Josef Gredler

Jesus ist der Weg und die Wahrheit und das Leben

 

Der Weg ist ein uraltes Bild für das Leben, archetypisch hat es sich tief in der menschlichen Seele festgemacht. Ein Weg hat Anfang und Ziel – wie unser Leben. Er kann breit oder schmal, flach oder steil, gerade oder kurvenreich, bequem oder mühsam, gefährlich oder gesichert, hart wie Asphalt und Stein oder angenehm wie Waldboden sein – wie das Leben. Er kann über Brücken Abgründe überwinden oder hinunterführen in tiefe Schluchten und dann wieder nach oben – wie das Leben. Er kann lang und ausgedehnt oder nur von kurzer Dauer sein – wie das Leben. Er kann der Hitze der Sonne ausgesetzt sein oder im kühlenden Schatten verlaufen – wie das Leben. Er führt an Bächen und Flüssen entlang oder durchquert Steppen und Wüsten. Je nach Beschaffenheit nennen wir ihn Straße, Gasse, Pfad oder Steig. Im Bild des Weges lässt sich der Verlauf des Lebens treffend veranschaulichen. So ist der Weg Motiv für unzählige Bilder geworden und bei vielen spürt man, dass damit das Leben gemeint ist. In zahllosen Liedern wird der Weg besungen, mit seinen Höhen und Tiefen als Sinnbild des Lebens. In vielen Gedichten wird der Weg voll Poesie in Worte gefasst, die dem Leben selber gelten. Unser Leben ist wie ein Weg. Unser Leben ist ein Weg. Wir müssen oder wir dürfen, wollen ihn gehen. Wir kennen seinen Anfang, seinen bisherigen Verlauf, aber noch nicht sein Ende. Weil wir ein Ziel haben, das wir erreichen wollen, gehen wir nicht blindlings darauf los. Wir bleiben immer wieder stehen, halten Ausschau. Wegweiser sagen uns, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind, der zum Ziel führt. So sind wir Wanderer zeit unseres Lebens, wir sind unterwegs. Woher und wohin? Wie? Allein oder mit wem? Das sind die großen Fragen unseres Lebens, unseres Weges.

Der  Verfasser des Johannesevangeliums lässt Jesus im vierzehnten Kapitel sagen:  Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6). Jesus selbst greift dieses Bild vom Weg auf, das damals schon den Menschen tief inwendig gewesen sein muss, weil sie sich immer wieder als den Weg des Lebens Suchende erfahren haben. Und er sagt den von ihm erwählten Zwölf und damit auch uns, dass er selber der Weg ist.  Er ist nicht nur der Weg, er ist das Leben. Er erklärt den Weg zum Leben oder das Leben zum Weg. Und er ist dieser Weg, er ist dieses Leben. Da ist den Jüngern wohl vor Staunen, Verwunderung und Unverständnis der Mund offen geblieben. Sie können dieses Wort in seiner geheimnisvollen Dimension nicht verstehen. Und Jesus ist nicht irgendein beliebiger Weg von vielen, er ist nicht irgendeine Option des Lebens unter vielen anderen. Er ist der wahre Weg, das wahre Leben, er ist die Wahrheit. Sie müssen wiederholt nachfragen und werden es wohl erst nach Ostern verstanden haben. Aber auch wir, die wir  mit dem nachösterlichen Blickwinkel „hinschauen", haben Mühe, die Tiefe dieser Zusage auszuloten. Sie übersteigt menschliches Begreifen, ist nur dem glaubenden Vertrauen zugänglich. Jesus definiert sich nicht bloß als Weg, Wahrheit und Leben. Er richtet dieses Wort als verheißungsvolle Einladung an alle, dass sie diesen Weg gehen, sich dieser Wahrheit öffnen, dieses Leben wagen sollen, das er selber ist. Und er lässt alle, die sich darauf einlassen, nicht im Unklaren, wohin dieser Weg führt: zum Vater, zum lebendigen Gott. In diesem Wort verdichtet sich die ganze  Verheißung Jesu, das ganze Evangelium.

