Josef Gredler

Blind oder sehen wie Bartimäus

 

Wir glauben, die Heilungsgeschichte vom „blinden Bartimäus“ schon so zur Genüge zu kennen, dass wir gar nicht mehr richtig hinhören, wenn sie als Evangelium, als gute Nachricht oder frohe Botschaft, beim Gottesdienst oder einer anderen Gelegenheit vorgelesen wird. Wir haben den Ablauf dieser Perikope schon so im Ohr, dass ihre Worte uns nicht mehr erreichen. Unser Inneres verschließt die Zugänge und Öffnungen, sodass die Botschaft des vermeintlich Vertrauten uns nicht mehr berührt. Wir machen die Schublade zu – das kennen wir schon. Und in dieser Schublade des vermeintlich Bekannten befinden sich noch andere Begebenheiten aus den Evangelien, wir kennen sie fast auswendig.  Deshalb können sie inwendig nichts mehr bewirken. Versuchen wir trotzdem, diese Geschichte doch noch einmal aus der Schublade hervorzuholen und sie so zu lesen, als hörten wir sie zum ersten Mal. Vielleicht kann sie dann auch in uns heilend wirken. 

Alle drei synoptischen Evangelisten, Matthäus, Markus und Lukas, berichten von dieser Heilung. Alle drei nennen Jericho als Ort des Geschehens, aber nur Markus gibt dem Blinden einen Namen, Bartimäus, und als Sohn des Timäus eine Identität. Lukas schreibt lediglich von „einem Blinden“ und bei Matthäus sind es zwei, die namenlos diese Not teilen.  Weil wir diese Erzählung vom „blinden Bartimäus“ fast auswendig kennen, sind wir selber daran fast erblindet.  Versuchen wir dennoch oder gerade deshalb, uns in die Situation dieses Bartimäus wirklich hineinzudenken. Spielen wir das Szenario einmal realistisch durch. Bartimäus ist blind. Und seine Blindheit ist nicht nur eine große Hypothek, sie ist eine öffentliche Strafe für seine eigenen Sünden oder die seiner Eltern, so die damalige Ansicht. Deshalb wird ihm auch kein Erbarmen zuteil, er braucht einem ja nicht leidzutun, er büßt doch nur eine gerechte Strafe ab. Er ist als Blinder gleichzeitig ein öffentlicher Sünder und vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. So ist er blind zwangläufig auch zum Bettler geworden, dessen Not nur noch ein paar Almosen ein wenig lindern können. Sein Platz ist der Straßenrand. Dort sitzt er hilflos und hofft, dass er trotz seiner Brandmarkung beim einen oder anderen Erbarmen findet. Heute hätte Bartimäus natürlich ganz andere Möglichkeiten. Er wäre gesellschaftlich nicht ausgeschlossen, sondern integriert, dürfte mit sozialer Förderung und finanzieller Unterstützung rechnen, hätte Zugang zur Bildung, könnte in die Schule gehen, einen Beruf erlernen und mit seinem weißen Blindenstock recht gut vorankommen. Aber die Geschichte spielt eben nicht heute, sondern vor zweitausend Jahren in Jericho. Wie oft hat er sich gewünscht, wieder sehen zu können! Wie oft hat er sein Schicksal verflucht! Er hat sogar von diesem Jesus von Nazaret gehört, der Blinde geheilt haben soll, sodass sie wieder sehen konnten. Da dringt Menschenlärm vom Ortsausgang her. Eine größere Ansammlung von Menschen muss das sein und da hören seine sensiblen Ohren, dass dieser Jesus unter ihnen ist. Er traut seinen Ohren nicht, aber das ist die Stunde, die Chance seines Lebens, die einzige und wohl auch letzte, die muss er nützen. So schreit er aus Leibeskräften „Jesus, hab Erbarmen mit mir!“ Die Welt hat keines mit ihm, aber dieser Jesus, den sie auch Sohn Davids nennen, das ist kein gewöhnlicher Mensch. Er hat auch von den wundersamen Taten gehört, die er vollbringt. Und er schreit noch einmal, noch ein paar Mal. Er lässt sich nicht beruhigen. Jetzt oder nie! Seine Blindheit, sein Bettlerdasein, sein Elend sollen ein Ende haben. „Jesus, hab Erbarmen mit mir!" Die Leute fahren ihn an, er solle still sein und Ruhe geben, aber er schreit noch lauter, er schreit seine ganze Not hinaus. Da tut Jesus etwas, was für alle ganz ungewöhnlich ist. Er bleibt wegen des lauten Schreiens eines Blinden stehen. Es ist, als ob die Zeit stehen bliebe. Jesus lässt den blinden Bettler herholen, zu ihm. Der wirft seinen hinderlichen Mantel weg und läuft blindlings auf Jesus zu, das Herz klopft nicht, es rast. Es ist ganz still geworden auf der Straße. Und Jesus fragt ihn: „Was soll ich dir tun?" Was für eine Frage! Die brennende Sehnsucht so vieler Jahre blinder Not verwandelt sich in ein paar Worte: "Ich möchte wieder sehen können." Alle warten gespannt, was Jesus tut. Die Augenblicke des Wartens werden dem Bettler zur Ewigkeit, dann –  er traut seinen Ohren nicht: „Dein Glaube hat dir geholfen." Und im selben Augenblick kann er – sehen! Er kann es nicht fassen, wagt es nicht, die Augen zu schließen, sie könnten wieder für immer dunkel bleiben. Nein, er hat das nicht geträumt, er sieht, er sieht tatsächlich. Sein Blick ist auf Jesus gerichtet, dieses Gesicht wird er nie vergessen. Und Markus schreibt ganz schlicht: …und er folgte Jesus auf seinem Weg. Bei Lukas heißt es noch kürzer: …und er folgte Jesus. 

