Josef Gredler

Wohin mit dem Jesuskind?

 

Beim "Krippeleschaun" in der Nachbargemeinde fragte ich den Besitzer, der mit frommem Stolz und leidenschaftlicher Hingebung uns seine Krippe bestaunen ließ, wie lange er brauche, um diese aufzustellen. Drei lange Tage benötigt er, bis alles an seinem Platz steht. Ab er fügte auch gleich hinzu, dass das für ihn keine Arbeit sei, sondern geheimniserfüllte Stille, tiefes Erleben. Die Idee eines anderen Betrachters seiner Krippe, diese ob der vielen Arbeit und berührenden Schönheit das ganze Jahr stehen zu lassen, wies er entschlossen von sich mit der einsichtigen Begründung, dann könne er seine Krippe ja nicht mehr aufstellen. Das andächtige Aufstellen der Krippe führt ihn jedes Jahr neu hinein in das weihnachtliche Geschehen, dessen Geheimnis sich dennoch menschlichem Ergründen nie ganz erhellt.

Wenn früher, als der Weihnachtsfestkreis  noch bis Mariä Lichtmess dauerte, die Krippen tatsächlich meist bis zum 2. Februar ihren Platz einnehmen durften, werden sie heute in der Regel schon viel früher abgebaut und bis zum nächsten Jahr an einem sicheren Ort verwahrt. Vor allem die Figuren müssen sorgsam verwahrt werden, dass sie nicht Schaden nehmen. Und unter allen Figuren nimmt das Christkind eine Sonderstellung ein. Was ja einen höchst einleuchtenden Grund hat: Dreht sich doch alles in der Krippe um dieses Kind. Die himmlischen Heerscharen, die irtenHirten, der Stern, die Könige, sie alle waren dieses Kindes wegen nach Betlehem gekommen, einige ganz nah zum Kind in der Krippe. So hebe auch ich das Kind behutsam aus meiner Krippe, um es in schützendes Papier zu wickeln. Und weil dieses Kind so klein ist, viel kleiner als die anderen Figuren der Krippe und gleichzeitig ohne Zweifel die bedeutendste aller Krippenfiguren, stellt sich mir die vorerst rein logistische Frage: Wohin mit dem Christkind?

Es darf mir ja nicht verloren gehen unter der Hundertschaft aller anderen, größeren Figuren, die ohne dieses Kind, der kleinsten unter ihnen,  ja gar keine Berechtigung mehr in der Krippe hätten. Außerdem darf es keinen Schaden nehmen. Nicht dass im kommenden Jahr plötzlich ein Arm fehlt oder ein Beinchen gebrochen ist. Ein Christkind mit fehlendem Arm oder gebrochenen Bein in der Krippe, das darf nicht sein. Es muss unversehrt wieder die Mitte der ganzen Krippe im kommenden Jahr werden. Das muss nicht die geometrische Mitte sein, die interessiert jetzt nicht, aber dieses Kind ist die Mitte eines geheimnisvollen Geschehens, in dem Himmel und Erde sich berühren, Gott und Mensch einander begegnen. Alles wird sich wieder um dieses Kind drehen.

Da wird mir die Doppelsinnigkeit meiner Frage bewusst: "Wohin mit dem Kind?" Nicht nur mit dem Kind aus Holz, sondern auch "wohin mit dem lebendigen Jesus?" jetzt nach der Weihnachtszeit, wenn die berührenden weihnachtlichen Lieder verklungen, der Duft des Weihrauchs dahin und der heilige Lichterglanz erloschen ist. Dieser lebendige Jesus wächst heran, legt die Lieblichkeit seiner kindlichen Züge ab, wird erwachsen und die Evangelien berichten, wie er umherziehend die Botschaft vom Reich Gottes verkündet, in der Bergpredigt seine Seligpreisungen in eine ganz ungewohnte, neue Richtung zeigen, Feindesliebe fordert, die Kleinen groß und die Großen klein macht, Blinde sehend und Taube hörend, Lahme gehen macht und Aussätzige rein werden lässt, Sünden vergibt, unglaubliche Verheißungen wagt, Heuchelei anprangert und jede Hartherzigkeit verurteilt, sich mit den lieblosen Gesetzeshütern anliegt, in den Augen seiner Gegner den Sabbat verletzt, alles bei seinem Vater im Himmel festmacht, nach Jerusalem geht, den Händlern im Tempel dort ihre Verkaufsbuden umwirft, sich dann ohne Gegenwehr gefangen nehmen lässt, wegen Gotteslästerung zum Tod verurteilt wird und schließlich zum Heil aller ans Kreuz geschlagen, wo er einen grausamen Tod stirbt und dann am Ostermorgen, von Gott, seinem Vater auferweckt das Grab zu neuem Leben verlässt...

Wohin mit diesem lebendigen Jesus, den schon das Grab nicht festhalten konnte, den man  nicht mehr in Papier eingewickelt in eine Schachtel legen kann, um ihn mit den anderen Figuren im Keller oder Dachboden zu stellen?  Man kann ihn in einem äußeren Winkel der Seele abstellen, dort, wo er nicht mehr in das Leben eingreifen kann. Man kann ihn verschweigen, verdrängen, vergessen. Man kann ihn relativieren, ignorieren, verleugnen. Man kann ihn der Gleichgültigkeit aussetzen. Man kann ihm aber auch sein Herz öffnen, ihm Raum geben. Man kann ihn hereinlassen in das Leben, in die Mitte des Lebens stellen, zum Ziel an den Lebenshorizont stellen. Wohin mit diesem Jesus, der seine Botschaft auch an mich richtet, auch mich in seine Nachfolge ruft, der immer wieder mein Verstehen übersteigt, dessen Verheißungen auch mir gelten...? Wohin mit diesem Jesus in meiner Welt, in meinem Leben?

 

© Josef Gredler