Josef Gredler

Seid wachsam!

 

Auf der Suche nach einem Impuls bzw. Leitgedanken für die Adventzeit habe ich diesmal dem Evangelisten Markus mein Gehör geschenkt, in dessen Evangelium zum 1. Adventsonntag uns Jesus dreimal auffordert, wachsam zu sein. Seid wachsam! So heißt es darin wörtlich. Wir kennen dieses Wort „wachsam“ fast nicht mehr, wir verstehen es zwar noch, aber es kommt in unserem Sprachgebrauch eigentlich nicht mehr vor. Wir sagen heute auch nicht mehr: Sei wachsam! Wir drücken das anders aus: Sei vorsichtig! Pass auf! Sei auf der Hut! Halte die Augen offen und die Ohren steif! Lass dich nicht täuschen! Lass dich nicht über den Tisch ziehen! Aber aus keiner dieser „Übersetzungen“ kann ich einen Adventvorsatz“ ableiten, der mir heuer zum Grundakkord dieser vorweihnachtlichen Wochen werden könnte.

Schon als Kind wurden wir angehalten, uns einen „Adventvorsatz“ zu überlegen. So weit ich mich erinnern kann, sind dabei meistens nur so moralinhältige Vorsätze herausgekommen wie: nicht so viel Süßigkeiten, weniger fernsehen, mehr folgen, brav sein, der Mama beim Aufräumen helfen… Nun sind das alles lobenswerte Vorhaben, aber sie verstellen in ihrem moralisierenden Begehren den Blick auf das Eigentliche dieser Tage und Wochen am Beginn des neuen Kirchenjahres. „Tauet Himmel den Gerechten, Wolken regnet ihn herab!“ Das war mein Lieblingslied, das immer am Vorabend zum 1. Adventsonntag zur Segnung der Adventkränze gesungen wurde. Ich habe den Text zwar nicht wirklich verstanden, aber seine vertraute Melodie und die Stimmung in der verdunkelten Kirche haben sich inwendig tief eingeprägt. Und irgendwie habe ich geahnt: Da muss es doch um mehr gehen, als nur darum, brav oder wenigstens braver als bisher zu sein.

Unsere Wachsamkeit – wir meinen eigentlich Aufmerksamkeit – richtet sich meist auf bestimmte Situationen, zum Beispiel auf den Straßenverkehr. Jeder weiß, dass fehlende Aufmerksamkeit dort leicht zu Unfällen führt. Wer während der Fahrt zuviel Aufmerksamkeit für die verschiedenen Knöpfe im Auto verwendet, dem fehlt diese für den Verkehr auf der Straße und die möglichen Folgen kennen wir ja. Wer grob fahrlässig sogar noch mit seinem Handy telefoniert, gefährdet sich und andere.  Aber die Wachsamkeit, zu der Jesus im Evangelium des Markus auffordert, kommt im Gegensatz zu dieser Aufmerksamkeit  aus der Tiefe der Person und meint ein Wachsein der Antennen der Seele. Sie hat ihren Fokus nicht so sehr auf bestimmte äußere Umstände gerichtet, sondern mehr auf das innere Heil- oder Unheilsein der Person. Diese Wachsamkeit soll uns Begegnung mit Gott ermöglichen. In dieser Wachsamkeit werden wir für Gott erreichbar, sodass er mit uns sein.

 So versuche ich, dieses „Seid wachsam“ von seiner sprachlichen Kruste zu befreien und für mich zu entfalten, damit es mir eine wirklich adventliche Wegweisung werde und in die Begegnung mit diesem Jesus von Nazaret führt, der mich für das Reich Gottes gewinnen will. Dieses „Seid wachsam“ ist im Evangelium des Markus ohne Zweifel auch eine ernste Mahnung, es steht ganz einfach zu viel auf dem Spiel. Aber man hätte Jesus völlig missverstanden, wenn man es für eine Moralinjektion halten würde. Dieses Wort steht bei Markus zwar klar in einem apokalyptischen Kontext, aber es ist vor allem eine Verheißung. Es „lohnt“ sich, wachsam zu sein. Wachsam sein, um die vielen Irrlichter nicht mit dem Licht zu verwechseln, das Jesus meint, wenn er im Evangelium des Johannes von sich sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wachsam sein, um sich von den billigen, trügerischen und verführerischen Scheinwerfern des Lebens, mögen sie noch so grell und aufdringlich leuchten, nicht blenden zu lassen. Wachsam sein, um von den hypnotisierenden Zauberformeln des Konsums nicht vereinnahmt zu werden. Wie leicht erliegt man doch dem Zwang, das und jenes unbedingt noch haben zu müssen. Wachsam sein, dass uns dieses Habenwollen nicht zur Fessel wird. Die Freiheit entdecken im Weniger-haben-müssen. Wachsam sein und nicht nur das lesen, was in großen, dicken Schlagzeilen im „Buch der Welt“ geschrieben steht. Auch dem „Kleingedruckten“, das man so leicht übersieht, meine Aufmerksamkeit schenken. Auch zwischen den Zeilen lesen, im Gesicht eines Menschen, in einer Geste oder in hilflosen Worten. Wachsam sein und nicht nur das hören, was sich lautstark und aufdringlich Gehör verschafft. Auch das Leise hören, die Stille entdecken und dazu selber still werden. Wachsam sein vor zu viel Eile und Hast, in der man Vieles gar nicht mehr sieht. Anhalten, innehalten, die Ruhe zulassen und dabei selber ruhig werden. Wachsam sein, um die Wahrheit zu hören, die sich nicht immer unserem Ohr aufdrängt. Manchmal muss man sie aufspüren. Elias hätte Gott viel eher im Sturm, im Erdbeben, im Feuer erwartet, aber er war im sanften, leisen Säuseln des Windes. Wenn wir nicht wachsam sind, überhören wir Gott, wenn er so leise auch an uns vorüberzieht. Wir verriegeln den Ort, wo er uns begegnen könnte. Wir sperren ihn aus. Wachsam sein heißt: mit offenen Augen, mit offenen Ohren, mit offenem Herzen, mit offenen Händen, mit offenen Armen… In dieser Wachsamkeit will ich mich einüben in diesen Tagend des Advents.

 

© Josef Gredler