„Wer nur den lieben Gott lässt walten“

 

Im „Gotteslob“, dem katholischen Gebet- und Gesangbuch, herausgegeben von den Bischöfen Deutschlands und Österreichs und der Bistümer Bozen-Brixen und Lüttich, finden wir unter der Nummer 295 dieses Lied, das all denen, die mit der Kirche leben und ihren Glauben feiern, sicherlich vertraut oder zumindest bekannt ist. Text und Melodie stammen aus dem Jahre 1657, sind also über 350 Jahre alt und man merkt ihnen das auch an, dem Text mehr als der Musik. Kann man heute einen solchen Text noch mit Überzeugung singen oder gelingt dessen Sprache der verbindende Bezug zum heutigen Leben nicht mehr? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn so beten und singen wir heute eigentlich nicht mehr. Kann dieses Lied Leben und Glauben heute noch zur Sprache bringen? Nicht von vornherein, aber mit einer kleinen interpretierenden „Umleitung“ des Textes durchaus, meint der Autor dieser Zeilen, der allerdings schon deutlich in sein siebtes Lebensjahrzehnt eingetreten ist und vor vierzig Jahren bei diesem Lied nicht mit innerer Bewegtheit hätte mitsingen können. Wenn man die 350 Jahre alte Sprache einfach stehen lässt und sie nur inwendig in unsere heutige Sprache „übersetzt“, ist es ein Lied von großer spiritueller Aktualität und Tiefe. So lautet die erste Strophe aus dem Jahr 1657, dem Zeitalter des Barock:

 

Wer nur den lieben Gott lässt walten

und hoffet auf ihn allezeit,

den wird er wunderbar erhalten

in aller Not und Traurigkeit.

Wer Gott dem Allerhöchsten traut,

der hat auf keinen Sand gebaut.

 

Den lieben Gott in meinem Leben schalten und walten lassen heißt doch nichts anderes, als mein Leben ganz in seine Hände legen, wo es am besten aufgehoben ist. Und wenn ich mein Leben im Vertrauen auf Gott ganz loslasse, es ganz ihm überlasse, dann werde ich in dieser Hoffnung nicht scheitern, nicht zum Verlierer werden, auch wenn mir Not und Dunkelheit nicht einfach abgenommen werden. Wer sein Leben ganz dem alle Zeit und Ewigkeit übertreffenden Gott anvertraut, der hat es nicht in den Sand gesetzt, sondern auf eine ganz feste und sichere Grundlage gestellt, die den Beben dieser Welt stand halten wird. In der zweiten Strophe heißt es dann weiter:

 

Was helfen uns die schweren Sorgen,

was hilft uns unser Weh und Ach?

Was hilft es, dass wir alle Morgen

beseufzen unser Ungemach?

Wir machen unser Kreuz und Leid

nur größer durch die Traurigkeit.

 

Heute „beseufzt“ man nicht mehr sein „Ungemach“, sondern jammert, klagt, schimpft und findet schließlich Schuldige, die man für das verantwortlich macht, was einem nicht gelingt, an dem man versagt, was einen leidvoll trifft. Jammern und Klagen wird manchen zur ständigen Lebensmaxime, zur täglichen Lebensdraufgabe. Aber hilft das? Wird dadurch etwas besser in unserem Leben? Mit einer negativen Grundhaltung vermehren wir die Dunkelheit und erhöhen die Last nur, die in unserem Leben eben auch da sind.  Die dritte Strophe sagt dann genauer, konkreter, was wir tun sollen:

 

Singe, bet und geh auf Gottes Wegen,

verricht das Deine nur getreu

und trau des Himmels reichem Segen,

so wird es bei dir werden neu.

Denn welcher seine Zuversicht

auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

 

Bleibe auf dieser Lebensspur des vertrauenden Glaubens! Bleibe auf diesem Weg mit deinem Gott im Gespräch und lass nicht ab, deine Lebensaufgabe, deine Berufung zu erfüllen! Du darfst dabei mit der Fülle des göttlichen Segens rechnen, der dein Leben verändern und dich selber immer wieder neu machen will. Auf Gott seine Zuversicht setzen ist eine Bank. Gott verlässt uns nicht, wenn wir ihm unser Leben anvertrauen. Gott lässt uns nicht im Stich, wenn wir auf ihn setzen. Wenn man die Bedeutung der barocken Worte dieses Liedes, Johann Sebastian Bach ist für dieses Kirchenlied mitverantwortlich, in unseren heutigen Lebenskontext übersetzt, dann ist es nicht mehr barock, sondern kann uns heute noch treffen und bewegen.

 

© Josef Gredler