Josef Gredler

Gottes Gebote sind Wegweiser in die Freiheit

 

Die Zehn Gebote haben in der traditionellen kirchlichen Verkündigung legalistische Deformierungen erfahren, sodass Christen sie oft wie ein lästiges Gängelband, als einengende Vorschriften oder wie schwere Steine im Rucksack ihres Lebens erfahren haben. Schuld daran war vor allem, dass man sie aus dem biblischen Kontext herausgerissen und ganz isoliert von diesem als Gottes strenge Vorschriften vermittelt hat, an denen kein Weg vorbei führt, wenn man dem Unheil zeitlicher oder ewiger Strafe entgehen will. Traditionalistische bzw. moralistische Hardliner stecken heute noch tief in diesem legalistischen Missverständnis, das in Gottes Geboten unerbittliches göttliches Gesetz sieht, das man einzuhalten hat. Wenn nicht, dann wird „der gerechte Gott“ diese „Gesetzesübertretung“ entsprechend bestrafen.  Das hat gleichsam zu einer Verstümmelung der Zehn Gebote geführt, die nicht einengende Fesseln, keine Verderber der Lebensfreude, sondern genau das Gegenteil, Wegweiser in die Freiheit, Wegweiser zu einem geglückten, heilen Leben sind. Hätte man sich in der Vermittlung und Verkündigung dieser Gebote mehr um den biblischen Zusammenhang bemüht, hätte es nicht zu einer solchen Verbiegung dieser Wegweiser kommen können.

Im Buch Exodus des Alten Testamentes können wir es nachlesen: Gott sieht die Not der Hebräer, er hört ihr lautes Klagegeschrei gegen ihre Unterdrücker, er sieht ihr Leid und beginnt sein Werk der Befreiung. Er führt sie heraus aus dieser Knechtschaft in die Freiheit. Aber dieser Weg in die Freiheit, in das Gelobte Land, in dem das Leben ganz anders sein soll als unter der Knechtschaft des Pharao, führt zuerst durch die Wüste, wo jene innere Wandlung geschehen soll, dass diese Moseschar auch wirklich in die Freiheit findet, zur Freiheit gelangt. Zwischen der Knechtschaft unter dem Pharao und der Freiheit im Gelobten Land liegt ein langer Weg der Läuterung, eine lange Zeit der Einübung in diese Freiheit. Dazu gibt ihnen Gott auf diesem Weg seine Gebote, die ihnen sagen wollen, wie sie leben sollen, damit sie die Knechtschaft nicht ins Gelobte Land mitnehmen oder dort in neue Formen der Knechtschaft zurückfallen. Er gibt ihnen Regeln, die ihre Grundwerte und damit sie selber schützen sollen. Er gibt ihnen auch Regeln, damit sie ihr Leben in Gott festmachen können. Er gibt ihnen eine neue Lebensordnung. Wenn daraus Regeln gemacht worden sind, dass hinter jeder einzelnen der erhobene Zeigefinger drohend zu sehen ist, dann sind diese Wegweiser in die Freiheit zu bloßen und unerbittlichen Gesetzen verkommen.

 Wo Menschen einander belügen und betrügen, das Eigentum wegnehmen und Gewalt antun, hartherzig zueinander sind und treulos, dort ist kein Leben in Heil und Freiheit möglich. Wo diese Werte nicht geschützt werden, keine Gültigkeit haben, können Menschen nicht glücklich sein. Und Gott will das Heil, das Glück, die Freiheit des Menschen. Und deshalb gibt er ihnen Regeln, die dieses Heil ermöglichen, Richtlinien zu einem guten, glücklichen Leben, Wegweisungen in die Freiheit. Lügen, Stehlen, Untreue, Gewalt sind nicht deshalb Sünde, weil Gott all das verboten hat. Gott hat davor gewarnt, weil sie das Heil, den Frieden, das Glück, das Leben und letztlich den Menschen selbst zerstören. Das ist nichts dasselbe, die Richtung der Argumentation hat sich umgekehrt. Gott will nicht, dass Menschen ihr Eigentum weggenommen wird, deshalb sagt er ihnen „du sollst nicht stehlen“. Gott will nicht, dass Menschen Gewalt erleiden, deshalb sagt er ihnen, „du sollst nicht töten“. Gott will nicht, dass Menschen einander Mann oder Frau wegnehmen, deshalb sagt er zu ihnen „du sollst nicht ehebrechen“. Gott will nicht das Unheil der Menschen, sondern ihr Heil. Deshalb sagt er ihnen, wie sie miteinander „umgehen“ sollen, damit sie ein heiles Leben haben und einander ermöglichen.

