Josef Gredler

Die Darstellung in der Weihnachtskrippe

 

Für alle, die Krippen bauen, aufstellen, bestaunen, betrachtend davor verweilen

Das große Geheimnis der Menschwerdung Jesu, das wir in der Krippe darzustellen versuchen, ist nicht einfach hereingebrochen in die Geschichte der Welt, sondern hat viele Vorgeschichten, in denen sich dieses Geschehen, in dem Himmel und Erde sich berühren, anbahnt und ankündigt. Ein Mädchen aus dem kleinen Nazaret in Galiläa sagt ja zur göttlichen Botschaft des Engels. Ihr Verlobter Josef wird zum frommen Helfer des Heils, obwohl er nicht weiß, wie ihm geschieht. Propheten und Heilige Schriften kündigen dieses Geheimnis seit unzähligen Generationen an. Betlehem, die Stadt Davids, ist zur Zeit Jesu eine kleine, wenig beachtete  Stadt, wir könnten auch sagen ein Nest, im Bergland von Judäa, keine zehn Kilometer südlich von Jerusalem. Nach den Evangelien ist sie als Ort der göttlichen Ankunft auserkoren. Niemand dort ahnt auch nur im Geringsten, zu welchem Weltruhm das kleine Betlehem aufsteigen soll. Auch die große Weltgeschichte – das Römische Reich war damals die Welt – spielt durch die Volkszählung mit herein. Bewohner von Betlehem, Engel, ganze himmlischen Heerscharen, Hirten mit ihren Schafen, ein König, Ochs und Esel, eine Futterkrippe, ein Stern, Könige mit ihrem Gefolge nehmen gewollt oder ungewollt ihre Rolle ein in diesem gottmenschlichen Ereignis, das wir in der Krippe darzustellen uns bemühen, um dann in frommer Betrachtung selbst uns einzulassen auf dieses Geheimnis, das unser Verstehen völlig übersteigt und den Horizont der Welt mit dem Ewigen verbindet.

Diesem irdischen und himmlischen Hintergrund  folgend könnten wir unsere Krippe – nicht im Gegensatz, sondern in einer Weiterentwicklung beschaulicher Krippentradition – schon viel früher, zum Beispiel schon auf den Ersten Adventsonntag hin aufstellen, nicht erst ein paar Tage vor Weihnachten, wie vielerorts üblich. Die Krippe müsste sich dann bis zum Weihnachtsfest und darüber hinaus immer wieder verändern oder sagen wir besser dramaturgisch entwickeln. Das haben Krippenfreunde ja bisher auch schon in gewisser Weise getan, wenn sie den Heiligen Drei Königen erst zwei Wochen nach der heiligen Nacht ihren Platz in der Krippe zuweisen und später den Stall leer darstellen, weil Jesus mit Josef und Maria sich bereits auf der Flucht nach Ägypten befindet…

  1. Die Krippe zum Ersten Adventsonntag:

Betlehem weiß noch nichts vom großen Geschehen, das in einigen Wochen diese kleine, in der damaligen Welt unbekannte Stadt für alle Zeit verändern soll. In dieser Unwissenheit macht Betlehem einen fast verschlafenen Eindruck. Das Leben in der Stadt unterscheidet sich in nichts von dem in anderen Provinznestern. Alles nimmt seinen gewohnten, unscheinbaren Lauf. Noch ist nichts zu spüren vom bunten Treiben der bevorstehenden Volkszählung. Nichts deutet im Stall auf seine große Bestimmung hin. Die Sterne am Himmel sind wie alle Tage. Der Stall ist leer oder ein paar Schafe suchen dort Unterschlupf, vielleicht sind auch Ochs und Esel schon da, aber noch ganz ohne ihre Rolle der Heiligen Nacht. Draußen auf dem freien Feld sind Hirten bei ihren Schafen, wie das seit Jahrhunderten der Fall ist. Nichts, aber schon gar nichts deutet darauf hin, dass Betlehem in einigen Wochen Schauplatz des größten Geheimnisses der Geschichte werden soll.

  1. Die Krippe zum Fest „Mariä Empfängnis“ (8. Dezember):

Zum Fest Mariä Empfängnis, das wir am 8. Dezember feiern, stellen wir das Evangelium dieses Festtages dar, das ein wenig irreführend die Botschaft des Engels an Maria verkündet und deshalb gerne mit dem Fest Mariä Verkündigung vom 25. März verwechselt wird. Biblisch nicht ganz korrekt stellen wir diese Szene von Nazaret auf unserer Krippe in Betlehem dar. Aber die Krippe, die in ihrer Darstellung auch nicht an historische Nebensächlichkeiten gebunden ist, darf sich diese gestalterische Notlösung durchaus erlauben. Der Erzengel Gabriel kommt zum Mädchen Maria aus Nazaret, um ihr die große Botschaft zu verkünden. Ihr Ja zu Gottes Heilsplan ist auch der Grund, der uns Krippen bauen, aufstellen und bestaunen lässt. Die Begegnung Marias mit dem Erzengel Gabriel beherrscht jetzt die Szene in unserer Weihnachtskrippe. Wem nicht eigene Figuren dafür zur Verfügung stehen, der kann für diese Aufstellung auch die Maria aus der Geburtsdarstellung verwenden. Sie beugt sich dann nicht zum Kind hinunter, sondern verbeugt sich in Ehrfurcht vor Gabriel, dem Engel des Herrn, dessen Rolle wiederum der spätere Verkündigungsengel übernehmen könnte.

