Josef Gredler

Denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte

 

Im 6. Kapitel schreibt Lukas in seinem Evangelium, dass Jesus die ganze Nacht im Gebet auf einem Berg verbracht hatte, um dann aus seinen Jüngern die Zwölf auszuwählen, die er Apostel nannte, zu seinen engsten Multiplikatoren – so würden wir heute sagen – in der Verkündigung des Reiches Gottes machte. Mit ihnen stieg er den Berg wieder hinab, und als er unten angelangt war, kamen viele Menschen aus Judäa und darüber hinaus zu ihm, um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden. Die Leute versuchten, ihn wenigstens berühren zu können, „denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“. Heilen, Heilung, Heil sind in den Evangelien ganz zentrale Begriffe, um die Sendung Jesu, sein Wirken in der Öffentlichkeit, seine Zuwendung zu den Menschen, die letztlich alle der Heilung bedürfen, zu beschreiben. Heiland ist mit Recht ein ganz zutreffender Titel für diesen Jesus von Nazaret. 

Unser heutiges Verständnis von Heilung unterscheidet sich vom biblischen Heilungsbegriff ganz wesentlich, es ist medizinisch, psychotherapeutisch eingeengt. In den Evanglien ist Heilung umfassender gemeint,  nicht nur als ein  Freiwerden von organischen oder psychischen Erkrankungen. Jesus darf nicht auf einen Heiler im medizinischen Sinn verkürzt werden, er war auch kein Psychotherapeut. Was die Wissenschaft heute mit Psyche bezeichnet, ist keineswegs das, was Jesus mit Seele meinte. Er war auch nicht mit einem "Wunderheiler" im heutigen Sinn zu vergleichen. Jesus war einer, der den Menschen Heil im umfassenden und tiefsten Sinn bringen wollte. Seine Krankenheilungen zielten immer über die bloß organische und psychische Dimension hinaus. Man kann von Jesus und seiner Botschaft nicht reden, ohne den Begriff Heil zuerst ins rechte Licht zu rücken. 

Wir tun uns heute mit dieser Vokabel ein wenig schwer. Heil ist im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr aktuell und zudem durch den pervertierten Hitlergruß schwerst belastet. Andererseits sind heilen und Heilung tiefe, unzerstörbare Sehnsüchte der Menschen. Dort muss man ansetzen, um Jesu heilende Kraft richtig zu deuten und zu verstehen. Wir müssen ein aktuelles, attraktives Synonym für das Heil Jesu finden. Am nächsten kommen wir diesem mit dem Begriff Glück, nicht als oberflächliche Happiness, sondern als Erfüllung der Ursehnsucht des Menschen, die seine ganze Seinsdynamik bestimmt. Wenn man heute Menschen fragt, was sie sich am meisten wünschen, dann kommt vielleicht die Antwort Geld. Aber nur deshalb, weil sie glauben, Geld mache sie glücklich. Andere wünschen sich Gesundheit, aber auch nur deshalb, weil sie glauben, Gesundheit mache glücklich. Eigentlich meinen alle letztlich doch dasselbe, sie wollen glücklich sein. Glücklich sein ist die tiefste Sehnsucht des Menschen. Wo diese erloschen ist, ist der Mensch krank. Der Mensch ist jemand, der das Glück sucht. Das ist allen psychisch gesunden Menschen gemeinsam. Aber in der Suche, wo und wie sie das Glück finden, was letztlich - dauerhaft - glücklich macht, da scheiden sich die Geister. 

