Josef Gredler

Scheinbare Paradoxa in den Evangelien und ganz menschliche Gedanken dazu

 

Vorbemerkung:

Natürlich bin ich mir bewusst, dass sich die folgenden Aussagen Jesu exegetisch aufhellen lassen. Theologen könnten erklären, wie dieses und jenes gemeint oder nicht gemeint ist. Ich habe diese Worte ohne exegetischen Beistand an mich heran lassen, wie es viele Bibel lesenden Menschen tun. Ich habe mich diesen Paradoxa ganz bewusst auf dieser Ebene gestellt.

Beim Lesen in den Evangelien bin ich immer wieder an Worten oder Taten Jesu „hängen geblieben“, die mir voller Widerspruch erscheinen. Aber gerade diese Worte und Taten haben mich nicht mehr losgelassen. Manche sind schier unverdaulich, provokant, stellen alles, was gesunder Menschenverstand denkt, auf den Kopf. Sie widersprechen ganz und gar der Logik dieser Welt, in der ich lebe. Manche haben meine Emotionen , meinen Widerstand geweckt und mich aus der Reserve menschlicher Zurückhaltung gelockt.

So habe ich begonnen, solche Worte Jesu, über die ich in ihrer Unbegreiflichkeit und Unzumutbarkeit gestolpert bin, zu sammeln und aufzuschreiben und mir immer wieder von neuem meine Gedanken darüber zu machen. Ob ich Klarheit gewonnen habe, Antworten gefunden habe? Viele neue Fragen sind entstanden. Aber gerade diese Fragen, Anfragen an Jesus haben mich ihm näher gebracht.

Die folgenden Gedanken habe ich so niedergeschrieben, wie sie sich in mir geformt und gebildet haben. Sie beabsichtigen keine theologische Deutung. Ich bin kein Theologe, kein Exeget. Ich bin einfach jemand, der von diesem Jesus nicht mehr loskommt, auch nicht mehr los will. Vielleicht gerade deshalb, weil Vieles, was er gesagt und getan hat, oder was von ihm gesagt wird, menschliches Begreifen so völlig übersteigt. So muss ich diesen Jesus immer wieder fragen, anfragen, manchmal richtiggehend mit ihm hadern. Ich will sie nicht vermissen diese ganz unbegreiflichen Sätze, die ich da in den Evangelien nachlese. Immer wieder spüre und erfahre ich, dass ER der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, auch wenn ich das oft nicht verstehe, manchmal nur noch ahne, immer wieder aber erhoffe und herbeisehne.

Die Ersten werden die Letzten sein.

Das ist doch ungerecht. Das kann doch nicht sein, dass die Ersten, die Besten, die Rechtzeitigen, die Angesehensten, die Verdienstvollsten, die Schnellsten - die Sieger eben - sich hinten anstellen müssen, ihren Platz räumen müssen für diese Letzten, die Geringsten, die Nobodies, die Zuspätgekommenen – Verlierer eben? So kann man doch die soziale Rangordnung oder die Rangordnung nach Verdiensten nicht ignorieren und auf den Kopf stellen. Und dann „legt dieser Jesus noch eins drauf“ und sagt:

Wer der Größte unter euch sein will, der sei der Diener aller.

Zum „Hilfspersonal“ absteigen ist der eigentliche Aufstieg? Alle herrschaftlichen Kompetenzen und Befugnisse ablegen und sich dienend, helfend, liebend unterordnen das macht uns in den Augen Jesu ganz groß. In der Ohnmacht des Dienens liegt die Größe, zu der wir berufen sind?

Die Arbeiter der letzten Stunde bekommen gleich viel Lohn wie jene, die schon den ganzen Tag arbeiten.

Da wird jegliche Gerechtigkeit auf den Kopf gestellt. Die Gewerkschaften müssten aufheulen bei einer solchen Entlohnungspraxis. Da hört sich doch wirklich alles auf. Wo bleibt denn da das Leistungsprinzip als Grundfeste unserer Gesellschaft? Für eine Stunde Arbeit bekommt man denselben Lohn wie für einen ganzen Tag? Firmenchefs, erfahrene Geschäftsleute und die ganze Belegschaft können darüber nicht einmal mehr lachen. Von Wirtschaft und Geschäft versteht dieser Jesus wirklich nichts, das ist nicht sein Metiers, aber dass er dann auch die Gerechtigkeit so mit Füßen tritt. Alle würden sie über ihn herfallen, wenn er das heute laut sagen würde. Schon damals war es ihnen manchmal einfach zu viel, was er da von sich gab.

Selig die Armen im Geiste!

Was heißt das überhaupt „im Geiste arm“ sein? Sind das nicht jene, die ob ihrer bescheidenen geistigen Kapazität nicht das Sagen haben, keine großen Ansprüche stellen dürfen? Sind das nicht jene, die froh sein müssen, dass wir uns ihnen gütig und huldvoll zuwenden, um sie hereinzuholen in den Kreis derer, wo alle stimmt? Man soll zu den intellektuell Unterprivilegierten, zu den geistig Minderbemittelten zählen, nicht zu den Vordenkern, den Gescheiten und Klugen? Im Geiste arm sein macht uns zu privilegierten Anwärtern auf das Himmelreich?

Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen verfolgt werdet.