Ich bin zwar nicht an den Augen meines Körpers erblindet, aber mein inneres Auge ist oft sehschwach oder manchmal wirklich blind. Wie viel innere Blindheit verdunkelt immer wieder mein Leben, Blindheit gegenüber mir selber, gegenüber den Menschen, mit denen ich lebe, oder Menschen, die weit weg sind, blind gegenüber dem, was war, was da ist und was kommt, blind gegenüber dem, worauf es wirklich ankommt und dem, was es eigentlich nicht wert ist, meine Hoffnung zu schmälern, meine Freude zu trüben? Diese Not der Verdunkelung drängt mich immer wieder an den Rand meines Lebensweges. Dort sitze ich dann hilflos wie Bartimäus. Kommt Jesus da vorbei, sodass er meinen Ruf um sein Erbarmen hört? Bleibt er stehen, weil er mein Rufen hört? Kann dieser Jesus aus Nazaret, an den ich mit vielen Christen als den auferstandenen Retter und Erlöser glaube, mich herausführen aus aller Dunkelheit meines Lebens in sein Licht? Kann Jesus auch mir die Augen, meine inneren Augen öffnen, dass ich sehend werde?

Geistliche Übung: Wenn wir diese Heilungsgeschichte lesen, uns von ihr berühren lassen, so wird sie diese berührende Kraft doch schnell oder allmählich wieder verlieren, weil sie morgen oder übermorgen schon wieder verdrängt, zugedeckt wird vom alltäglichen Lauf der Dinge. Wenn uns eine Perikope aus dem Evangelium inwendig trifft, dann könnten wir daraus im Sinne einer Nachhaltigkeit, so würde man das heute nennen, eine einfache tägliche geistliche Übung ableiten: Wir setzen uns dazu innerlich bildhaft eine Woche lang jeden Tag an den Straßenrand, blind wie Bartimäus. Wir spüren die Not unseres Blindseins in all seinen Facetten. Wir suchen unsere blinden Flecken, es sind mehr, als wir geglaubt haben. Wir hören den Lärm der Menge und bekommen mit, dass Jesus unter ihnen ist. Er ist der Auslöser dieses Lärms. Da ergreife auch ich meine Chance und beginne laut zu rufen: Jesus von Nazaret, erbarme dich meiner! Ich wiederhole diesen Ruf, inwendig immer lauter werdend, bis er all meine Not in sich aufgenommen hat und hinausschreit. Da, Jesus lässt mich holen. Ich soll zu ihm kommen wie Bartimäus. Und da höre auch ich seine Frage an mach: Was willst du, dass ich dir tue? Ich möchte wieder sehend werden wie Bartimäus, möchte diese Blindheit ablegen, er soll mir die Augen öffnen. Und tatsächlich öffnen sich meine Augen und ich sehe – ihn.  Ich bin ganz außer mir, im wahrsten Sinn des Wortes. Und mit den Augen, die er mir geöffnet hat, sehe ich mein Leben, die Menschen darin, alle Verantwortung, Last und Not in einem neuen Licht. Wird aus diesem Sehendwerden auch ein „und er folgt ihm“?

 

© Josef Gredler