Josef Gredler

Gott hat keine Chance, wenn wir schon alles – ohne ihn – festgelegt haben

 

Wenn wir am Morgen aufstehen, dann ist in unseren Gedanken oft schon genau festgelegt, wie heute alles ein soll, der ganze Tagesablauf ist fixiert. Wir haben schon ein fertiges inneres Bild von dem, was heute wann, wo, wie und durch wen geschehen soll. Jetzt muss es nur noch so kommen, tatsächlich so ablaufen, wie wir uns das in Gedanken schon ausgemalt haben, dann passt alles, dann sind wir zufrieden und gut gelaunt. Vielleicht haben wir am Morgen schon um Gottes Segen gebetet, ihm unseren Plan vorgelegt, damit er ihn absegne. Und wenn es dann doch anders kommt? Irgendetwas verläuft  anders, als wir uns vorgestellt haben. Dann sind wir dementsprechend enttäuscht, frustriert, verärgert. Wir haben uns doch voll Energie so bemüht. Auch auf Gott ist kein Verlass. Wir haben ihn doch mit großem Nachdruck und inständig um seinen Segen gebeten, und trotzdem läuft dies und jenes oder vielleicht alles schief. Diese Enttäuschung nimmt uns jede gute Laune. Wir merken gar nicht, wie ungenießbar wir deshalb sind.  Am besten, es redet uns niemand an. Mehr schlecht als recht bringen wir den Tag zu Ende. Enttäuscht und müde legen wir uns am späten Abend zur Ruhe, um am nächsten Morgen wieder ganz genau so anzufangen wie heute: ein fertiges inneres Bild vom Tag dem lieben Gott wieder zum Absegnen vorlegen und dann hinein ins Geschehen. Dies und jenes läuft auch heute wieder schief, das unseren Stimmungspegel entsprechend senkt. Und so könnte daraus eine unendliche Geschichte werden.

Was läuft da wirklich schief? Wir haben Gott in unsere Pläne einspannen wollen, damit er uns bei ihrer Durchführung hilft. Nach seinen Plänen und Wegen haben wir gar nicht gefragt. Wir haben ihm genau vorgegeben, wozu er seinen Segen geben soll. Und wir haben ihn auch inständig und mit Nachdruck darum gebeten. Aber wir haben ihn nicht einmal mitreden lassen, wir haben ihn gar nicht erst gefragt. Er, der liebe Gott, hätte uns zu Diensten sein sollen, weil wir ihn darum gebeten haben. Aber er hat sich offensichtlich geweigert. Wir haben uns ganz eingeschlossen in unsere Pläne und Vorstellungen, da ist kein Raum mehr für ihn, für seine Pläne mit uns. Eine Kurskorrektur „von oben“ ist nicht vorgesehen, nicht eingeplant. Unser Herz ist ganz verschlossen für ihn, keine Tür ist offen, nicht einmal ein Fenster. Wir möchten Gott als Wegbereiter für unsere Wege benützen, aber uns nicht auf seine Wege begeben, darauf lassen wir uns gar nicht erst ein. Wir sind so auf unsere Vorstellungen und Wege fixiert, dass Gott gar keine Möglichkeit hat, in unser Leben hineinzuwirken. Da ist schon alles bestimmt und festgelegt, jeden Tag. Wir suchen nicht Gott selber, wir wollen nicht ihn, sondern nur etwas von ihm. Wir wollen nicht die Beziehung zu ihm, sondern ihn für unsere Pläne benützen.

Vielleicht sollten wir es wagen, dass wir es einmal ganz anders versuchen. Wir legen am Morgen nicht schon fest, wie jedes Gespräch verlaufen soll, wie die Besprechung ausgehen, welche Entscheidung fallen, wie ein Problem gelöst werden, wie eine Arbeit getan werden soll. Wir sind gut vorbereitet, wir haben uns Gedanken gemacht und geplant, aber wir gehen trotzdem offen in den Tag hinein, in die Aufgaben, die auf uns zukommen. Wir legen den Ausgang von Besprechungen, Begegnungen, Entscheidungen letztlich in Gottes Hand. Das ist keine bequeme Lösung, sondern wir öffnen uns einfach den Wegen Gottes, seinen „Vorstellungen“ und „Plänen“, die er uns „direkt“ mitteilt oder über Menschen, denen wir begegnen, mit denen wir zu tun haben. Er möge mit uns sein, unser Tagewerk und unser Lebenswerk zu einem guten Ende bringen. Auf einmal gehen wir auf Situationen ganz anders zu, wir nähern uns den Menschen ganz anders. Wir messen sie nicht daran, ob sie uns genau ins Konzept passen, genau das denken, sagen, tun, was wir gern hätten. Wir halten uns offen und schaffen so Einstiegsluken für Gottes heilendes Handeln an uns. Es geht nicht mehr darum, dass alles genau so kommt, wie wir es wollen. Es geht darum, dass das geschieht, was letztendlich das Gute und Richtige ist. Für das letztendlich Gute und Richtige sind wir nicht ausreichend zuständig. Da ist unser Blickwinkel zu eng, das überlassen wir besser dem lieben Gott. Er hat aus der Perspektive des Ewigen einen ganz anderen Blickwinkel. Wir möchten Werkzeug seines Friedens sein. Auf einmal werden wir viel gelassener, genießbarer, umgänglicher, freundlicher, offener, freier, gelöster. Auch die Menschen um uns scheinen uns auf einmal anders. Wer so „die Dinge“ auf sich zukommen lässt, hat nicht nur seinen Blickwinkel verändert, er hat sich selbst verändert und wird merken, dass sich die Menschen und das Leben um ihn herum verändert haben und weiterhin verändern werden, weil sie nicht mehr an unseren eigenen Vorstellungen gemessen werden. Wir gehen nicht mehr so verkrampft und verbissen auf Situationen zu. Wir beginnen das Gute zu entdecken, das uns begegnet und widerfährt, weil es nicht schon fix eingeplant und damit selbstverständlich ist. Wir nehmen uns das Gute nicht, wir nehmen es an, lassen es uns schenken und können dafür dankbar sein. Dankbar sein können verändert das Leben. Wir werden freier, ruhiger, gelassener. So lebt es sich auch entschieden besser, leichter. Am Abend blicken wir ganz anders auf den Tag zurück. Nicht alles ist genau so gekommen, wie wir uns gewünscht hätten, aber da war so vieles, Großes und Kleines, wofür wir Gott dankbar sein können. Das Leben ist kein Konzert mehr, das von unserem Taktstock dirigiert wird. Wir haben ihn loslassen, sozusagen aus der Hand gegeben, in die Hände dessen, der mir versprochen hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“.

 

© Josef Gredler