Josef Gredler

Gott ist wie der „Barmherzige Vater“

 

Jesus hat seine Botschaft vom Reich Gottes nicht so sehr gelehrt als viel mehr in Gleichnissen erzählt. Viele dieser gleichnishaften Erzählungen sind weit über die Grenzen der christlichen Kirchen bzw. Religionen hinaus bekannt. Eine von ihnen ist in die Weltliteratur eingegangen: das „Gleichnis vom barmherzigen Vater“. In dieser Erzählung aus dem Lukasevangelium (Lk 15,11-32) zeichnet bzw. malt Jesus mit Worten ein emotional zutiefst berührendes, bewegendes, zu Herzen gehendes Bild von Gott. Die ganz großen Fragen wie „Wer ist dieser Gott? Was dürfen wir von ihm glauben? Wie steht er zu uns? Was haben wir von ihm zu erwarten?“ bekommen in diesem Gleichnis von Jesus eine authentische Antwort. Er, den wir den Sohn Gottes nennen, sagt uns, wer bzw. wie Gott ist. Und dazu erzählt Jesus seinen Zuhörern und allen, die diese Botschaft erreicht, das Gleichnis von einem Vater. Um diese Erzählung von damals in ihrer Bedeutung auch für die Menschen von heute nicht zu beschneiden, darf man sie nicht bloß auf einen Vater fixieren, sondern muss es auch am Bild einer Mutter festmachen. Das Gleichnis ist in seiner alle menschlichen Erwartungen übersteigenden Wahrheit weder patriarchalisch noch matriarchalisch zu verstehen:   

Einer der beiden Söhne, der jüngere, der wie sein älterer Bruder daheim ganz in der Liebe seines Vaters lebt, ein gutes und glückliches Zuhause hat, will unter dieses Leben einen Schlussstrich machen. Er hat genug und entscheidet sich für eine ganz große Zäsur  in seinem Leben: Er will das Erbe, das ihm zusteht, und dann nichts wie weg. Dem Vater reißt es fast das Herz aus dem Leib, aber er fügt sich in die Entscheidung seines Sohnes, gibt diesem sein ganzes Erbe, das er einmal bekommen sollte, jetzt schon. Die Liebe seines Vaters hinter sich lassend, dem Vater im wahrsten Sinn des Wortes den Rücken kehrend und damit aus den Augen verloren zieht der Sohn weit weg, dorthin, wo vom Vater keine Spur mehr ist. Der Vater schaut ihm mit großem Schmerz nach, aber er hindert ihn nicht daran, hält ihn nicht mit väterlicher Autorität und Macht zurück. Er lässt den Sohn ziehen, so schwer ihm das auch fällt. Er tastet die Freiheit seines Sohnes nicht an, auch wenn sie sich gegen ihn, den Vater richtet.

In einem zügellosen Leben in Saus und Braus verschleudert der Sohn „in der Fremde“ das ganze Erbe, das er vom Vater bekommen hat, bis alles durchgebracht ist. Die Freunde aus den verschwenderischen Tagen sind alle dahin. Der Rausch des Überflusses hat sich nun in bittere existentielle Not gewandelt. Diese zwingt ihn schließlich zum Schweinehüten. Tiefer kann man nicht mehr stürzen. Sogar den Schweinen, unreinen Tieren, geht es besser als ihm. Gern hätte er aus ihrem Futtertrog gegessen, aber er darf nicht. Er ist schlimmer dran als die unreinen Schweine.  Der tiefste Absturz menschlichen Lebens, den man sich vorstellen kann. 

