Josef Gredler

Tausend Jahre alte Gesänge in einer tausend Jahre alten Kirche

 

Wir haben Siena von Florenz kommend umfahren, im Rückspiegel sehen wir noch die Silhouette der Stadt. Die Hügel des Chianti liegen hinter uns und wir wählen einen kleinen Umweg durch die fast mystisch anmutende Landschaft der Crete mit ihren kargen Lehmhügeln und fahren dann in das weite, offene Val d’Orcia. Da taucht vor uns, noch in der Ferne, im ersten Licht der morgendlichen Sonne Montalcino auf, dessen Häuser sich auf einem Hügel dicht zusammendrängen. Unser Ziel liegt aber noch ein paar Kilometer weiter im Süden, dessen Horizontlinie vom Monte Amiata überragt wird. Nach jeder Kurve tut sich ein neuer Blick auf in die Bilderbuchlandschaft vor uns. Nach einer letzten weiten Rechtskurve der Via Cassia erscheint plötzlich im offenen, lichten Feld im Tal des Starcia in majestätischer Würde die tausend Jahre alte romanische Kirche der Abtei Sant’Antimo.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       Apsis und Turm der nach Osten ausgerichteten, dem Sonnenaufgang zugewandten Kirche stehen schon im Licht der noch tief stehenden Morgensonne. Wir lassen das Auto in respektvollem Abstand auf dem Parkplatz stehen. Keine Menschenseele ist zu sehen, nichts und niemand stört die vollkommene Stille des beginnenden Tages. Ehrfürchtig nähere ich mich an Olivenbäumen vorbei und über verdorrtes Gras, das sich in der Glut und Trockenheit des Hochsommers braun gefärbt hat, der Kirche. Mein Blick wird zuerst vom Turm angezogen, der wie vier mächtige übereinander gestapelte Steinquader in den Himmel ragt und dann mit seinem Flachdach abrupt aufhört, als fehlte ihm der krönende Abschluss.  Wenn man genauer hinschaut, kann man vom Süden her auf dem Flachdach eine kleine Steinmauer erkennen, an der zwei Glocken eingehängt sind. Diese Glocken  geben im wahrsten Sinn des Wortes den Ton an in Sant’Antimo. Dem Turm zur Seite steht wie eine ungleiche Schwester eine schlanke hoch gewachsene Zypresse, die aber ihrem Bruder nur bis zur letzten Lichtöffnung reicht. Langsamen Schrittes gehe ich auf das Portal an der Westseite der Kirche zu, die noch im kühlenden Schatten liegt, bleibe immer wieder stehen und schaue nach allen Seiten, aufmerksam die Umgebung dieser Kirche einzufangen.  Ein paar Tauben suchen flatternd Zuflucht in den Maueröffnungen und Rast auf den Fensterbänken.

Ehe ich durch das Portal die Kirche betrete, halte ich nochmals kurz inne, will nicht gedankenlos durch das Tor gehen, das schon seit sechs Uhr früh geöffnet ist. Es ist heiliger Boden, wo wir stehen, und seine Heiligkeit berührt mich angesichts des hohen Alters der Kirche –  ihre Anfänge liegen über tausend Jahre zurück –  und ihrer bewegten Geschichte noch tiefer. Dann trete ich durch das bereits geöffnete Tor ein, muss zuerst noch drei Stufen abwärts steigen und bleibe, vom Eindruck des Inwendigen dieser Kirche zutiefst ergriffen, einfach stehen. Nur staunen, atmen, schauen, fühlen, sogar hören –  hinein in die Stille. Noch nie hat mich eine Kirche ihre Bestimmung auf solche Weise spüren lassen. Romanische Kargheit prägt auch das Innere der Kirche, die allem Banalen und bloß Diesseitigen entrückt scheint. Noch immer ganz hinten am Eingang stehend  überbrücken meine Augen das lange Mittelschiff  und werden vom Altarraum angezogen, der ganz im Licht der Morgensonne steht, die auf das hoch aufragende, achthundert Jahre alte Kreuz aus Holz hinweist, das nicht die geometrische, aber die wahre Mitte dieser Kirche ist. Mir scheint, als sei nicht zuerst die Kirche gewesen, in der man dann ein Kreuz errichtet hat. Es muss umgekehrt gewesen sein, zuerst das Kreuz und um das Kreuz herum ist mit Steinen aus hellem Travertin und Alabaster der Umgebung die Kirche erbaut worden –  eine Kirche für das Kreuz, nicht ein Kreuz für die Kirche. Wäre das Kreuz nicht, hätten diese Steine trotz aller gestaltenden Kraft und Vision ihrer Baumeister keine Bestimmung.

