Josef Gredler

In der richtigen Stimmung sein

 

Ich bin jetzt nicht in der richtigen Stimmung. So sagen wir, wenn unsere innere Befindlichkeit, unsere Gefühle nicht auf das eingestellt sind, was ich jetzt tun sollte, was jemand von mir möchte, was andere jetzt von mir erwarten. Meine Stimmungslage stellt sich dagegen, sperrt sich gegen das, was ich jetzt tun sollte oder andere meinen, dass ich es sollte. Da ist eine Diskrepanz zwischen dem, wonach mir ist, und dem, was ich sollte. Wir erleben uns täglich  in ganz unterschiedlichen Stimmungen. Wir kennen die ganze Palette solcher inneren Befindlichkeiten, solcher Stimmungslagen von Plus bis Minus, von ganz tief unten bis ganz hoch oben. Je nach dem, wo unsere momentane Stimmung einzuordnen ist, sind wir „besser oder schlechter drauf“. Was steckt da eigentlich dahinter? Sind wir einfach Getriebene, Opfer unserer Stimmung? Stimmung ist mehr als Laune oder Gefühl. Wir können sie besser als innere Ausrichtung bezeichnen. Woher kommt diese Stimmung? Können wir sie beeinflussen?

Ein Instrument muss richtig gestimmt sein, damit man darauf spielen kann, damit es harmonische, wohlklingende Töne von sich geben kann. Die meisten verwenden dazu ein Stimmgerät, manche haben ein so feines oder gar absolutes Gehör, dass sie ihr Instrument nur damit stimmen. Die Töne eines Saiteninstrumentes müssen zu einander passen, im richtigen Verhältnis zueinander stehen, ertönen. Das ist nicht bloß Geschmackssache, sondern ein Instrument kann objektiv richtig oder nicht richtig gestimmt sein. Diese objektive Stimmung richtet sich nach der Harmonielehre der Musik, die vorgibt, wie die Saiten aufeinander abgestimmt sein müssen, damit das Instrument auch richtig klingt. Wenn das nicht der Fall ist, kann man mit diesem Instrument keine Melodie spielen, kein Lied begleiten, sondern ihm nur Töne entlocken, damit nur Töne anschlagen, die einfach falsch klingen oder richtig gehend weh tun, nicht harmonisch aufeinander und auf einen absoluten Ton abgestimmt sind.

So ähnlich verhält es sich mit meiner inneren Stimmung, meiner inneren Gestimmtheit, die wir auch seelische Verfasstheit nennen können. Ich kann mich in einer guten seelischen Verfassung, Gestimmtheit befinden, die sich in Freude, Zuversicht, Mut, Vertrauen, Hoffnung, Heiterkeit… ausdrückt. Ich kann mich aber auch in einer schlechten seelischen Verfassung, Gestimmtheit befinden, die sich in Freudlosigkeit, Mutlosigkeit, Antriebslosigkeit, Misstrauen, Hoffnungslosigkeit… ausdrückt. Wie einem nicht richtig gestimmten Instrument sind mir dann keine wohl klingenden Töne zu entlocken, die man als Melodie bezeichnen könnte. Gleich welche Saite man anschlägt, es klingt nicht gut. Das spüre ich auch selber, ich bin eben nicht richtig gestimmt. Mitunter kann sogar eine Saite gerissen sein, und ich spüre einen Zustand der Zerrissenheit. Eine neue Saite muss wieder neu gestimmt werden.

Stimmung hat etwas mit Stimme zu tun. Auf welche Stimme höre ich? Stimmung hat etwas mit Übereinstimung zu tun. Wie es beim Stimmen eines Musikinstrumentes die Übereinstimmung mit einem absoluten Ton gibt, so braucht es auch beim Stimmen meiner inneren Saiten die Übereinstimmung mit dem Absoluten, mit Gott. Auf Gottes Stimme zu hören, bringt mich in die richtige Stimmung. Die Übereinstimmung mit dem Willen des Absoluten, dem Wollen Gottes richtet meine inneren menschlichen Schwingungen nach den Schwingungen des Ewigen aus. Dieses Ewige ist lebendig und persönlich, es ist der lebendige und persönliche Gott, der sich mir mitteilen will, der mir seinen Willen mitteilt, damit ich in Einklang mit ihm leben kann. Die Erfahrung, im Einklang mit dem Willen Gottes zu leben, ist die tiefste Erfahrung, von der große Mystiker berichten. Sie versuchen diese zu beschreiben, aber ihre Worte reichen oft nicht aus. Dennoch können wir diesen entnehmen, dass es eine ganz beglückende Erfahrung sein muss. Das Menschliche hat sich im Göttlichen gefunden und das Göttliche ist im Menschlichen angekommen. Den Ort, wo dieses Zusammenkommen im Menschen geschieht, nennen jene, die es erfahren haben, den Seelengrund, das Innerste, die Mitte.

Gott will auch mit mir in meinem Innersten zusammenkommen, meinen Willen mit dem seinen verbinden, mich in seine Stimmung versetzen. Ein großer Mystiker, der dieses  Zusammenkommen erfahren hat, bezeichnet es als ein inwendiges Verkosten. Seine Sprache reicht nicht mehr aus, das Erleben dieser richtigen Stimmung, dieser Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, dieses Abgestimmtsein auf seine Verheißung zu beschreiben. Wir alle sind berufen, solche Mystiker zu sein, dem Geheimnis des Göttlichen nahe zu kommen, damit unsere menschlichen Schwingungen den göttlichen immer ähnlicher werden, bis wir im Gleichklang mit ihm vollendet werden.

 

© Josef Gredler