Josef Gredler

Wenn wir in einem Loch sitzen und nicht herauskommen

 

    Getragen von einer guten geistlichen Strömung versuchen wir, von Gottes Verheißung zu leben, in Verbundenheit mit ihm unser Tagewerk zu verrichten. Da geschieht unerwartet etwas, das uns zutiefst trifft, ärgert, kränkt, verletzt und uns völlig aus dem inneren Gleichgewicht bringt, in dem wir uns eben noch befunden haben. Da hat jemand etwas gesagt oder getan, das sich immer tiefer in unser Inwendiges hineingräbt, sodass wir schließlich in einem Loch sitzen, aus dem wir nicht mehr herauskommen. Wir können uns von den Gedanken, die unablässig um diese Kränkung und Verletzung kreisen, nicht mehr befreien, sie lassen uns nicht mehr los, sie halten uns gleichsam fest, wir selber sitzen fest. In diesem Loch ist unser Blickwinkel völlig eingeschränkt. Wir starren nur auf die dunkle Wand in unserem Loch, auf die wir unsere Enttäuschung projizieren. Dabei wäre das, was wirklich passiert ist, wenn man es vernünftig bedenken würde, ja gar nicht so viele dunkle Gedanken und Gefühle wert.  Aber Wirklichkeit und Betroffenheit sind in diesem dunklen Loch nicht mehr klar zu unterscheiden. Wohin sind denn all die positiven Gedanken, die uns eben noch erfüllt und geleitet  haben, entschwunden? Eben war doch noch alles noch in Ordnung, im Gleichgewicht. Wir sehen zwar, dass über dem Loch heller Tag ist, aber sein Licht erreicht uns nicht mehr. Eben noch haben wir eine solche Situation nicht für möglich gehalten. Wir wussten uns doch in Gottes Hand. Hat er uns fallen lassen? Wir glaubten doch, ihm nahe zu sein. Wo ist er jetzt? Solche „Locherfahrungen“ gibt es tatsächlich. Alles, was wir uns vorgenommen haben, und wovon wir eben noch hoffend, glaubend, vertrauend, betend erfüllt waren, hat sich verflüchtigt, ist nicht mehr da. Warum hat uns Gott, der uns eben noch spürbar nahe zu sein schien, in dieses Loch fallen lassen, in dem all unsere guten Vorsätze über uns und in sich zusammenbrechen? Wir beginnen, mit Gott zu hadern... Da steht doch eine Leiter, die nach oben führt. Wir sehen sie (zuerst) gar nicht, um über sie dem Loch zu entkommen. Wir ergreifen sie nicht, unsere schweren Beine wollen ihre Füße nicht auf die Sprossen setzen, um nach oben zu steigen. Aber, wo kommt denn diese Leiter her? Wer hat diese Leiter in das Loch gestellt, in dem wir festsitzen?

 

© Josef Gredler