Josef Gredler

Zeig mir den Weg

 

Wir kennen eine ganze Reihe Romane und Filme mit einem so genannten Happyend. Viele lieben solche Filme, die gut ausgehen. Ein Happyend, auch wenn es nur im Film ist, tut gut. Es ist genau das, was wir uns so sehr wünschen: dass alles gut ausgeht. Allerdings muss man diesen Romanen und Filmen entgegenhalten, dass sie dort aufhören, wo im Leben alles erst wieder beginnt. Nach vielen Schwierigkeiten liegen sich die beiden Liebenden glücklich in den Armen, eng umschlungen sich küssend. Ein schönes Ende, aber nur im Film. Im wirklichen Leben geht solche Liebe weiter, muss sich erst bewähren, kann wachsen, sich vertiefen, ist Krisen ausgesetzt, kann sogar zerbrechen. Filme hören mit ihrer schönen Geschichte meist dort auf, wo das Leben eigentlich erst wieder neu beginnt.

Wenn wir uns in den Tagen des Advent aufgemacht haben, um bei diesem göttlichen Kind anzukommen, damit seine Ankunft in dieser Welt uns zur Begegnung wird, dann war wirklich Weihnachten. Lukas berichtet in seinem Evangelium, wie die Hirten auf Geheiß des Engels sich aufgemacht haben zu diesem Kind „das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt“. Diese Begegnung der Hirten mit dem Christkind bewegt uns so sehr, dass wir sie ganz in die Mitte unserer Weihnachtskrippe gerückt haben, manchmal alles andere sogar weglassend. Diese Szene hat Geschichte gemacht, wir stellen sie auf viele verschiedene Weisen dar,  besingen sie in den Liedern der Weihnacht, ganz besonders in jenem Weihnachtslied, das wie kein anderes die Welt erobert hat, über alle Längen- und Breitengrade der Erde hinweg. Wenn wir in der Christmette in der dunklen Kirche die "Stille Nacht" erklingen lassen, bewegt das unser Gemüt. Die schwierige Ankunft Jesu in unserer Welt vor zweitausend Jahren in einem Viehunterstand in Betlehem, hat ein gutes Ende gefunden. Das geht uns zu Herzen.

 Aber das Evangelium vom Morgen des 25. Dezember erzählt weiter, was in der Christmette nicht wirklich zu Ende gelesen wurde. Da heißt es dann „die Hirten kehrten zurück“, wohl zu ihren Herden auf den freien Feldern. Ihr Leben geht weiter. Auch wenn Lukas dann nicht weiter von diesen Hirten berichtet, ihr Leben ist wieder in der Alltäglichkeit angekommen. Ob diese dieselbe war wie vorher oder durch die  Begegnung mit dem Christkind verwandelt war, davon erfahren wir im Evangelium nichts mehr. Auch wir mussten nach der weihnachtlichen Begegnung mit diesem Kind nach den Festtagen wieder zurückkehren in unsere Alltäglichkeit. Jetzt erst wird sich erweisen, ob Weihnachten mehr war als ein berührendes Fest und seine Fortsetzung findet in unserem Leben.

 Wir konnten an der Beschaulichkeit der Krippe nicht „hängen bleiben“, das Leben geht weiter, die Dinge nehmen ihren Lauf, der aber nicht derselbe sein darf, als ob Weihnachten nicht gewesen wäre. Wir befinden uns wieder auf unserem alltäglichen Lebensweg, dessen Verlauf nicht vorprogrammiert ist. Wir kommen immer wieder zu Kreuzungen. Wo müssen wir gehen? Wir kommen zu vielen Abzweigungen. Welche ist die richtige? Wir stehen vor Abwegen, Abgründen, Hindernissen. Wo geht der Weg weiter? Welchen Weg sollen wir gehen? Welcher Weg führt an das Ziel, das wir in der Heiligen Nacht nur erahnen konnten? Dieses Kind, das in jener Nacht angekommen ist in dieser Welt, bei dem wir nach adventlichen Tagen der Vorbereitung zur Weihnacht angekommen sind, wird später einmal von sich sagen „ich bin der Weg“ und will uns einladen, diesen Weg zu gehen, ihm zu folgen.

Das ist jetzt nach Weihnachten unsere Aufgabe, unsere Chance, Hoffnung und Verheißung, den Weg zu gehen, den dieses Kind uns zeigen und später als erwachsener Jesus immer wieder darauf hinweisen wollte – der Weg, der letztlich Jesus selber war.  Er ist der Weg, der wirklich ans Ziel führt, zu einem wirklichen und vollendenden, endgültigen Happyend.  Dieser Weg von der Krippe weg in unsere Alltäglichkeit und durch diese hindurch in unsere Zukunft, zu unserem Ziel, liegt jeden Tag neu als Wegstrecke vor uns.

 

Zeige mir den Weg,

den ich gehen soll!

Zeige mir den Weg,

der dorthin führt,

wo du möchtest,

dass ich ankomme!

Zeig mir den Weg

jeden Tag neu,

wenn ich nicht mehr weiß,

wo es weitergeht!

Zeig mir den Weg,

wenn Zweifel und Angst

mich am Weitergehen hindern!

Zeig mir den Weg,

wenn ich im Dunkel

die Richtung nicht mehr erkenne!

Zeig mir den Weg,

wenn ich  versucht bin,

falsche Umwege zu gehen

oder verführerische Abkürzungen zu nehmen!

Zeig mir den Weg,

wenn ich auf Abgründe zusteuere!

Zeig mir den Weg,

der zu dir führt,

jeden Tag neu!

 

© Josef Gredler