Josef Gredler

Können wir noch Weihnachten feiern, wenn...?

 

Können wir noch Weihnachten feiern, wenn gleichzeitig Menschen durch Dschihadisten auf grausamste, die Vorstellungskraft übersteigende Weise ums Leben kommen, wenn die Taliban über eine Schule herfallen und 148 Menschen töten, großteils Kinder, wenn Hunderttausende auf der Flucht sind, um ihr Leben zu retten? Dürfen wir dann, weil wir (noch) mehrere tausend Kilometer von diesen Gräueltaten entfernt sind, Weihnachten feiern wie bisher? Diese Frage führt uns zur ganz grundsätzlichen Frage: Worum geht es denn an Weihnachten? Was feiern wir denn da überhaupt und wie feiern wir das? Offenbar wird ein Unbehagen in manchen wach, ob man angesichts solcher Ereignisse noch in gewohnter Weise feiern darf. Es scheint das eine grundsätzliche Anfrage zu sein an die Art und Weise, wie wir Weihnachten feiern. Manche glauben zu spüren, da passt etwas nicht mehr ganz zusammen. Wenn ein Weihnachts- oder Christkindlmarkt nicht mehr ist als eine ausgelassene glühweintrunkene Fanmeile, wenn Weihnachten nur darin besteht, in eine rührselige Zuckergussidylle einzutauchen, sich mit billigen, kommerzialisierten Weihnachtsliedern in Stimmung zu bringen, ein bisschen Weihrauch einatmend vor einem mit Kerzen, Lametta, glitzernden Kugeln und anderem Schmuck üppig beladenen Christbaum zu stehen, dabei Geschenke auszutauschen und einander umarmend frohe Weihnachten zu wünschen, weihnachtliche Stimmung quasi synthetisch herzustellen…, dann muss man die eingangs gestellte Frage klar verneinen.

Nein, wir dürfen nicht so tun, als sei nichts geschehen. Wir dürfen vor dem Christbaum nicht einfach vergessen und ausblenden, was da, wenn auch tausende Kilometer von uns entfernt, mit Menschen passiert. Aber Weihnachten heißt ja nicht ausblenden, vergessen,  die Stimmung hochschaukeln. Wenn da im Fernsehen schon in den ersten Dezembertagen an einem Samstagabend ein „Fest der hunderttausend Lichter“ über den Bildschirm flimmert, in der ein Publikum – tausendfach im Saal und millionenfach vor den Bildschirmen – zwei Stunden lang in pseudoweihnachtliche Trance versetzt und über zwei Stunden lang emotional hochgefahren wird, bar jedes weihnachtlich substantiellen Gedankens, dann ist das die Inszenierung einer sentimentalen Kuschelweihnacht, die angesichts der Realität in Syrien, im Irak, im Mittelmeer, in Nigeria und, und, und… schlichtweg pietätlos ist. Wenn in der Welt diese großen Tragödien nicht wären, dann wäre so etwas bloß geschmackslos. Weil aber an vielen Orten so große menschliche Tragödien Wirklichkeit sind, Menschen schlimmste Gewalt angetan wird, Menschen grausamst hingemetzelt werden, ist solche billige pseudoweihnachtliche Stimmungsmache unmoralisch.

 Um nochmals die eingangs gestellte Frage aufzugreifen. Die Frage ist nicht, ob wir trotzdem Weihnachten feiern dürfen. Aber wenn sie gestellt wird, kann die Antwort nur die sein, dass wir gerade deshalb umso mehr Weihnachten feiern müssen. Wir dürfen in dieser oft unmenschlichen Welt die Menschwerdung, die „Menschlichkeit“ Jesu nicht verschweigen. Wir müssen sie umso inniger, lebendiger, glaubender verkünden und feiern. Wir müssen der Unmenschlichkeit in dieser Welt Gottes Menschwerdung, Gottes „Menschlichkeit“ entgegenhalten. Gott ist Mensch geworden um das Heil der Menschen willen, jedes einzelnen willen, auch deretwillen, die da als Flüchtlinge im Mittelmeer ihr Grab finden, auch deretwillen, die von Dschihadisten enthauptet, von den Taliban erschossen, von mörderischen Banden in Nigeria entführt werden. Weihnachten ist die große Zeitenwende. Alles, was geschieht, nimmt darauf Bezug, indem die Geschichtsbücher die Zeit in „vor Christus“ und „nach Christus“ einteilen, man könnte auch sagen in „vor Weihnachten“ und „nach Weihnachten“. Mit der Menschwerdung dieses Kindes hat ein neues Zeitalter begonnen.

 Dieses Kind, das von seinen Eltern nach Lukas in einem Viehunterstand in eine Futterkrippe gelegt werden musste, weil bei den Menschen „kein Platz für sie war“, ist nicht „mit leeren Händen“ in die Welt gekommen, so arm und erbarmungswürdig seine Ankunft auch war. Hier trügt der Schein unserer Weihnachtskrippe, weil sie das, was dieses Kind mitgebracht hat in diese Welt, nicht darzustellen vermag: Was immer auch Menschen einander antun, jeder einzelne steht ganz in der Liebe Gottes. Das Kind, in dem Gott selber zu uns gekommen, Mensch geworden ist, will das Heil eines jeden Menschen, wir alle sind zum Heil berufen, letztlich zu einem ewigen und unvergänglichen Heil, das über den Horizont dieser Welt hinausreicht. Jeder Mensch ist beauftragt zur Liebe. Dieses Kind wird später die Liebe zum Maß „aller Dinge“, zum Maß Gottes machen. Zu Weihnachten schenkt uns dieses Kind die Zusage, ganz in der Liebe Gottes zu stehen. Und diese Liebe wird von diesem Kind einmal über alle irdische Begrenzung überhöht werden. Schon im Stall von Betlehem lässt dieses Kind, das seine Eltern dann Jesus nennen, anfanghaft erahnen, wie weit seine Liebe in die menschliche Not, Erbärmlichkeit und Hilflosigkeit hineingeht. Und sie geht noch weiter, sie geht bis zur Hingabe seines Lebens am Kreuz von Golgotha. Und auch das Grab kann diese Liebe nicht festhalten. Mit Jesus ist die Liebe auferstanden und zum Ziel der ganzen Schöpfung geworden. Auf dieses Ziel sollen wir uns liebend hinbewegen. Weihnachten ist kein billiger Trost für das unvorstellbare Leid, das es gibt. Weihnachten ist die Verheißung, dass dieses Leid vorläufig ist, und von diesem Kind einmal „overrult“ wird für alle Zeit und Ewigkeit.

 Deshalb dürfen, ja müssen wir Weihnachten feiern. Und wir sollen es in der großen, diesem Fest innewohnenden Freude tun. Die Kerzen am Christbaum brennen zu Recht. Unsere solidarische Verbundenheit mit denen, die in Not, der Gewalt und der Finsternis ausgesetzt sind, soll in unseren weihnachtlichen Herzen brennen. Die berührenden Weisen der Weihnacht stimmen wir zu Recht an. Die darin ausgedrückte Sehnsucht wird sich an der Schnittstelle zwischen Zeit und Ewigkeit erfüllen. Die Geschenke gehören zum Fest, sie sind ein Zeichen des ganz großen Geschenkes, das einmal all denen zuteil wird, die in den Kanon der Liebe Gottes mit den Menschen einstimmen.

 

© Josef Gredler