Wir hoffen, auf unserem Weg gut voranzukommen. Wir möchten unser Ziel erreichen. Aber ein ungehindertes, störungsfreies Vorankommen ist dem Menschen nicht beschieden. Da liegen immer wieder Steine im Weg, die uns den Weg erschweren. Mitunter sind sie so groß, dass sie uns den Weg versperren. Diese Steine im Weg, wir wissen es ja aus eigener Erfahrung, gehören zum Leben dazu. Sie sind uns Hindernis, können aber auch zur Herausforderung werden. Kleine Steine können wir selber aus dem Weg räumen, indem wir uns bücken und sie auf die Seite schaffen oder darüber hinwegsteigen. Größere Steine machen uns schon mehr zu schaffen. Wir können sie nicht mehr aufheben, sondern nur noch mühevoll auf die Seite wälzen. Aber dann ist uns auf einmal ein so großer Stein im Weg, bei dem wir allein nichts mehr ausrichten. Vielleicht können wir ihn umgehen, kommen wir irgendwie an ihm vorbei. Manche steinige Hindernisse sind aber so groß, dass ein Weiterkommen nicht mehr möglich scheint. Wir sind entmutigt und glauben uns am Ende. Links und rechts kommen wir nicht daran vorbei, zum darüber Steigen ist er zu groß. Er verstellt uns sogar den Blick, wie es weitergeht. Wir schaffen das nicht mehr, zumindest nicht allein. Wir brauchen Hilfe. Aber woher soll diese kommen? Wenn wir als Einzelgänger unterwegs sind, dann wird es oft schwer, manchmal zu schwer. Aber wenn wir Jesus richtig  verstehen, dann sollen wir ja gar nicht als Einzelgänger unterwegs sein. Wir sollen diesen Weg gemeinsam, als Familie, als kirchliche Gemeinde, als weltumspannendes wanderndes Volk Gottes gehen. Und wir sollen diesen Weg solidarisch gehen, solidarisch vor allem mit den Armen und Schwachen, die wir nicht zurücklassen dürfen, weil sie nicht imstande sind, die Steine auf ihrem Weg beiseite zu schaffen. Und wenn wir selber mit unseren Kräften am Ende und zu schwach sind, den Weg fortzusetzen, dann dürfen wir, selber arm und schwach geworden, Jesus zu Hilfe rufen. Denn er ist auch das  Brot des Lebens (Joh 6,35) und wird uns wieder aufrichten. Er ist wie lebendiges Wasser und wird unseren Durst stillen (Joh 4,14). Er ist das Licht der Welt (Joh 8,12) und wird unsere Dunkelheit erhellen. Er möchte bei uns sein auf diesem Weg alle Tage (Mt 28,20).

Sich ganz auf dieses verheißungsvolle Wort Jesu einlassen, ist nur möglich, wenn man diesem Wort so vertraut, dass man sich ihm ganz überlassen kann. Wir gehen dann nicht mehr den Weg, den wir uns selbst jeden Tag in unserer menschlichen Unzulänglichkeit, Kurzsichtigkeit und Schwachheit festlegen. Wir begeben uns auf den Weg, auf den er uns schickt, auch wenn wir seinen Verlauf noch nicht kennen. Und wir wagen diesen Weg im Vertrauen, dass es der gute, der richtige, der wahre Weg für uns ist. Dieser Weg führt uns nicht in die Irre, nicht in den Abgrund. Wir können nicht das Ziel festlegen und dann soll uns Jesus den Weg dorthin bahnen. Wir können Jesus nicht instrumentalisieren, indem wir etwas von ihm wollen, aber nicht ihn selbst. Nur wenn wir nicht bloß etwas von ihm, sondern ihn selbst ganz wollen, kann sich diese Verheißung in unserem Leben erfüllen. Wir erfinden nicht mehr täglich unsere kleinlichen, trügerischen „Wahrheiten", sondern finden in ihm die ganze Wahrheit. Wir entwerfen oder erfinden nicht unser Leben, sondern er ist das Leben. Wenn wir ganz loslassen, dann ist dieser Jesus von Nazaret uns Weg, Wahrheit und Leben.

 

© Josef Gredler