  1. Die Krippe in der letzten Adventwoche

Unser Blick richtet sich in diesen Tagen immer mehr auf die Ankunft des Jesukindes im Stall zu Betlehem, das wir mit nachösterlichem Blickwinkel auch das Christkind nennen. Betlehem ist mittlerweile schon ganz vom Trubel der Volkszählung erfasst.  Es kehrt so richtig Leben ein in diese Stadt. Das stellen wir mit zusätzlichen Figuren dar. Unter denen, die sich zur Eintragung in Steuerlisten in die Davidsstadt begeben, sind auch Josef und seine hochschwangere Verlobte Maria, die spürt, dass es bald so weit sein muss. Von Nazaret in Galiläa bis nach Betlehem in Judäa sind es über hundert Kilometer Luftlinie. Der Weg hierher war gewiss beschwerlich und anstrengend. Vom Esel ist im Lukasevangelium zwar keine Rede, das soll uns aber nicht irritieren, bei der Herbergssuche in Betlehem Maria auf einem Esel sitzen zu lassen. So stellen wir jetzt die Herbergssuche dar, mit einem Esel, die hochschwangere Maria darauf sitzend und Josef voraus, von Haus zu Haus gehend, um Herberge zu finden für die heilige Niederkunft.

  1. Die Krippe zur Heiligen Nacht

Die Darstellung des Geschehens der Heiligen Nacht ist wohl das Innigste der ganzen Krippe, ein Viehstall wird zum Ort des heiligsten Geschehens. Wir stellen dabei eigentlich das Weihnachtsevangelium nach Lukas dar (Lk 2,1-20). Da ist tatsächlich von einer Krippe die Rede, in die Maria ihr neugeborenenes Kind legt. Josef als frommer Beschützer des göttlichen Kindes und seiner Mutter erlaubt uns von der „Heiligen Familie“ zu sprechen. Die Krippe, ein Futtertrog für Tiere, gibt unserer ganzen Darstellung bzw. Nachbildung ihren Namen. Der Stall kommt zwar in der Bibel nicht vor, er ist unsere Schlussfolgerung aus der Futterkrippe, könnte natürlich auch nur ein höhlenähnlicher Unterstand für Vieh und Hirten gewesen sein. Ochs und Esel fehlen im Weihnachtsevangelium zwar auch, aber ihre Anwesenheit in unserer Krippe hat durchaus einen guten biblischen Grund. Sie verdanken ihre Anwesenheit in der Heiligen Nacht dem Propheten Jesaja, der beide erwähnt. Die Kirchenväter haben diese prophetischen Worte so gedeutet, dass Ochs und Esel im Gegensatz zu vielen Menschen  die Göttlichkeit dieses Kindes erkennen und anerkennen. Die Hirten, die auf dem offenen Feld über ihre Herde wachen, sind die ersten, die von der Geburt des Retters und Erlösers erfahren. Kein geringerer als der Engel des Herrn ist der Überbringer dieser Botschaft. Kein Wunder, dass sie erschrecken, aber der Engel beruhigt sie gleich, sie sollen sich nicht fürchten, denn er verkündet ihnen eine große Freude. Dass Hirten die ersten sein durften, gibt dem Weihnachtsevangelium auch eine provokante Note, denn Hirten waren damals als Gesindel verschrien. Sie standen in der sozialen Rangordnung ganz unten auf der Ebene von Zöllner und Dirnen. Den Schafen erging es oft besser als ihnen. Dennoch  dürfen sie die ersten beim Jesuskind sein. Und schließlich ist da nicht nur ein Engel, sondern ein großes himmlisches Heer, das Gott lobt und preist. Schade, dass dieses himmlische Heer oft nur durch einen einzigen Gloriaengel dargestellt wird.

