Josef Gredler

Gebet nach einer Bibellesung

 

Jesus von Nazaret, Sohn des lebendigen Gottes, du hast vor zweitausend Menschenjahren –

 selber Mensch geworden – das Reich Gottes verkündet und Menschen dazu in deine Nachfolge gerufen. Die dir gefolgt sind, konnten deine Worte lange nicht verstehen, erst im Nachhinein gingen ihnen Geist, Herz und Sinne auf. Von deinem Geist erfasst und erfüllt haben sie dann deine Botschaft der Welt verkündet und haben für sie Zeugnis abgelegt bis in die Nacht des Todes. Dein Aufruf zur Nachfolge, zum Eintritt in das Reich Gottes ist seit damals nie mehr verstummt. Ich kann ihn in all meiner Schwachheit hören, trotz meiner Erbärmlichkeit spüren. Aber ich bin nicht wie einer von denen, die du damals gerufen hast. Ich bin wie einer von denen, die in ihrer Blindheit nach dir gerufen haben, damit du ihnen die Augen öffnest. Ich bin wie einer von denen, die taubstumm dich um Gehör und Stimme gebeten haben. Ich bin wie einer von den Gelähmten, die gehen und wieder auf ihren eigenen Beinen stehen wollten. Ich bin einer von diesen Aussätzigen, die dich angefleht haben, dass sie rein werden durch dich. Ich bin einer, der von Abergeistern dieser Welt besessen und gefesselt ist, und rufe zu dir, dass du mich von ihrer Umklammerung befreist. Wenn du mich rufst, dann ergeht dein Ruf also an einen Blinden, Taubstummen, Gelähmten, Aussätzigen, Besessenen, unfähig zur Nachfolge wie jene Männer und Frauen, die alles aufgegeben und hinter sich gelassen haben, um dir zu folgen. Ich wäre noch viel eher davongelaufen, als deine Jünger dies taten. Und unter das Kreuz hätte ich mich nie gewagt. Wenn du mich dennoch rufst, dann musst du wissen, dass ich in meiner Dunkelheit, Schwachheit und Angst mich selbst nicht loslassen kann. Was kannst du dir von mir erwarten, dass du mich rufst? Nur dass ich bis zum Ende meiner Tage in dieser Welt brauche, um überhaupt gehen zu können, anfanghaft sehen und hören zu können. Wenn du dennoch nach mir rufst, dann musst du in mir sehen, aus mir hören, mit mir gehen, für mich reden. Ich kann dir nichts anbieten, dir nichts versprechen. Aber du lässt es trotzdem immer wieder in mir aufleuchten, sodass ich  für kurze Zeit erkenne: Du bist der Weg, der allein zum Ziel führt.  Du bist die Wahrheit, für die allein zu leben sich lohnt. Du bist das Leben, das allein den Tod besiegt.