Josef Gredler

Freude am und im Glauben

 

Wer sich schon einmal von Herzen gefreut hat, konnte in solchen Augenblicken oder Stunden erfahren, wie sich das Leben glückselig verwandeln kann. Die Freude ist wohl das erhebendste Gefühl eines Menschen, die Sehnsucht nach ihr hat ihre Wurzeln tief in die menschliche Seele eingegraben. In der Freude kommt der Mensch zu sich selbst, auf diese Freude ist er gleichsam angelegt. Freude ist nicht eine oberflächliche Sinneserfahrung, sondern eine transzendierende Sinneserfahrung. Freude hat in ihrem Wesen eine transzendierende Ausrichtung. Die in Christus gründende Kirche hat nicht nur allen Grund, sondern auch den Auftrag, sich zu freuen und den Menschen diese Freude zu verkünden und zu bringen, weil sie den eigentlichen und triftigen Grund zur Freude kennt und benennen kann. Die Kirche muss diesen Grund nicht erfinden, er ist ihr geoffenbart. Gott hat die von ihm geschaffene Welt, die Schöpfung und seine Geschöpfe auf Vollendung in Freude angelegt. Dazu ist Gott in Jesus selber Mensch geworden und in die Welt gekommen. Am Horizont der Geschichte steht Freude in der Vollendung. Wir sollen uns dieser Horizontlinie voll Freude nähern, die Kirche soll sich daraufhin bewegen, Freude verbreitend. Dass die Kirche ihrem Auftrag zur Freude oft und durch viele ihrer Vertreter so wenig gerecht geworden ist, sondern aus einem fast besessenen, zwanghaften Wahrheitswahn und damit verbundenem strengen, lieblosen Gesetzesdenken in vielen Menschen Angst ausgelöst und Schrecken verbreitet hat, ist Widerspruch und Ärgernis zugleich. Die Freude an Gott verhindern ist letztlich ein agnostischer Akt, blasphemisches Tun.

 Papst Franziskus nennt sein erstes apostolisches Schreiben prophetisch "Evangelii gaudium" (die Freude des Evangeliums). Er richtet dieses Lehrschreiben an die Bischöfe, Priester, Diakone, an alle Personen geweihten Lebens und an alle christgläubigen Laien. Es ist gleichsam ein Programm zur Kirchenreform mit dem Untertitel "Über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute". Allen Programminhalten darin stellt Franziskus die Freude voran, die damit nicht nur Überschrift, sondern auch Inhalt ist. „Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz", sind die ersten Worte seines Schreibens und Franziskus fährt dann fort: "Mit Jesus Christus kommt immer – und immer wieder – die Freude." Wie sehr Franziskus selber in dieser Freude steht, von ihr lebt, wird dann spürbar, wenn er über mehrere Seiten aufzeigt, wie sich diese Freude wie ein roter Faden, wie ein Leitfaden durch das Evangelium zieht. Franziskus selbst ist die Freude ins Gesicht geschrieben. Es gibt ja kaum ein Foto von ihm, das diese Freude nicht erkennen lässt. Aber diese Freude ist ihm nicht nur ins Gesicht geschrieben, sondern auch tief ins Herz. Niemand sei von dieser Freude ausgeschlossen, betont er. Seine Frage "Warum wollen nicht auch wir in diesen Strom der Freude eintreten?" ist seine ganz herzliche, ernst gemeinte, aber unaufdringliche Einladung uns.

Franziskus hat sich mit diesem Lehrschreiben und der Freude, die er für die unverzichtbare Grundbefindlichkeit eines christlichen Lebens hält, bei amtskirchlichen  Verantwortungsträgern, bei Klerus und Laien nicht nur Freunde gemacht. Manchen erscheint dies als fahrlässiger Umgang mit der Autorität des kirchlichen Lehramtes, sie sehen dadurch das Papsttum an sich bedroht. Den überwiegenden Teil des "wandernden Volkes Gottes" hat er jedoch ermutigt, viele von ihnen mit seiner Freude angesteckt. Es ist, als ginge ein Ruck durch diese Kirche, nicht wegen neuer Lehraussagen, sondern weil einer auf dem Stuhl Petri Platz genommen hat, der nicht abgehoben seines Amtes waltet, sondern bei den Menschen sein will, so ungeniert Freude verbreitet und den Primat der Liebe einfordert.

