Josef Gredler

Von Gottes unbegreiflicher Barmherzigkeit

 

Welche Zerrbilder von Gott haben die Menschen nicht schon an die Wände der Geschichte gemalt. Eines der entstellendsten Zerrbilder ist jenes, das Gott als strengen, strafenden Richter  darstellt, der unbarmherzig darüber wacht, ob der Mensch wohl alle Vorschriften und Gebote einhält. Und seinem strengen Blick entgeht kein Versagen. Kirchliche Amts- und Würdenträger waren da oft Pinsel führend bei der Entstehung solcher Gottesbilder. Wie viel Angst, Leid und Not ist über Menschen gekommen, weil sie unter der drückenden Last eines solchen Gottesbildes leben mussten? Von klein auf wurde ihnen das Bild eines solchen Gottes eingeprägt, konnten sie ihres Lebens, ihres Glaubens nie froh werden, sind in ihrer ausweglosen Angst zu Kreuze gekrochen, haben Gott nie wirklich kennen gelernt, nie lieben können. Man kann niemand lieben, vor dem man Angst hat. So war ein solches Gottesbild ein unüberwindbares Hindernis dafür geworden, Gott „aus seinem ganzen Herzen lieben“ zu können. Ein solches Angst machendes Gottesbild hat unzählige Menschen an der Erfüllung dieses größten Gebotes gehindert.

Papst Franziskus hat von der Loggia des Petersdomes die wartende Menge und damit über die Medien alle Menschen, die es hören wollten, wissen lassen, dass da einer seiner Kardinäle ein Buch geschrieben hat, das ihm eine große innere Bereicherung war. Er nannte vor laufender Kamera in vornehmer Zurückhaltung den Namen des Kardinals nicht, auch nicht den Titel des Buches, um sich nicht dem Vorwurf unlauterer kommerzieller Werbung auszusetzen, wie er lächelnd begründete. Der Kardinal heißt Walter Kasper, der Titel seines Buches heißt schlicht „Barmherzigkeit“, erschienen 2012 im Verlag Herder. Dieses Buch, so der Papst, sei für ihn Weg weisend im Glauben. Tatsächlich zeichnet Kardinal Walter Kasper in diesem Buch ein Bild von Gott, dessen Konturen und Farben ganz der Heiligen Schrift des Alten und des Neuen Testamentes entnommen sind. Auf diesen Gott sich einzulassen, sich in diesem Gott festzumachen, führt nicht in die Angst, sondern in die Freiheit der Kinder Gottes.  

An dieser Stelle sei auch auf den Beitrag „Traditionalistische Glaubenswächter als Hardliner“ in „Besondere Themen“ dieser Homepage verwiesen. Wenn man einen solch strengen Glaubenswächter angesichts seiner restriktiven Aussagen bezüglich Wahrheit der Lehre auf die Liebe Gottes verweist, bekommt man meist zu hören „ja schon, aber Gott ist auch gerecht“. Unter Berufung auf Gottes Gerechtigkeit rechtfertigen bzw. begründen sie ihre kompromisslosen Forderungen zur Wahrheit des Glaubens. „Gott ist die Liebe, aber er ist auch gerecht.“ Mit diesem Aber, einem entgegenstellenden Bindewort, verraten sich solche Hardliner letztlich selber. Offensichtlich sehen sie in der Gerechtigkeit Gottes ein notwendiges ausgleichendes Gegenwicht zur Liebe Gottes. Ein Gott, der ganz Liebe ist, das kann nicht sein!

Kardinal Walter Kasper schreibt in seinem Buch, auf das der Papst sichtlich berührt verweist: „Die Barmherzigkeit… Gottes… widerspricht der Gerechtigkeit nicht“ (S. 61). Der Satz oben müsste daher richtig heißen „Gott ist die Liebe und er ist gerecht.“ Gott ist in seiner Liebe gerecht. Gott ist gerecht in seiner Liebe Bloß menschliche Logik sieht einen Gegensatz zwischen Liebe und Gerechtigkeit, bei Gott „ist Barmherzigkeit die vollkommenste Verwirklichung der Gerechtigkeit“ (Barmherzigkeit, Walter Kasper, S. 76) und „Gottes Gerechtigkeit ist seine Barmherzigkeit und seine Barmherzigkeit ist seine Gerechtigkeit“ (S. 84). „Die Souveränität Gottes zeigt sich vor allem im Vergeben und Verzeihen“ (S. 58). Es ist immer schwierig, Zitate aus dem großen Zusammenhang zu reißen und dennoch ins rechte Licht zu rücken. Wer das ganze Buch liest, wird feststellen, dass Walter Kasper Gottes Liebe und Barmherzigkeit nicht als billige Gnade darstellt, die ganz zwangsläufig dazu führt, dass sowieso alle erlöst werden, egal wie sie leben. Er zeichnet nicht das Bild eines göttlichen Weichmachers, sodass jeder tun kann, was er will, denn Gott liebt ja sowieso alle, Gott verzeiht alles… Kardinal Kasper stellt unmissverständlich klar, es „steht die Barmherzigkeit Gottes nicht gegen die Botschaft von der Gerechtigkeit“ (S. 61) und umgekehrt. Die Barmherzigkeit Gottes durch seine Gerechtigkeit zügeln zu wollen, ist das Werk liebloser Glaubenswächter, tatsächlich ist „die Barmherzigkeit Ausdruck seines göttlichen Wesens“ (S. 58).

Die strengen Wahrheits- und Gesetzeshüter seien an Joh 8,2-11 erinnert: Die kompromisslosen Schriftgelehrten und Pharisäer bringen eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war, zu Jesus und wollen sie steinigen. Sie berufen sich dabei auf das Gesetz des Mose und wollen Jesus damit in die Enge treiben. Und tatsächlich stünde dieses Gesetz auf ihrer Seite. Jesus bagatellisiert den Ehebruch nicht, aber er kann lieben und daher vergeben. Es muss den Ehebruch nicht zuerst klein machen, um ihn dann vergeben zu können. Er vergibt ihn in der ganzen Dimension seiner Schuld. Er entlässt die Frau mit der Chance und Aufforderung zu einem Neubeginn: Geh und sündige nicht mehr! Ganz anders die strengen Hüter von Wahrheit und Gesetz. In ihrer Lieblosigkeit, Hartherzigkeit und Selbstgerechtigkeit können sie nicht vergeben, sind sie unversöhnlich. Sie wollen an der Frau steinerne Gerechtigkeit vollziehen.

 

© Josef Gredler