Josef Gredler

Das Herz Jesu – Vision und Realität

(Gedanken zum Herz-Jesu-Sonntag)

 

Es gibt unzählige Herz-Jesu-Darstellungen. In manchen hält Jesus sein eigenes Herz in der Hand, in anderen ist es in etwa dort abgebildet, wo das tatsächliche Herz des Jesus von Nazaret geschlagen hat. Fast immer ist das Herz Jesu von einer Dornenkrone umgeben und ein Kreuz  ist gleichsam aus diesem Herzen gewachsen. Manchmal lodert eine Feuerflamme aus dem Herzen, manchmal schwebt das Herz selber ganz im Feuer Diese Herz-Jesu-Darstellungen haben ihren Ursprung in mystischen Visionen. Maler haben die Beschreibungen solcher Visionen ins Bild gebracht. In vielen Kirchen finden wir solche Herz-Jesu-Darstellungen, die auch auf Gebetsfoldern oder einfachen Gebetsbildchen abgebildet sind. Allen Abbildungen gemeinsam ist, dass sie nicht unserer heutigen Zeit entstammen, nicht mit unseren heutigen Vorstellungen und Denkkategorien übereinstimmen. Ebenso ist es mit den verschiedenen Herz-Jesu-Liedern, die nicht unserer heutigen Sprache entsprechen. Mit anderen Worten: Viele tun sich schwer mit diesen Bildern und Liedern, sie sind Vielen keine spirituellen Impulse mehr. Was einmal religiöse Anregung zu frommer Hinwendung sein sollte, ist heute Vielen ei Hindernis, um einen spirituellen Zugang zu dem zu finden, was alles unter „Herz Jesus“ gemeint ist. Wir hängen vielleicht zu sehr an der Abbildung, an den sprachlichen Bildern und können das nicht mehr freilegen, was diese Bilder denn wirklich ausdrücken sollen. Und so ist die Herz-Jesu-Verehrung bei vielen aufgeschlossenen, durchaus frommen Christen in ein Schattendasein abgedriftet oder überhaupt verloren gegangen.  Es sei denn, dass wir wie ein Restaurator unter der Patina der Zeit das freilegen, was abstrahiert von der zeitlichen Ausdrucksform bleibend und gültig gemeint ist.

Dabei verwenden wir auch heute noch zahlreiche „herzliche“ Bilder. Wenn wir von jemandem sagen, dass er „ein gutes Herz hat“, dann meinen wir nicht die physische Konstitution eines Organs. Wir meinen zutiefst den ganzen Menschen, die Tiefe oder das Inwendigste der Person, für das uns das Herz als treffender Ausdruck erscheint.  Wenn wir jemandem von „ganzem Herzen“ etwas wünschen, dann kommt dieser Wunsch ganz aus unserer Tiefe und Mitte. Wenn wir jemandem unser „Herz schenken“, brauchen wir dazu keinen Transplantationschirurgen. Wenn wir unser „Herz verlieren“ an jemandem, hilft uns kein Fundbüro, auch der Hl. Antonius ist in diesem Fall nicht die zuständige überirdische Instanz. „Herzliche Grüße“ haben mit dem lebenswichtigen Organ gar nichts zu tun. „Sich ein Herz fassen“ geschieht nicht im OP-Raum einer Klinik. Wenn etwas „Kopf, Herz und Hand“ hat, ist das keine anatomische Aufzählung. Wenn uns etwas besonders „am Herzen liegt“, ist dieser Druck nicht in Kilogramm zu messen. Und so hat das Herz Jesu nichts mit frömmelnder Anatomie zu tun, sondern meint das Inwendigste und Tiefste dieses Jesus von Nazaret, an den Christen als den Sohn Gottes glauben. Wir meinen die Mitte seiner Person, das, was alles Leben, Leiden und Sterben überdauert hat und auch eingegangen ist in Auferstehung und Erhöhung. Mit anderen Worten: Dieser Jesus verschenkt sein „Herz“ heute noch an jeden, der es annimmt, er hat sein „Herz“ heute noch an uns verloren. Und er will nichts sehnlicher, als dass wir ihm unser „Herz öffnen“, ihn von „ganzem Herzen“ lieben. Und weil er sein Herz für alle geöffnet hat, sollen wir auch unsere Mitmenschen lieben, ein „Herz haben“ für sie. Und wenn wir glauben, das dieser Jesus in seiner Liebe das Kreuz auf sich genommen hat, um daran für uns zu sterben, dann wissen wir, dass Gott wesenhaft Liebe ist.

Heute würde eine Herz-Jesu-Verehrung sich in ganz anderen Bildern und Worten artikulieren. Und wahrscheinlich würden spätere Generationen mit diesen Bildern ähnliche Schwierigkeiten haben wie wir mit den traditionellen Herz-Jesu-Bildern und Herz-Jesu-Liedern. Dessen eingedenk ist es durchaus möglich, diese alten Bilder heute noch glauben, hoffend, liebend zu betrachten und diese alten Lieder „von ganzem Herzen“ zu singen. Aber wir dürfen das Bild nicht mit der Wahrheit hinter dem Bild, und die Melodie mit den unterlegten Worten  nicht mit der  wirklichen Melodie Gottes verwechseln. Und wir sollen auch neue, unsere Herz-Jesu-Bilder malen und betrachten, unsere Herz-Jesu-Melodien mit unseren Herz-Jesu-Texten  singen - lobend, dankend, bittend.

 

© Josef Gredler