen und den, der sie gegeben hat, missverstanden. In diesem Bewusstsein, Glauben und Vertrauen lösen sich auch jene Lappalien auf, über die man sich unnötig aufregt. Gott wird zum richtigen Standpunkt für den richtigen Blickwinkel. Wer zuviel von diesen Aufregungen belastet wird, die es nicht wert sind, ist möglicherweise zu weit von Gott weggerückt. Zu weit von ihm weg stimmen die Blickwinkel nicht mehr. Aber ganz bei ihm stimmt die Perspektive und man kann die Dinge in ihrer richtigen Dimension wahrnehmen.

Bei all diesen Bemühungen wider unnötige Aufregungen ist zu bedenken, dass ihrer bloß gelegentlichen Anwendung die Nachhaltigkeit fehlt. Diese Übungen sollten zum täglichen Ritual werden und man sollte im Tagesablauf eine gute und bestimmte Zeit reservieren. Schon am Morgen auf einem Blatt Papier sammeln und festhalten, was einem wirklich unverzichtbar wichtig ist im Leben und wofür man dankbar ist. Sich das bloß zu denken und merken zu wollen, ist zu wenig für jemand, der auch aus Fleisch und Blut besteht. Man muss auch den ganzen Menschen, Leib und Seele sozusagen, in diese Übung einbeziehen: den Verstand, der sich zu erinnern versucht, das „Herz“, das fühlt, die Hand, die schreibt, die Augen, die das Geschriebene lesen, das innere Auge, das sich das Geschriebene bildhaft vorzustellen versucht, vielleicht auch die Stimme, die das Geschriebene laut ausspricht. Wenn diese Übung täglich eine verlässliche Zeit, vielleicht sogar einen bestimmten Ort, einen festgelegten Ablauf, ein sichtbares Zeichen wie eine brennende Kerze der Erinnerung und des Dankes… bekommt, kann sie besser, tiefer und nachhaltiger wirksam werden. Auch Spontanes darin Platz haben. Ein Ritual hat einen verlässlichen Ablauf, aber es muss gleichzeitig auch offen sein für Spontanes, um nicht zu erstarren. Verlässlicher Ablauf bedeutet nicht unveränderlich. Nach diesem Ritual geht man dann in den Tag des Schaffens oder in die Ruhe der Nacht. Hilfreich ist es auch, im Tagesablauf immer wieder zu diesem Ritual quasi zurückzukehren, sich an das Blatt Papier zu erinnern und das, was darauf steht, ein dankendes oder bittendes Stoßgebet im Herzen und auf den Lippen zu haben… damit unnötige Aufregungen nicht weiterhin dem Betroffenen und denen, die ihm verbunden sind, das Leben schwer machen.

 

© Josef Gredler