  1. Die Krippe und die „Heiligen Drei Könige“:

Jetzt kommen dem Evangelium nach Matthäus folgend die Sterndeuter oder Weisen - die Volksfrömmigkeit hat aus ihnen drei heilige Könige gemacht wegen ihrer königlichen Geschenke - zur Krippe. Diese „Heiligen Drei Könige“ kommen aber erst nach den Hirten zum neugeborenen Jesuskind. Ein Stern hat sie auf wundersame Weise von weit aus dem Morgenland im Osten hierher geführt. Mit ihnen kommen Vertreter der weiten Welt zu Jesus. Gott ist nicht nur für sein auserwähltes Volk Mensch geworden, sondern für alle. Dieses göttliche Kind wird auch für alle einmal sein Blut vergießen. Was hier geschehen ist, ist nicht nur ein auserwählte Menschen erlösendes Geschehen, sondern öffnet allen die Tür zu Heil und Vollendung. Die Hirten treten in dieser Krippendarstellung etwas in den Hintergrund, die Könige mit ihrem Gefolge beherrschen die Szene, der Stern steht oder hängt jetzt in unserer Krippe über dem Stall. Wenn die Heilige Nacht der Höhepunkt der Innigkeit in unserer Krippe ist, am Fest der "Heiligen drei Könige" entfaltet die Krippe ihren größten Glanz, ihre höchste Pracht. So lassen wir die Krippe stehen bis…

  1. Maria und Josef mit dem Jesuskind auf der Flucht:

Als die Sterndeuter gegangen sind, erscheint - ebenfalls nach dem Evangelium nach Matthäus - dem Josef im Traum ein Engel und sagt ihm, dass er alles zusammenpacken und mit Maria und dem Kind nach Ägypten fliehen soll, weil Herodes das Kind sucht, um es zu töten. Josef tut das ohne Widerrede, voll Vertrauen und ohne vom Engel eine Erklärung zu verlangen.  Der Stall hat aufgehört, Ort des heiligen Geschehens zu sein. In unserer Krippendarstellung kehrt wieder der Alltag ein, draußen auf dem Hirtenfeld und drinnen im Stall oder Viehunterstand. Wir sehen Josef vorausgehen, den Esel führend, auf dem Maria mit dem Jesuskind sitzt, als Flüchtlinge nach Ägypten aufbrechen. Mangels besonderer Krippenfiguren für diese Darstellung können wir uns auch der Gruppe der Herbergssuche bedienen, allerdings hat Maria jetzt das Kind im Arm oder auf dem Schoß. Die Heilige Familie verlässt jetzt unsere Weihnachtskrippe.

  1. Das Leben in Betlehem nimmt wieder seinen gewohnten Lauf:

Die Heilige Familie ist dem Blickfeld unserer Weihnachtskrippe entschwunden und befindet sich auf dem Weg nach Ägypten, um das göttliche "Königskind" vor der machtbesessenen Grausamkeit des weltlichen Königs Herodes in Sicherheit zu bringen. Die Heilige Schrift berichtet nicht Näheres von diesem Weg. Bis zu ihrem Abbau stellt sich unserer Krippe wieder so dar wie zum 1. Adventsonntag.

Früher blieb die Weihnachtskrippe in der Regel bis zum 2. Feber, dem Fest "Mariä Lichtmess" (heute "Darstellung des Herrn") stehen, weil mit diesem Fest der Weihnachtsfestkreis endete. Dass die Darstellung des Herrn im Tempel und die Flucht der Heiligen Familie historisch chronologisch nicht "zusammenpassen", soll nicht stören, weil gerade die Kindheitsgeschichte Jesu in den Evangelien nicht exakte historische Einzelheiten vermitteln will, sondern eine Botschaft, deren Wahrheit tiefer liegt als oberflächliche geschichtliche Fakten. Die Krippe unterwirft sich in ihrer Darstellung nicht einzelnen historischen Forschungsergebnissen, sondern will ein Geheimnis des Glaubens sichtbar machen und orientiert sich daher an der Botschaft der Evangelien des Matthäus und des Lukas. Die Wahrheit der Krippe überragt historische Jahreszahlen,  Ortsangaben und andere Details.

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil endet der Weihnachtsfestkreis mit dem Sonntag nach "Erscheinung des Herrn", dem Fest der "Taufe des Herrn". Deshalb wird vielerorts mit diesem Tag die Weihnachtskrippe wieder abgebaut. Allerdings halten Menschen mit einem besonderen inneren Bezug zur Weihnachtskrippe gern an der alten Tradition fest und lassen die Krippe bis zum 2. Feber stehen. Auch dafür gibt es einen biblisch guten Grund: An diesem Tag, dem Fest der "Darstellung des Herrn", 40 Tage nach dem Fest der Geburt Jesu feiern wir, dass er von seinen Eltern in den Tempel gebracht wird, um ihn dem Herrn zu weihen. Dabei begegnet das Jesuskind dem greisen Simeon und der hoch betagten Hanna. Simeon nimmt das Kind in seine Arme und erkennt in ihm den Heilbringer, den Messias. Hanna kommt hinzu und sieht in diesem Kind den Erlöser. Der 2. Feber, Darstellung des Herrn, ein stimmiger Abschluss für unsere Weihnachtskrippe.

 

© Josef Gredler

 

Gedanken dazu auch in den Beiträgen:

- Wie die Hirten

- In der Krippe steht die Welt auf dem Kopf

- Warum die Könige erst nach den Hirten zum Christkind kamen

- Krippe und Kreuz