Durch eine solche Sichtweise werden Gottes Gebote in ihrer Bedeutung nicht im geringsten relativiert, im Gegenteil, sie bekommen dadurch erst ihre tiefste existentielle Gültigkeit und Notwendigkeit. Wenn man in traditioneller Katechese die Ernsthaftigkeit jedes Gebotes mit der Straße Gottes konditionieren musste, ist dadurch der eigentliche positive Grund dieser Gebote verdeckt worden. Gott hat nicht willkürlich Verbote erlassen, um die sein Volk an der Kandare zu halten. Er hätte in seiner Liebe und Zuwendung zum Menschen gar keine anderen Gebote aufstellen können, weil er das Glück, das Heil des Menschen will, schon in diesem Leben, auch wenn es hier noch keine Vollendung finden kann. Eine solche Sicht der Gebote verlangt auch eine korrigierte Sicht der „Strafe Gottes“. Wo Menschen Gottes Gebote bzw. Wegweisungen missachten, die Schutzregeln menschlicher Grundwerte nicht einhalten, geht Heil verloren, breitet sich Unheil aus. Was in traditionalistischer Verkündigung strenge Glaubenswächter mit Strafe Gottes meinen, entspringt dem fehlenden Vertrauen, dass seine Regeln so treffsicher sind, dass ihre Missachtung sich in unheilvollen Konsequenzen gleichsam selber straft.  Seine Gebote schützen, sie sind wie Leitplanken auf den Wegen und Straßen unseres Lebens. Sie wollen verhindern, dass wir im Straßengraben landen oder in den Abgrund stürzen, der sich neben der Straße auftut. Wer diese Leitplanken ignoriert, stürzt ab in die Tiefe. Aber nicht weil Gott ihn zur Strafe in die Tiefe stößt, sondern weil er die schützenden Leitplanken nicht beachtet, nicht angenommen hat.

 Ehe Gott der Moseschar die einzelnen Gebote gibt, stellt er sich vor als ein Befreier-Gott: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ (Ex 20,2) Die Gebote kommen nicht von irgendjemandem, sondern von ihm, der sie aus der Sklaverei herausgeführt hat. Daran sollen sie erinnert werden. Wenn sie das wissen und glauben, dann werden sie auch seinen Geboten trauen. Und tatsächlich könnte man jedes „du sollst nicht“ auch übersetzen mit „du wirst nicht“. Damit ist die Zielrichtung seiner Gebote unmissverständlich die Freiheit. Dieser Vorspann zu den einzelnen Geboten gibt diesen wie die Vorzeichen einer Melodie die richtige Tonart. Diese Präambel ist unverzichtbar für das Verständnis der Zehn Gebote und ist mit ganz tiefgehenden existentiellen Erfahrungen dieser Menschen verbunden. Wie war das doch am Schilfmeer? Vor ihnen das Meer und hinter ihnen die Streitmacht des Pharao. Da ist nach menschlichem Ermessen alles aus. Aber Gott hat sie auf wunderbare Weise aus dieser ausweglosen Situation gerettet. Wie war das doch, als ihnen in der Wüste das Wasser ausging? Ohne Wasser sind in der Wüste die Stunden gezählt. Gott hat Wasser aus einem Felsen fließen lassen. Wie war das doch, als sie nichts mehr zu essen hatten und der Weg zu Ende schien? Gott hat Brot vom Himmel regnen lassen. Wie war das doch, als mitten in der Wüste der Weg nicht mehr auszumachen war? Der Herr ist ihnen am Tag in einer Wolkensäule und in der Nacht in einer Feuersäule vorausgegangen. Dieses befreiende Handeln Gottes gibt seinen Wegweisungen eine Glaubwürdigkeit, wie sie Menschen nie geben könnten. Und diese Wegweisungen sind in ihrer Richtung unmissverständlich: Sie führen in die Freiheit, nicht in eine billige und bequeme Freiheit, sondern in eine Freiheit, die immer auch eine Herausforderung ist. Wie wird das sein, wenn sie dann endlich in das von Gott verheißene Land kommen? Dafür haben sie diese Wegweisungen bekommen, die ihnen sagen, wie sie leben sollen, damit sie diese von Gott geschenkt Freiheit nicht wieder verlieren. Gott erfüllt seine Verheißung. Die Israeliten kommen in das Land, das „von Milch und Honig fließt“. Für Menschen, die aus der Entbehrung der Wüste kommen, die unglaubliche Erfüllung einer unglaublichen Verheißung. Diese Erzählung von der Befreiung aus der Unterdrückung hat die Erfahrung und das Gottesbild Israels geprägt, sie spiegelt die Hoffnung der Menschen aller Zeiten wider.

Wenn man die Zehn Gebote in diesem biblischen Zusammenhang sieht und versteht und sie nicht in einem legalistischen Eifer davon löst, dann sind sie keine Last, kein Joch, das unweigerlich Gottes Strafe nach sich zieht, wenn man es abstreifen möchte. Sie sind kein unliebsames Gängelband, kein engmaschiges Netz, in dem man sich verstrickt, keine einengenden Vorschriften, keine die Lebensfreude niederdrückenden Steine, sondern Weisungen zu einem gelingenden, heilen Leben. Wer danach lebt, bringt Heil und findet Heil.

 

© Josef Gredler