Josef Gredler

Fasten - weglassen können

 

Es war Fastenzeit. Die Wochen des Faschings waren vorbei und der Aschermittwoch sollte aufmerksam machen, dass jetzt die Fastenzeit, die Wochen der Vorbereitung auf das größte Fest der Christen begonnen haben. Dazu hatte die Religionslehrerin leere Zettel an die Schüler/innen verteilt, auf die sie alles schreiben sollten, was ihnen zum Wort „fasten“, das die Lehrerin inzwischen mit großen Buchstaben an die Tafel geschrieben hatte, einfällt. Die kleinen leeren Zettel begannen, sich alsbald mit Vorschlägen der Kinder zu füllen: Das oder jenes nicht mehr essen oder zumindest weniger davon, stand bei den meisten ganz oben an erster Stelle. Es waren vor allem Süßigkeiten bzw. alles, was ihnen besonders gut schmeckt, denen die Kinder das „Kein“ oder  "Nicht" oder zumindest ein „Weniger“ voranstellten. Also keine oder zumindest weniger Süßigkeiten bzw. nicht mehr naschen. Natürlich blieben auch der Computer und der Fernseher nicht verschont: weniger fernsehen und weniger Computer spielen. Die Schüler haben das wiedergegeben, was sie von den Erwachsenen in ihrem Umfeld unter fasten zu hören bekommen. Als die Religionslehrerin dann fragte, warum man denn weniger fernsehen sollte, machte sich zuerst Ratlosigkeit bei den Kindern breit. Doch die Lehrerin ließ nicht locker und wollte wissen, was man denn mit der Zeit, die man durch weniger Fernsehen gewonnen hat, Besseres tun könnte. Das war der Wendepunkt im Lernprozess dieser Stunde, an deren Ende eine wichtige Einsicht gewonnen war: Jeder Verzicht muss für etwas Besseres gut sein! Ob diese Einsicht im Kopf dann auch im Leben der Schüler/innen umgesetzt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich bin da eher skeptisch.

 Der Begriff Fasten ist von gottgläubigen, aber auch von weniger gott- bis gottungläubigen Menschen in eine Sackgasse manövriert worden. Fasten wird vielfach durch Begriffe besetzt, die das Fasten eher in eine düstere Stimmung tauchen, in einen freudlosen Winkel drängen. Zu solchem Fasten passt dann ein freudloses Gesicht, dem das Lachen vergangen ist. Fasten wird kaum mit einem in Freude oder Erleichterung strahlenden Gesicht assoziiert. Verzichten und Askese, so wertvoll sie – recht verstanden und in rechter Weise geübt – für ein spirituelles Leben sind, werden oft als christliche Tugenden an sich eingefordert, die man nicht mehr weiter begründen oder auf ein positives Wofür ausrichten muss. So wird Fasten meist auf das verkürzt, was man alles nicht mehr oder nicht so viel darf: das oder jenes nicht mehr tun, nicht mehr essen, nicht mehr konsumieren... Fasten wird im Wesentlichen negativ definiert. Das Wörtchen „nicht“ oder „weniger“ ist zum entscheidenden Selbstzweck geworden. Manche gottgläubigen Menschen begründen das dann eben mit dem lieben Gott, der das von uns erwartet, vielleicht sogar verlangt. Fasten darf nicht zu einer pseudofrommen Befriedigung verkommen. Nicht im bloßen, leeren Verzicht liegt das Wesentliche des Fastens, sondern in der stärkenden, öffnenden, vertrauenden Freiheit, die man dadurch gewinnt. Asketische Übungen um ihrer selbst willen sind eher krankhafte Irrwege, die kein Ziel haben. Jesus selbst begegnet einem solch selbstgenügsamen Fasten um seiner selbst willen sehr abweisend.

Ein bekannter österreichischer Kabarettist hat in diesem Zusammenhang mit dem Begriff „weglassen“ aufhorchen lassen. Er will seinem Leben eine neue Richtung geben, indem er alles wegzulassen versucht, was er eigentlich nicht wirklich braucht. Dieses „Weglassen“ hat sein Leben verändert. Erstaunlich, wie viel man eigentlich gar nicht braucht, und wir tun so, als ob es ohne… überhaupt nicht ginge. Er hat in dieser Lebensumstellung  erfahren, wie vieles er weglassen kann und wie sein Leben dabei an Freiheit, an Leichtigkeit, an Durchblick, an Festigkeit gewonnen hat. Weglassen klingt viel positiver, klingt weniger nach „müssen“, sondern mehr nach „dürfen“ oder „selber wollen“. Etwas ungewöhnlich, aber warum sollte nicht auch einmal ein Kabarettist zum Wegweiser für die Fastenzeit werden? Vielleicht wäre dieses Weglassen, um an Freiheit zu gewinnen, einen wochenlangen Versuch wert. Wir überlegen nicht so sehr, worauf wir verzichten sollten, sondern versuchen zu entdecken, was wir weglassen können, sodass wir dadurch gleichsam Ballast abwerfen, denn auch dieses Weglassen darf nicht Selbstzweck sein. Wir müssen dadurch freier, leichter, offener, vielleicht auch fröhlicher, heiterer werden. Und wenn  dieses Weglassen auch unserem geistlichen Leben zugute kommen soll, dann sollte es manches aus dem Weg räumen, was zwischen uns und dem lieben Gott steht und uns den Blick auf ihn oder den Weg zu ihm verstellt.

In einer Fernsehsendung jetzt zu Beginn der Fastenzeit wurden Menschen auf der Straße befragt, was sie sich für die Fastenzeit vorgenommen haben. Positiv überraschend war, dass der Sinn für Fasten – im Kopf zumindest – weit über die Grenzen der Religion hinausgeht. Fasten ist „in“, als Thema zumindest. Warum die meisten Vorsätze für die Fastenzeit dem Schicksal erliegen, dass sie am Ende der Fastenzeit nicht mehr da sind? Vielleicht hat dieses Schicksal vieler Fastenvorsätze damit zu tun, dass sie im ziellosen und freudlosen Verzichten landen, anstatt in ihrer befreienden Erfahrung zur beglückenden Vertiefung unseres (geistlichen) Lebens führen. Geben wir einmal dem Kabarettisten die Möglichkeit, uns Wegweiser für die Fastenzeit zu sein! Fangen wir an… wegzulassen, damit…! Nicht morgen, sondern jetzt.

 

© Josef Gredler