 Was hat denn nun Glauben mit Freude zu tun? Franziskus tut ja so, als gehörten beide unabdingbar zusammen, als sei der eine nicht ohne die andere denkbar. Da rüttelt dieser Papst schon gehörig an praktizierter kirchlicher Tradition, so heftig, dass man darin eine ganz ernst zu nehmende Gefahr für ihn selber erkennen muss. Die Freude so zum Wesensmerkmal des Glaubens, zur "Signation" christgläubigen Lebens machen zu wollen, so unmittelbar im Evangelium begründet zu sehen und so direkt umsetzen zu wollen, ist eine rigorose Akzentverschiebung, die das kirchliche Koordinatensystem verändert, ohne dass an der kirchlichen Lehre etwas geändert wird. Zwischen Freude und Evangelisierung besteht für Franziskus ein ganz direkter Zusammenhang. für ihn gehören die beiden zusammen. Evangelisierung ist nur mit und aus der ansteckenden Kraft der Freude möglich! Aus dem Glauben muss Freude wachsen, Glaube muss durch die Freude ansteckend sein, Glaube muss durch Freude bezeugende Kraft bekommen. Wer soll sich freuen, wenn nicht wir Christen, die wir um Ostern wissen? "Es gibt Christen, deren Lebensart wie eine Fastenzeit ohne Ostern erscheint", bedauert Franziskus in diesem Lehrschreiben.

 Diese Betonung der Freude halten seine Gegner für übertrieben, ja sogar abwegig. Da bleibe für den Ernst des Lebens zu wenig Platz. Da würden Gesetz und Wahrheit relativiert. Die Freude, die so in Gott festgemacht ist, ist vielen ein Dorn im Auge. Franziskus meint aber mit Freude nicht ein naives "Feeling", nicht eine permanente „Happiness“. Franziskus weiß, auch aus eigener Erfahrung, dass dieses Leben immer wieder auch sehr ernste Züge bekommt und tragische, leidvolle Gesichter annimmt. Freude ist für ihn etwas, das aber unter aller Tragik und Not nicht zusammenbricht, sondern in der Tiefe fortbesteht, ohne der Traurigkeit oder Verzweiflung die Stimme zu nehmen. So schreibt er: "Ich verstehe die Menschen, die wegen schwerer Nöte, unter denen sie zu leiden haben, zur Traurigkeit neigen, doch nach und nach muss man zulassen, das die Glaubensfreude zu erwachen beginnt, wie eine geheime, aber feste Zuversicht, auch mitten in den schlimmsten Ängsten.“ Freude ist nicht naive Blindheit gegenüber allem Bösen und Schrecklichen, das es in der Welt gibt. Freude aus dem Glauben hat jedoch tiefere Wurzeln als all das Böse und Schreckliche, die den Grund der Freude nicht aufheben können. Freude aus dem Glauben kann angesichts von Leid und Tod in ihrem Ausdruck verstummen und von Tränen zugedeckt werden, aber ihr Grund ist tiefer als Leid und Tod. Wenn wir in der Zeitung blättern und im Fernsehen täglich von allem Schrecken erfahren, der da über die Welt verstreut passiert, dann werden, ja müssen Christen mitleiden, mitweinen. Aber es ist kein hoffnungsloses Mitleiden, kein sinnloses Mitweinen, das uns in dunkle Resignation treibt. Wir dürfen glauben, dass Gott sich nicht zurückgezogen hat von den vielen Schauplätzen des Leids. Dieser Gott, der in Jesus selber in diese Welt gekommen ist, auch deren Leid angenommen hat, der Gottes Liebe und unauslöschbaren Heilswillen geoffenbart hat, hat diese Welt nicht dem Unheil überlassen, sondern ist auch in der Nacht des Leids da, bei uns und mit uns und führt die Welt und uns letztendlich als Sieger über Leid und Tod heraus in seine Vollendung. Das Reich Gottes ist von Freude erfüllt, die schon das Leben hier und jetzt bestimmen muss, aber unvollendet bleiben wird, bis es Vollendung findet nach Gottes Verheißung. Die Botschaft Jesu ist Quelle der Freude und lädt uns mit Nachdruck zur Freude ein: „Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird“ (Joh 15,11).

 

© Josef Gredler