Josef Gredler

Macht die Tore weit

 

In dem alten und vertrauten Adventlied „Macht hoch die Tür“, dessen Strophen Georg Weißel um 1623 geschrieben hat und zu dem um 1704 in Halle die uns vertraute Melodie komponiert worden ist, heißt es schon in der ersten Zeile der ersten Strophe „die Tor(e) macht weit“. Das Tor ist ein uraltes Bild, um Offenheit oder Verschlossenheit auszudrücken, auch in diesem Lied. Nicht irgendein, noch so bedeutsames Tor ist gemeint, sondern jenes Tor, das den Zugang in unser Inwendiges ermöglicht oder verhindert. Schon in der nächsten Zeile erfahren wir, wem wir es weit aufmachen sollen, wer da eintreten will: „Es kommt der Herr“. Und als ob das allein nicht schon Grund genug wäre, erfahren wir ein paar Zeilen weiter, dass der Herr „Heil und Leben mit sich bringt“. Wer jetzt nicht aufmacht, ist selber schuld, würden wir sagen. Sein Besuch, sein Kommen ist aber nicht nur mir angesagt, sondern der ganzen Welt, deshalb wird er als „Heiland aller Welt“ gepriesen. Darüber sollen wir „jauchzen“ und „mit Freuden“ singen. Im neuen Gotteslob ist dieses Lied, das im Advent in vielen Kirchen gerne gesungen wird, unter 218 zu finden. Kaum ein Adventlied bringt das, worauf es in diesen vorweihnachtlichen Wochen ankommt, so treffend auf den Punkt. Wenn zu Hause Besuch angesagt ist, dann treffen wir vorbereitende Maßnahmen. Wir bereiten für den Besuch einen Platz, decken dazu vielleicht sogar den Tisch. Wir haben auch vorgesorgt, ihn mit Speis und Trank bewirten zu können. Unter Umständen muss noch die Wohnung empfangsbereit gemacht werden. Der Besuch, wenn wir ihn schätzen und lieben und daher gerne erwarten, soll spüren, willkommen zu sein. Wenn es dann läutet, gehen wir zur Tür und öffnen sie so weit, dass an seinem Willkommen kein Zweifel besteht. Dann gilt unsere ganze Aufmerksamkeit dem, der da zu Besuch gekommen und jetzt da ist.

Wenn wir die Tür in unser Inwendiges weit auftun, sind wir offen und empfangsbereit. Wir sind offen für Worte, neue Ideen, neue Aufgaben, offen für Begegnung, offen für Veränderung und Wandel. Wir sind ganz einfach offene Menschen. Wir können die Tür in unser Inwendiges aber auch verschließen, verschlossene Menschen sein. Manchmal ist die Tür zwar nicht ganz verschlossen, aber doch nicht weit genug offen, nur einen Spalt breit, zu eng, dass jemand eintreten kann. Wir selber sind zu eng, zu engstirnig oder zu engherzig. Wir sind engstirnig, wenn wir Andere und Anderes aus Misstrauen vorschnell ablehnen, auf Distanz gehen, nichts zu tun haben wollen, abwehrend alles beim Alten belassen wollen. Wir verbarrikadieren uns, damit nur ja niemand an unserer scheinbaren Sicherheit rütteln kann. Es soll alles so bleiben, wie es ist. Veränderungen, Neues bringen selten etwas Gutes. Durch den Spalt, den wir auftun, schauen wir misstrauisch hinaus, wer denn unsere Gedanken, Gefühle, Überzeugungen stören könnte. Die Tür ist eben nur einen Spalt offen, durch den kann man nicht eintreten, wir halten den… oder die… oder das… lieber auf Distanz. Wir kennen solche Menschen. Vielleicht sind wir selber manchmal solche Menschen, ohne es zu merken. Aber kennen wir uns selber? Engstellen sind oft ein Problem. Plötzliche Engstellen auf der Straße verursachen Stau. Engstellen in unseren Adern lassen das Blut nicht ungehindert fließen, führen zu Durchblutungsstörungen oder verursachen eine Thrombose oder einen Infarkt. Eine solche Engstelle in einem Blutgefäß kann lebensgefährlich, tödlich sein. Ungewollte, unnatürliche Engstellen also, im Bach- oder Flussbett, führen zu Rückstau des Wassers und zu bedrohlichen, unkontrollierten Überschwemmungen. Eine Verstopfung, Engstelle in unserer Abwasserleitung, lässt das Wasser nicht abfließen und könnte unserer Wohnung oder der des Nachbarn neben oder unter mir großen Schaden zufügen. „Macht die Tore weit“ will Engstellen in mir, die den Zugang in mein Inwendiges erschweren oder verschließen, vermeiden. So singen wir in der fünften Strophe „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meines Herzens Tür dir offen ist“. Wir bitten ihn ausdrücklich herein „zieh mit deiner Gnade ein“.

Die Türen der Herberge waren für Josef und Maria verschlossen, als sie verzweifelt einen Platz gesucht haben, dass Maria ihr Kind zur Welt bringen kann. Nur ein Viehunterstand war offen für den, der später im Evangelium des Johannes sich selbst einmal als „Tür“ bezeichnen wird. Und am Anfang dieses Evangeliums wird dieser Jesus sogar als Logos, als Wort bezeichnet, das in die Welt, in sein Eigentum kam, aber von den Seinen nicht erkannt und aufgenommen wurde. Advent heißt „macht die Tore weit“ für den, der uns Heil und Leben bringt. Diese Tür in unser Leben weit aufzumachen ist die adventliche Grundhaltung.

 

© Josef Gredler