Das Heil, das Jesus  den Menschen bringen wollte, meinte ein Glück, das letztlich vom lebendigen Gott kommt, ganz in die Tiefe der Seele eindringt und kein Ablaufdatum hat. Dieses Glück lässt sich auch nicht mit viel Geld und bester Gesundheit zwischen den großen Verlockungen dieser Welt finden, ist in seinem Wesen viel mehr als eine Befriedigung der Sinne, es hat immer eine transzendente Dimension. Heil ist nie bloßes Freisein von organischen oder psychischen Krankheiten oder Leiden. Heil ist mehr, größer, umfassender, tiefer... Letztlich sucht der Mensch dieses unvergängliche, unzerbrechliche Glück, eben das Heil, das in der Transzendenz, in einem persönlichen Gott festgemacht und auf Vollenung angelegt ist.  Große Mystiker haben von diesem Glück, diesem Heil gesprochen, das sie erfahren haben, auch in ihrer Krankheit und Armut. Wir alle kennen Menschen, die viel Geld und nichts zu lachen haben. Wir kennen Menschen, die völlig gesund, aber nicht glücklich sind. Franz von Assisi, der reiche Sohn eines reichen Tuchhändlers, hat dieses Glück in der Entsagung und Armut gefunden, die ihn erst frei und empfänglich gemacht haben für das Heil des Reiches Gottes, dem er sich mit seiner ganzen Existenz vorbehaltlos und restlos geöffnet und überantwortet hat. 

„Es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“, die sie innerlich ganz, heil, glücklich, erfüllt sein ließ, weil sie dieses Heil nicht selber schaffen, sich nicht selber schenken, sondern nur empfangen konnten von dem, der letztlich allein und wirklich heilte. Dieses Bibelwort in Lk 6,19 könnte aber auch missverstanden werden, denn dort heißt es, dass alle Leute ihn deswegen zu berühren versuchten. Heilung durch Jesus geschah damals nicht und geschieht auch heute nicht auf magische Art und Weise. Nicht die körperliche Berührung macht gesund, sondern die inwendige Berührung ist es, die heil macht, das Sich-Berühren-Lassen.  Sich von Jesus inwendig, in seiner Seele berühren lassen, schenkt Heil, auch wenn das körperliche Leiden fortdauert, auch wenn diese und jene Sorgen weiter bestehen. Die heilende Kraft, die von Jesus ausgeht, verwandelt unser Leben nicht in ein Dasein, in dem alle Falten ausgebügelt werden, aber wir können trotz all dieser Falten im Grunde Menschen voll Hoffnung, voll Heil sein. Das Heil, das von Jesus kommt, breitet sich über alle Sorgen und Nöte unseres Lebens, nicht um sie auszulöschen, sondern um sie zu unterfangen, damit wir uns mit diesen Sorgen und Nöten, in all unserer Erbärmlichkeit und Zerbrochenheit in Gottes Hand wissen. 

Wir würden uns ja auch gern von diesem Jesus heilen lassen, woran immer wir gerade leiden. Da gibt es Wunden, die uns das Leben geschlagen hat. Wir würden ihn auch gerne berühren, um dann heil zu sein. Da gibt es auch Unheil in unserem Leben. Wir versuchen es auch immer wieder und beginnen den Tag in der festen Absicht, heute verbunden mit ihm zu leben. Und wir spüren eine innere Kraft. Aber im Laufe des Tages verflüchtigt sich dieser Vorsatz, der am Morgen noch ganz bestimmt gemeint war, immer mehr und die Kraft, die wir am Morgen noch so deutlich gespürt haben, wird immer schwächer. Und am Abend stellen wir fest, dass von unserem Vorsatz und der verspürten Kraft am Beginn des Tages nichts mehr da ist. Das Heil aus der Verbindung mit Jesus, dem Heilbringer, ist nicht das Ergebnis eigener Anstrengung, sondern davon abhängig, ob wir uns von ihm wirklich, nachhaltig heilen lassen wollen. Was soll denn ein Arzt bewirken, dem der Patient davonläuft? Nicht das Maß eigener Anstrengung führt zur Heilung, zum Heil – das wäre ja Selbstheilung –, sondern das Verbleiben in seiner Verbundenheit, damit die Kraft, die von ihm ausgeht, auch uns verwandelnd heilt. 

 

© Josef Gredler