„Auf das Schwein gekommen“ oder, wie wir es ausdrücken würden, „auf den Hund gekommen“ steigen Bilder längst vergangener Tage in ihm wieder auf: zu Hause, der Vater, er als sein geliebter Sohn… Wie gut er es doch hatte daheim beim Vater! Und er beginnt nachzudenken bzw. „geht in sich“, wie es in der Einheitsübersetzung heißt. Wenn er das hier mit dem vergleicht, was zu Hause war, wie konnte er nur? Im äußersten Winkel seiner Erinnerung ist da noch, zwar verblasst, das Bild eines liebenden Vaters. Vielleicht würde er ihn als Knecht auf seinem Gut arbeiten lassen. Sein Entschluss ist gefasst: „Ich werde nach Hause gehen und meinem Vater sagen, wie leid mir das alles tut.“ Er soll ihn nur als Knecht anstellen. Und tatsächlich, am nächsten Tag bricht er auf und macht sich auf den langen Weg zurück nach Hause. Unterwegs stellt er sich immer wieder die Begegnung mit dem Vater vor. Immer wieder sagt er sich vor, was er sagen würde. Da taucht nach Tagen in der Ferne das Haus auf, in dem er einst ein geliebter Sohn war. Wer läuft ihm da entgegen? Da muss ihn jemand gesehen haben. Es ist der Vater! Dann stehen sich die beiden gegenüber. Schon möchte sich der Sohn auf den Boden werfen und den Vater um Vergebung bitten, wie er sich das unterwegs andauernd vorgesagt hatte, aber da fängt ihn der Vater auf. Seine Arme halten ihn fest. Endlich kann er sagen, was er sich vorgenommen hat. Innig umklammern ihn die Arme des Vaters. Der Vater küsst ihn. Dann schickt er seine Knechte, um neue Kleider und neue Schuhe für seinen Sohn zu holen. Er steckt ihm einen Ring an den Finger. Der Sohn weiß nicht, wie ihm geschieht. Was hier geschieht, hätte er nicht zu träumen gewagt, übersteigt all seine Vorstellungen. Der Vater, außer sich vor Freude, ruft alle zusammen und gibt ein großes Fest für seinen Sohn, der verloren war und den er nun wieder hat.

Eine zu Herzen gehende Erzählung von Gottes verzeihender Liebe, die Christen eigentlich ermutigen müsste, Gottes Vergebung zu suchen. Tatsächlich aber ist es diesem Gleichnis nicht gelungen, die kirchliche Versöhnungspraxis zu durchdringen. Vielmehr wurde das Sakrament der Versöhnung von der Lehre bestimmt. Interessant ist, dass der Vater in diesem Gleichnis keine Bedingungen für sein Verzeihen stellt, was aber nicht bedeutet, dass hier Vergebung gleichsam zur billigen Okkasion wird. Der Weg des Sohnes zurück zum Vater war kein billiger Weg. Einsicht in das schuldhafte Versagen und Umkehr in Reue sind in diesem Gleichnis aber nicht vom Vater gestellte Bedingungen, sondern existentielle Voraussetzung dafür, dass Versöhnung überhaupt möglich ist. Sie sind in den Prozess der Vergebung und Versöhnung impliziert, gehören wesentlich zum versöhnenden Geschehen. Ohne Einsicht und Läuterung wäre der Sohn nie umgekehrt und der Vater hätte keine Vergebung schenken können, weil niemand da gewesen wäre, sie anzunehmen. Zur Versöhnung, die ein kommunikatives Geschehen ist, gehören immer zwei: jemand, der Vergebung schenkt, und jemand, der Vergebung annimmt. In diesem Gleichnis wird Schuld in keiner Weise bagatellisiert, im Gegenteil. Der Sohn wäre bei den Schweinen zugrunde gegangen, wenn er nicht umgekehrt wäre. Aber im Schnittpunkt von menschlicher Schuld (des Sohnes) und göttlichem Verzeihen (des Vaters) steht in diesem Gleichnis nicht Jurisdiktion, sondern Liebe. Und diese Jurisdiktion, deren Schatten die Liebe Gottes zudecken, ist wohl das größte Defizit in unserer traditionellen kirchlichen Bußpraxis (gewesen). Über die Bedingungen zum Empfang des Bußsakramentes wurden ja die Pönitenten mit großem Nachdruck instruiert, was sie alles tun müssen, um Gottes Vergebung zu erlangen: besinnen, bereuen, bekennen… Es macht jedoch einen großen Unterschied, ob Einsicht und Reue Bedingungen sind, von deren Erfüllung Gott seine Vergebung abhängig macht, oder ob Einsicht und Reue die Umkehr des Menschen konstituieren und so zu Gott zurück führen, damit er dessen vergebende Liebe erfahren und annehmen kann. Der traditionellen kirchlichen Bußpraxis würde im Gleichnis ein Vater entsprechen, der den Sohn ganz bewusst in die Knie gehen lässt. Um ihn dann mahnend zu fragen, ob er seine Schuld auch einsehe und wirklich bereue, und schließlich dem Sohn noch ein formales Bekenntnis seiner Schuld abzuverlangen. Aber genau das hat der barmherzige Vater nicht getan. Die Freude des Vaters über den „verloren“ geglaubten Sohn gehört ganz wesentlich zu diesem Gleichnis, aber diese Freude ist in der sakramentalen Sündenvergebung durch die Kirche überhaupt „abhanden“ gekommen. Dieses Gleichnis vom „Barmherzigen Vater“ hat kein Geringerer erzählt als der Jesus der Heiligen Schrift, von dem wir Christen glauben, dass Gott in ihm Mensch geworden ist und sich in ihm uns geoffenbart hat.

 

© Josef Gredler