Im Mittelgang gehe ich zwischen den Bänken für das Volk und dem Chorgestühl für die Mönche langsamen Schrittes, wie es diesem Ort angemessen ist, nach vor bis zu einer Stufe, die den Altarraum erhöht, drei weitere freie Stufen weiter hinten führen von allen vier Seiten hinauf zum Altar, hinter dem dieses Kreuz steht. Diese Stufen formen sich gleichsam zum Golgotha für dieses Kreuz. Wer immer sich diesem Altar nähert, davorsteht, der muss wissen, wen er da vor sich hat: diesen Gekreuzigten, der aber bei näherem Hinschauen nicht mehr die Züge des Leidenden trägt. Jetzt erst drehe ich mich um und sehe, dass dieser Kirche das für romanische Kirchen so typische Querschiff fehlt. Alles ist ohne Unterbrechung und Ablenkung auf dieses Kreuz im Altarraum ausgerichtet. Das an die zwanzig Meter hohe Mittelschiff ist von zwei Seitenschiffen gesäumt. Dazwischen mächtig aufragende Säulen, die sich um das Kreuz herum im Altarraum fortsetzen, die Last des Überbaus tragend. Immer wieder lenkt das Innere der Kirche meinen Blick nach oben, über die Begrenzung dieser Welt hinausweisend. Ich beginne die Säulen zu zählen, es sind vierundzwanzig, zwölf Säulen tragen das Mittelschiff und zwölf weitere Säulen den Altarraum. Wer die architektonischen Gepflogenheiten der Baumeister der alten Kirchen, Kathedralen und Dome kennt, der weiß, dass diese Zahl Vierundzwanzig, zweimal Zwölf, nicht bloß statische Gründe hat. Diese Säulen markieren gleichsam einen Pilgerweg im Inneren der Kirche. Pilger, die seit mehr als tausend Jahren flehend, dankend, Rast, Hilfe, Rettung, Schutz und Zuflucht suchend hierherkommen, konnten den Säulen entlang in den Seitenschiffen und im Chorumgang ihren Pilgerweg im Inneren der Kirche fortsetzen. Das Kreuz steht ganz im Licht. Die ganze Kirche ist vom Licht erhellt, das durch zweiundvierzig Fensteröffnungen in sie eindringt, wo es gleichsam verwandelt, angereichert mit dem Hauch des Ewigen wird, um sich wieder zu verströmen, hin zu den Menschen, hinaus in die Welt. Diese Kirche steht nicht zufällig an dieser Stelle. Die alten Baumeister wussten um die geheimnisvollen Kräfte, die von manchen Orten ausgehen. Unzählige Menschen vor mir waren, so wie ich jetzt, überzeugt, diese Kräfte zu spüren. Fast zwei Stunden verweile ich im beschaulichen Betrachten. Je länger ich das Innere der Kirche betrachte, umso mehr beginne ich, auch in mich hineinzuschauen.

Es ist bald neun, durch das Südportal kommen fünf Mönche. Es ist Zeit für die Terz, das Stundengebet in der Mitte des Vormittages. Sie nehmen in den Chorstühlen zu beiden Seiten im Altarraum Platz. Noch ist es ganz still. Niemand ist da, nur die fünf Ordensmänner im Chorgestühl des Altarraumes, meine Frau und ich ganz allein in der ersten Bank. Da stimmen die Mönche, eigentlich Chorherren, ihre gregorianischen Choräle an, die das Innere dieser romanischen Kirche so erfüllen, als würden sie die Grenzen von Raum und Zeit überschreiten. Die tausend Jahre alten Steine und der Gesang der Mönche verbinden sich zu einer Einheit, die transparent wird hin zum Ewigen. Obwohl es ein heißer Sommertag wird, verspüre ich eine Gänsehaut. Der Gesang bereitet der Stille kein Ende, sondern verwandelt sie. Die ältesten Steine da herinnen, die gleichsam den Hohlraum für den Gesang der Mönche bilden, sind weit über tausend Jahre alt. Ein ganzes Menschenleben würde nicht ausreichen, ihnen zuzuhören, wenn sie von den Menschen erzählten, die hierhergekommen sind. Siebenmal am Tag kommen die Mönche in die Kirche und erfüllen diese mit ihrem Gesang, sich ganz Gott hingebend und in ihm geborgen wissend. Ihr betendes Singen, zu dem sie alle drei Stunden von der Glocke gerufen werden, bestimmt ihren Tagesablauf, ihr ganzes Leben. In diesem tausend Jahre alten Gregorianischen Choral kommen sie ganz zu sich und wenden sich ganz Gott zu, um sich dann von ihm erfüllt wieder der Welt und den Menschen zuwenden zu können.

Sant’Antimo, ein Ort voller Schönheit, Stille und Frieden, ein Ort des Gebetes, des Neu- Werdens, der Verinnerlichung, um zu sich kommen, sich berühren und herausholen zu lassen aus aller Dunkelheit, Schwachheit und Angst in das Licht und die Schwingungen des Ewigen.

Ehe ich gegen Mittag wieder ins Auto steige, werfe ich noch einmal einen Blick zurück auf Sant’Antimo und spüre, dass ich beim Weggehen nicht mehr der gleiche Mensch bin wie der, der am Morgen hier angekommen ist.

 

© Josef Gredler