Josef Gredler

Wir sagen euch an das Licht der Welt

 

„Wir sagen euch an den lieben Advent. Sehet die erste Kerze brennt!“ So singen manche von uns am ersten Adventsonntag und zünden die erste Kerze an. Wir zünden sie nicht einfach an, wir vollziehen ein vielen lieb gewordenes Ritual. Unser Glaube verlangt nach Ritualen und Symbolen, um sich auszudrücken und um zu erfahren. Wir ahnen dabei etwas von dem Ewigen jenseits der Begrenzung dieses Leben. Das kleine Licht weist über den Horizont dieser Welt hinaus. Im Licht einer Kerze richten wir uns aus auf das Ewige und Absolute. Advent geht nicht ohne Kerzen. Kerzen brennen, wo die Worte nicht mehr ausreichen, um das auszudrücken, was wir glauben, ersehnen. Eine  brennende Kerze ist mehr als Wachs und Docht, die gemeinsam eine kleine Flamme erhalten. Da brennt auch in uns etwas.

„Wir sagen euch an den lieben Advent, sehet die zweite Kerze brennt!“ Falls die Kerzen auf unserem Adventkranz zu Hause violett sind, ist das nicht nur eine Frage des Geschmacks, des ästhetischen Empfindens. Violett ist die Farbe der Umkehr, des Wandels, der Erneuerung. Die Botschaft dieser Wochen ist nicht das „Süßer die Glocken nie klingen“, das in Kaufhäusern von früh bis spät ertönt, um den Umsatz zu erhöhen. Die Botschaft ist der Aufruf zur Umkehr, zum Neuwerden auf den hin, dessen Ankommen in dieser Welt am Horizont dieser Wochen steht.

Unsere Sprache ist durchtränkt von „Licht“ und dessen unzähligen Wortverbindungen. Architekten, Raumplaner, Landschaftsgärtner, Ärzte, Psychologen, Therapeuten, wir alle wissen von der Wirkung des Lichtes auf den Menschen und erfahren diese oder ihre Kehrseite, die Dunkelheit, täglich. Licht ist Leben. Wo kein Licht ist, gibt es kein Leben. Jede Pflanze wächst dem Licht zu, nur mit Gewalt können wir sie daran hindern, sodass sie stirbt.

„Wir sagen euch an den lieben Advent. Sehet die dritte Kerze brennt!“ An manchen Adventkränzen ist die dritte Kerze rosa, weil die Botschaft dieses 3.Adventsonntags den zur Umkehr und Wegebreitung mahnenden Grundakkord der biblischen Lesungen unterbricht durch ein entschiedenes „Freut euch!“ Die biblischen Texte nennen uns auch den Grund für diese Freude, die Berechtigung dazu: Gott, durch den Heilung, Befreiung, Jubel, Freude, Licht kommt in unsere Welt.

Auf den ersten Seiten der Bibel im Schöpfungshymnus des Buches Genesis heißt es in den ersten Zeilen: Gott sprach: „Es werde Licht. Und es wurde Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.“ Mit dem Licht hat alles begonnen. Das Licht ist der Beginn der Schöpfung, einer schöpferischen Entwicklung von Jahrmilliarden. Ohne Licht keine Welt, kein Mensch, keine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der Botschaft der Propheten gehört das Licht zum zukünftigen Heil. „Ich bin das Licht der Welt“ sagt Jesus von sich im Evangelium des Johannes. Eine nahezu unglaubliche Verheißung, ein göttliches Versprechen in eine Welt, in der auch die Dunkelheit ihre Geschichte hineinschreibt seit Menschengedenken. Wenn wir am Morgen die Zeitung durchblättern mit den vielen dunklen News aus aller Welt, am Abend im Fernsehen die Bilder dazu geliefert bekommen, dürfen Christen dennoch glauben: Er ist das Licht der Welt.

Und in diesem Glauben halten wir für den Täufling eine Taufkerze in der Hand, weil Christus auch für ihn das Licht der Welt ist. Wir haben diese Taufkerze nicht selber entzündet, wir haben uns das Licht für sie von der Osterkerze geholt, Zeichen des Auferstandenen, der Finsternis und Tod besiegt hat und dieses Kind in die Perspektive des Erlöst-Seins stellt. Und bei der Erstkommunion will die Taufkerze wiederum diese Verheißung mitgeben. Als Hochzeitskerze brennt die Kerze abermals in dieser einladenden Zusage. Früher, als das Sterben mehr zu Hause als hinter den Türen des Krankenhauses geschehen konnte, war es in gläubigen Familien frommer Brauch, eine Kerze am Sterbebett zu entzünden. Hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass dieses Leben nicht einfach in die Finsternis hinein verlöscht, sondern hinein stirbt in das Licht des ewigen Gottes. Nicht nur tröstenden Bild, sondern menschliche Vorstellung überbietende  Verheißung. Wer am Tag Allerheiligen in der Dunkelheit der beginnenden Nacht auf den Friedhof geht,  wo das, was sterblich war an unseren Lieben, in der Erde ruht, findet diesen Ort hell erleuchtet von der Hoffnung, dass jenseits des Grabes sich ein neues Leben auftut in Unvergänglichkeit und Vollendung. Wenn wir bei einem Sterberosenkranz um die „ewige Ruhe“, oder besser um die „ewige Freude“ für den Verstorbenen beten, dann antworten alle „und das ewige Licht leuchte ihm/ihr“. In einer solchen Stunde voll Vertrauen und Glauben so beten zu dürfen, rückt Leben und Tod in eine völlig neue Beziehung.

Wenn in der Kirche vorne irgendwo in der Nähe des Tabernakels in einem roten Glas das „Ewige Licht“ brennt,  ist es für eingeweihte Christen der verlässliche Hinweis, dass im Tabernakel Christus in Gestalt des Brotes gegenwärtig ist. Das Licht, das „Ewige Licht“ als Zeichen für die Gegenwart des auferstandenen und erhöhten Christus. Wenn man allein in eine stille Kirche einkehrt zu einem andächtigen Verweilen, mag dieses Ewige Licht sogar eine besondere Anziehungskraft haben. Wer diese verheißungsvolle Stille in der Nähe des Ewigen Lichtes schon einmal erfahren hat, weiß um die heilende „Wirkung“ solcher Minuten.

Das Licht einer brennenden Kerze durchzieht wie ein Refrain von der ewigen Liebe Gottes unser Leben.

 

© Josef Gredler