Josef Gredler

Frieden – das Unverzichtbare der Botschaft Jesu

 

Friede, Friedensschluss, Weltfriedenstag, Friedenserziehung, Friedensbewegung, Friedensforschung, Friedensvertrag,  Friedensnobelpreis, Friedenslicht, Friedensgebet… Sowohl die profane als auch die sakrale Sprache kennt eine Fülle von Vokabeln zum Frieden, sei es zur Bezeichnung realer oder ersehnter Lebensbedingungen. Welcher Friede ist mit diesen Vokabeln gemeint? Welchen Frieden meinen wir? Welchen Frieden hat Jesus gemeint und uns verheißen? Was ist das für ein Frieden, der zur Beendigung oder Abrechnung kriegerischer Auseinandersetzungen den Besiegten von den Siegern diktiert wird? Ist die Abwesenheit  von Krieg und Gewalt schon Frieden? Meint Friede auch eine von Achtung der Menschenwürde geprägte Beziehung? Was macht wirklichen Frieden letztlich aus? Muss Friede alle Lebensbereiche umfassen? Ist wirklicher Friede unabdingbar an das Wohlergehen des Einzelnen, der Gesellschaft, ganzer Völker oder gar aller Menschen in Nord und Süd, Ost und West gebunden? Gibt es Frieden ohne Gerechtigkeit? Ist Friede das, was die Welt am meisten fehlt, was die Menschen am meisten suchen, was man ihr und den Menschen am meisten wünschen muss? Jede  noch so zutreffende Definition von Frieden  kommt dem, was Friede ist nicht so nahe wie das tiefe Verlangen der Menschen nach all dem, was sie mit diesem Wort umfassend ersehnen.

Christen leben in der großen Verheißung des Friedens.  Christen haben aber auch den Auftrag, Menschen des Friedens zu sein. Friede ist eine zutiefst zentrale christliche Vision. In der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift der Christen kommt das Wort Friede  268-mal vor:  Friede ist  Kriterium für heiles Leben, ohne ihn ist  Reich Gottes nicht denkbar. Der Prophet Jesaja formuliert den Traum von einer Welt des Friedens in ergreifenden Bildern. Als Jesus geboren wurde, verkündeten Engel den Frieden. In der Bergpredigt werden die Friedensstifter von Jesus seliggepriesen. Friede gehört zum Inwendigsten der Botschaft Jesu. Das Wort Friede durchzieht die Liturgie und Gebetstradition der Kirche. In vielen Liedern singen wir von diesem Frieden. Wir beten für den Frieden. In der Feier der Eucharistie geben wir einander den Friedensgruß, wünschen wir einander den Frieden, bitten wir um den Frieden, werden wir am Schluss in Frieden entlassen.

Wenn wir einem täglichen Ritual folgend am Morgen in die Zeitung schauen, schnell die Schlagzeilen überfliegen, da oder dort hängen bleiben, erfahren wir, wie vielen Menschen ein Leben in Frieden verwehrt ist, und wie sie unter Krieg, Gewalt, Terror, Unterdrückung und Verbrechen unsägliches Leid erfahren. Schreckliche Meldungen, entsetzliche Bilder erreichen uns täglich über die Medien, aus der Zeitung am Morgen, aus dem Radio im Auto, aus dem Fernsehen am Abend, über das Internet rund um die Uhr. Der Friede, unverzichtbar für ein heiles Leben, muss auf vielen Schauplätzen des Weltgeschehens dem Schrecken der Gewalt weichen. Es gibt viele vergessenen Kriege, von denen wir kaum oder nichts mehr hören oder lesen, weil sie ob ihrer geopolitischen Bedeutungslosigkeit der Aufmerksamkeit der Welt entgehen oder entzogen werden. Krieg, ob im grellen Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit oder in vergessenen, verdunkelten Winkeln, verwandelt immer Hoffnung in Angst, Leben in Sterben. Die Gewalt der Wirtschaft, die Gewalt der Armut verhindert Frieden, auch wenn die Waffen (noch) schweigen. Der Friede erfährt seine Zerbrechlichkeit  auch am Arbeitsplatz, im privaten Lebensumfeld, in der Familie, sogar in uns selber.

Die Kirche, dem von Jesus proklamierten Frieden zutiefst verpflichtet, ist in ihrer Geschichte vom Weg des Friedens selbst oft und weit abgekommen, hat in dunklen Abschnitten ihrer Geschichte den Glauben mit Gewalt herzustellen versucht, die Wahrheit mit Gewalt hüten wollen. Dazu hat sie sich selber mit weltlicher Macht ausgestattet, diese Macht mit Gewalt verteidigt, hat Waffen gesegnet, um die Vernichtung der Feinde gebetet, ist zu gewaltsamen Kreuzzügen aufgebrochen, hat selber Kriege geführt, hat inquisitorisch die Glaubenswahrheit bewacht, in ihren Augen Zuwiderhandelnde verurteilt, bestraft, sogar auf dem Scheiterhaufen verbrannt und damit das Testament Jesu verraten. Aber was immer die Kirche in ihrer Geschichte auch an Unheilvollem angerichtet hat, sie war und ist auch jene Stimme, die Frieden verkündet, gesucht und aufgerichtet hat. Der Friede war und ist untrennbar mit dem Evangelium verbunden und bleibt ein unverzichtbarer christlicher Auftrag, eine zentrale christliche Verheißung und unzerstörbare christliche Vision.

Was immer die Kirche aus der Botschaft des Friedens, die ihr zur Verheißung und zum Auftrag geworden ist, durch menschliche Verirrung oder persönliche bzw. strukturelle Schuld getan oder zugelassen hat, die Botschaft Jesu, der uns Frieden verheißt, ist unumstößlich. Individuelles oder strukturelles Versagen können diese Botschaft nicht aufheben, nicht abändern, nicht umschreiben. Seine Zusage bleibt für jeden Einzelnen und für die ganze Welt unverändert gültig. Christen haben und hatten zu allen Zeiten den Auftrag, in der Welt Frieden zu stiften, Frieden zu bringen. Christen ist und war zu allen Zeiten der Friede verheißen, dessen Erfüllung die vollendete Schöpfung mit einschließt. Unser großes Verlangen, unsere tiefe Sehnsucht nach Frieden hat einen Adressaten: Jesus von Nazaret. In ihm darf sich diese Sehnsucht festmachen.

 

© Josef Gredler