Wenn wir verfolgt werden, dann haben wir Angst, laufen wir davon, wollen uns in Sicherheit bringen. Was daran selig sein soll, verstehe, wer will, auch wenn es um seines Namens willen geschieht. Er stellt denen das Himmelreich in Aussicht, verspricht es ihnen. Nicht als billigen Trost, sondern als ernst gemeinte Verheißung.

Sorgt euch nicht um das, was ihr essen und trinken sollt!

Weiß dieser Jesus nicht, was in dieser Welt los ist? Hat er noch nichts von den Dürregebieten gehört, von den vielen Schauplätzen der Not und Katastrophen, hat er  jene schrecklichen Bilder nicht gesehen, bei denen wir lieber wegschauen? Wäre er ein gewöhnlicher Mensch, man müsste ihm geschichtlichen Nachhilfeunterricht geben. Aber in ihm ist doch Gott Mensch geworden. Wenn er seine Aussagen nur ein bisschen mehr erklärt und interpretiert hätte, müssten wir uns heute weniger den Kopf zerbrechen und unser Herz strapazieren.

Liebet eure Feinde!

Kein anderes Wort Jesu ist eine derartige Überforderung. Wie soll das möglich sein? Eigentlich eine Zumutung. Richtet sich dieses Wort nicht gegen jede menschliche Vernunft, gegen den gesunden Menschenverstand sozusagen? Bei allem, was recht ist, geht er da nicht zu weit in seiner Forderung?

Wer Frau oder Kinder mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.

Da steh ich persönlich am meisten an. Ich habe Frau und Kinder und Enkelkinder und sie bedeuten mir alles, mehr als mein Leben. Ihm vertraue ich sie doch immer wieder an. Jeden Morgen und jeden Abend bitte ich ihn um seinen Schutz und Segen für sie. Ihn noch mehr lieben als sie, das geht ja gar nicht. Da versagt meine Fähigkeit zu verstehen. Da kann er so nicht gemeint haben.

Drei Fische und fünf Brote werden ausgeteilt, um Tausende satt zu machen.

Wir stellen uns das doch so vor, dass aus den paar Broten und Fischen Tausende geworden sind. Ein solches Wunder trauen ihm manche durchaus zu.  Er macht aus drei eben tausend, dann geht die Rechnung auf. Wenn aber das Wunder noch größer war, dass drei drei und fünf fünf geblieben sind und trotzdem alle satt geworden sind? Wenn es kein bloßes Mirakel war, dann war es wirklich ein Wunder.

Nicht siebenmal, sondern siebenmal siebzigmal sollst du verzeihen.

Und das täglich. Da kommt man sich als „normaler, guter“ Mensch fast blöd vor bei der Vorstellung, siebenmal siebzigmal verzeihen zu müssen. Werde ich da nicht zum Kasperl für die anderen? Die meinen ja dann, dass sie mich für dumm verkaufen können. Um das zusammenzubringen, müsste man ja die Vergebung selber sein. Selber ganz Vergebung sein? Geht das überhaupt? Kann man das? Da müsste ja mein ganzer Atem ein vergebendes Ein- und Ausatmen sein.

Lazarus, komm heraus (aus deinem Grab)!

Lazarus ist tot. Er riecht schon, wie wir wissen oder in der Bibel nachlesen können. Und tot ist tot. So die Logik dieser Welt. Viele Menschen, und es sind nicht die dümmsten, behaupten, es sei noch keiner zurückgekommen Und dieser Jesus stellt sich einfach vor das Grab und verlangt von Lazarus, dass er herauskommt. Der Evangelist berichtet, dass Lazarus dieser Aufforderung Jesu gefolgt ist und tatsächlich aus seinem Grab herausgekommen ist. Jesus überfordert mich mit seinen Worten. Das mit dem Wind und den Wellen, die auf sein Wort hin still sind, das ist ja auch schon allerhand, aber dass sogar ein Toter, Verwesender einfach so aus dem Grab kommt. Holt dieser Jesus am Ende alle Menschen aus ihren Gräbern?

Heute noch wirst du bei mir im Paradies sein.

Ein großes Versprechen von jemandem, der da am Kreuz, am Galgen hängt. Als hätten die zwei, Jesus und der Schächer, mit ihrem zerschlagenen und geschundenen Körper noch Zeit, Kraft und Sinn für ein derartiges Zwiegespräch. Wie kann das Kreuz mit seiner unvorstellbaren Grausamkeit zum Ort solcher Verheißung werden? Als würde unter dem dunklen Himmel des Karfreitags das Licht des Ostermorgens aufleuchten.

Es ist vollbracht.

Wie kann in diesem Sterben am Kreuz alles vollbracht sein? Wie kann am Schandpfahl des Kreuzes Erlösung geschehen, Heil seinen Anfang nehmen? Wie kann in der äußersten Ohnmacht des Kreuzes die Macht für neues Leben sein? Warum geht  Jesus den Weg durch diesen Tod? Wie kann aus dem Scherbenhaufen von Golgota eine erlöste Welt hervorgehen? Der Schandpfahl sich in ein Zeichen des Heiles verwandeln? Das Kreuz der Verworfenheit und Niederlage zu einem Zeichen des Sieges und der Auferstehung werden?

 

© Josef Gredler