Josef Gredler

Richtungswechsel

 

Wir schauen auf unser Leben, sind mit der Richtung, die es genommen hat, unzufrieden und möchten es ändern. Dies und das und jenes müssten ganz anders sein. Wir würden das gerne ändern, uns ändern, unserem Leben eine neue Richtung geben. Wir streben nach einer Wende. Wir suchen die große Zäsur, jenseits der wir dann andere Menschen zu sein hoffen. Schon viele vor uns haben die große Umkehr versucht und erfahren müssen, dass die große Wende nicht gelingen will. Viele Gedanken gehen uns durch den Kopf bei Tag und manchmal auch in der Nacht, wie diese Lebenswende gelingen soll. Die Konturen dieses Vorhabens werden zunehmend deutlicher, bis wir diesen Schritt eines Tages endlich und ernsthaft versuchen. Ob er gelingt?

Wir wissen von großen Mystikern, wie sie ihrem Leben an einem großen Wendepunkt eine ganz andere, ganz neue Richtung gegeben haben. Manche von ihnen wurden von der Wende ja selber überrascht. Den allermeisten, die sich ernsthaft um eine neue Zielorientierung bemühen, war diese einmalige totale Wende nicht möglich. Der große Richtungswechsel will uns nicht gelingen. Sollen wir ihn als unerfüllbare Vorstellung aufgeben? Sein Leben ändern zu können, bleibt das nur ein Traum? Im Schatten der großen und spektakulären Lebenswenden großer Ausnahmegestalten haben unzählige kleine Richtungswechsel statt gefunden, die ganz anders verlaufen sind, nicht von heute auf morgen, nicht spektakulär, sondern in vielen kleinen Schritten, die täglich versucht werden und die in ihrer Summe dem Leben auch ein ganz andere Richtung zu einem neuen Ziel geben.

Lebenswende, ob in einem einmaligen großen Schritt oder in vielen kleinen Schritten gelingt nicht kraft der eigenen Anstrengung, sondern ist immer Gnade, geschenkt. Saulus ist durch den ganz plötzlichen und völlig unerwarteten Anruf des von ihm verfolgten Jesus – aus heiterem Himmel sozusagen – vom Pferd gestürzt. Aber was sollen wir tun, wenn wir nicht von einem Pferd stürzen oder wie große Gestalten des Glaubens kein großes Umkehrerlebnis haben, das unser Leben von der einen Stunde auf die andere völlig verwandelt? Vielleicht verabreicht uns Gott die Gnade der Wandlung in kleinen Portionen, die uns zu vielen kleinen Schritten, Kurskorrekturen veranlassen. Wir wachen nicht eines Tages auf und erfahren uns in einer radikalen Wende bekehrt und verwandelt.

Nehmen wir nehmen nicht gleich das ganze Leben in Visier! Beschränken wir uns auf diesen Tag heute! Wir legen diesen heutigen Tag in Gottes Hände und bitten ihn, mit uns zu sein bis zum Abend. An seiner Hand versuchen wir heute in vielen kleinen Schritten, unsere Not zu wenden, unserem Leben eine neue Richtung zu geben. Dazu wissen wir Jesus an unserer Seite. Wir bleiben uns bewusst, dass er da ist, dass er heute den Ton angeben, die Richtung bestimmen soll. Wir überlassen uns für diesen Tag ihm. Bis heute Abend soll uns Jesus Brot des Lebens, Licht der Welt sein. Solche Bilder helfen uns, wenn sie uns durch den Tag begleiten. Wir bleiben durch sie mit ihm verbunden, nicht nur wenn wir mit ihm reden, wir bleiben es auch ohne Worte. Das Evangelium nennt eine solche Verbundenheit „beten ohne Unterlass“.

Am Abend bringen wir dann uns und den ganzen Tag vor Gott, danken für jeden kleinen Umkehrschritt, der gelungen ist, und erkennen auch, wann und wo uns die kleinen Richtungswechsel nicht möglich waren. Wir legen auch die ausgebliebenen Schritte zurück in seine Hände und wissen, morgen ist wieder ein Tag, an dem wir wieder die vielen kleinen Schritte mit ihm versuchen. Bestimmte tägliche Rituale können diese vielen kleinen Kurskorrekturen  unterstützen. Festgelegte, regelmäßige Zeiten, in denen wir die Verbindung mit ihm bewusst suchen, intensivieren, helfen uns, ihn im großen Abstand vom Morgen bis zum Abend nicht loszulassen. Gesundheitsbewusste Menschen haben ihre Wasserflasche bei sich, aus der sie stündlich mehrmals trinken. Eine inwendige Kurskorrektur ist nicht möglich ohne spirituelle Wasserflasche, um unserer Seele laufend die notwendige Flüssigkeit zuzuführen.

Den allermeisten Menschen, die nach Umkehr und Erneuerung streben, gelingt diese nicht in einer einmaligen großen Stunde wunderbarer Wandlung, sondern vollzieht sich in vielen kleinen, täglichen, unscheinbaren Schritten, die aber in ihrer Summe dem Leben auch eine ganz neue Richtung geben, zu einem neuen Ziel führen.

 

© Josef Gredler